Endlich Halbfinal

Fr, 23. Okt. 2020
Magomed Ayshkanov (links) scheucht seinen Gegner meist über die Matte.

Die Ringerstaffel Freiamt kämpft auswärts im ersten Halbfinal gegen Einsiedeln um den Finaleinzug. Aufgrund der Coronabestimmungen dürfen nur 100 Freiämter Fans dabei sein. Vor dem Duell sprechen Trainer Marcel Leutert und Magomed Ayshkanov, die Maschine aus dem Kaukasus. --red


Die Maschine aus dem Kaukasus

Freiamts Magomed Ayshkanov vor dem Halbfinal gegen Einsiedeln (Samstag, 20 Uhr, Sporthalle Brüel)

Magomed Ayshkanov jagt einem ein wenig Angst ein. Er ist eine Kampfmaschine. Ob im Ringen oder MMA: Seine Gegner müssen meist untendurch. Neben der Matte ist der Tschetschene aber ein lieber Kerl. Im Halbfinal gegen Einsiedeln ist er ein Siegesgarant.

Josip Lasic

Mit Bart, Muskeln und einem Lächeln im Gesicht. Magomed Ayshkanov ist eine Erscheinung. Ein Bomber, Pfundskerl und geborener Kämpfer. Die Narben in seinem Gesicht, die Nase, die wohl schon einige Male gebrochen war, und die Ringerohren zeugen von vielen Fights. Ayshkanov stampft aus der Umkleidekabine im Ringerkeller in Aristau und begrüsst den Journalisten. In welcher Sprache soll das Interview geführt werden? «Russki. – Nein, bitte Hochdeutsch», sagt er – und sein ganzer Körper bebt vor Lachen.

«Gewinn du erst mal alle Kämpfe in der Schweiz»

Der Ringer ist sprachlich in der Schweiz angekommen. Sportlich ist er schon lange ein wichtiger Teil der Ringerstaffel Freiamt. Ayshkanov scherzt mit Freistil-Trainer Reto Gisler. «Reto, warum darf ich nicht international ringen?» Gisler gibt herum: «Gewinn du erst mal alle Kämpfe in der Schweiz. Dann schauen wir weiter.»

Alle Kämpfe in der Schweiz gewinnen. Das nahm der Freistil-Ringer in seiner ersten Saison 2018 für die RS Freiamt wörtlich. Zehn Kämpfe, zehn Siege. Sieben mit einem 4:0. In seinem letzten Kampf der Saison gewinnt er gegen Kriesserns Philipp Hutter «nur» mit 3:0. Grund: Zu Beginn des Duells bricht sich der Athlet die Hand. Er beisst durch und siegt. Ayshkanov war ein Geschenk für die RS Freiamt. Bei der Ringerstaffel klaffte ein Loch im Freistil bei den schweren Gewichtsklassen bis 86, 97 und 130 kg. Der Tschetschene war die perfekte «Füllung».

Aufgewachsen in Tschetschenien

Ayshkanov ist der geborene Kämpfer. Auf und neben der Matte. Er wächst mit seinen Eltern und drei Geschwistern im Nordkaukasus auf. Genauer gesagt in Grosny, der Hauptstadt der russischen autonomen Republik Tschetschenien. Als er 1996 zur Welt kommt, steckt die vorwiegend muslimisch bewohnte Republik zwischen zwei Kriegen. Tschetschenien versucht erfolglos, die Unabhängigkeit von der Russischen Föderation zu erlangen. Grosny ist in den ersten Lebensjahren des Sportlers zu grossen Teilen zerstört. Er blickt positiv zurück: «Das Leben in Tschetschenien ist für Sportler nicht schlecht», erzählt der Freistil-Ringer. «Du trainierst hauptsächlich und wirst finanziert, sodass du einigermassen über die Runden kommst. Mit vielen anderen Berufen schaffst du das nicht. Ausserdem entwickelst du eine andere Mentalität. Du kämpfst quasi um dein letztes Stück Brot. Da brauchst du viel Biss.»

Logistiker bei der Post, als MMA-Fighter ungeschlagen

Er fängt mit 14 Jahren mit dem Ringen an. Viele seiner Altersgenossen trainieren schon seit dem Kindergartenalter. Dennoch setzt sich Ayshkanov durch, gewinnt schnell seine ersten Turniere. In seiner besten Phase gewinnt er die zentralrussische Meisterschaft, wird russischer Vize-Meister im Nachwuchsbereich. 2013 zieht er nach Woronesch, rund 500 Kilometer südöstlich von Moskau. Dort trainiert er und studiert Sport. «Mit den Diplomen hätte ich in Russland als Trainer oder Sportlehrer arbeiten können. Jetzt nutze ich das Wissen, um bei der RS Freiamt und beim Regionalkader als Trainer mitzuhelfen.»

Momentan arbeitet der Ringer als Logistiker bei der Post in Bern. Er lebt mit seiner Frau Milana in Strengelbach und trainiert in Aristau im Ringerkeller. Nebenbei übt er in Aarau und Neuenburg die Kampfsportart «Mixed Martial Arts» aus. Eine Vollkontaktsportart, wo es so richtig zur Sache geht. Auch beim «MMA» ist er ein Kampftier. Seine Bilanz bisher: sechs Kämpfe, sechs Siege.

2019: Tod des Vaters und riesiges Hin und Her

Das Pendeln, die körperliche Arbeit und das Training fordern ihren Tribut. «Ich bin schlechter geworden», sagt Ayshkanov über seine Fähigkeiten als Ringer. Vermutlich ist das auch den Umständen der vergangenen Jahre geschuldet. 2016 kommt der Athlet zu seinem Onkel in die Schweiz. Er schätzt es, dass er hier neben dem Sport arbeiten darf. Seine Lizenz zum Ringen kann er frühestens nach zwei Jahren lösen. Deshalb gibt er sein Debüt für die RS Freiamt erst 2018.

Erste Pleite gegen Willisauer

Nach der dominanten Saison mit zehn Kämpfen und zehn Siegen trifft ihn ein Schicksalsschlag. Anfang 2019 stirbt sein Vater. Ayshkanov reist in seine Heimat. Zu diesem Zeitpunkt ist er mit seiner Frau, die den Schweizer Pass hat, bereits verheiratet. Als er zurück in die Schweiz will, kommt das böse Erwachen. Die hiesigen Behörden erkennen die Ehe nicht an und die Heirat wird annulliert. Das Paar heiratet erneut, amtlich in Russland. Danach kann der Kämpfer einen Antrag auf eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz stellen. Erneut ein Kampf neben der Matte, den der Ringer zu bestehen hat. Erneut gewinnt er. In der Zeit in Russland kann der Sportler aber nicht regelmässig trainieren. Er kommt erst zu den Finalkämpfen gegen Willisau in die Schweiz zurück. Gegen Stefan Reichmuth kassiert er seine erste Niederlage in der Schweiz.

In dieser Saison bricht der Mythos des unbesiegbaren Ayshkanov definitiv. Die Willisauer Internationalen Stefan «Stifi» Reichmuth und Samuel Scherrer besiegen den Tschetschenen. «Ich würde gern häufiger gegen sie Sparring machen. Solange die Saison läuft und wir Konkurrenten sind, ist das aber nicht möglich.»

In der vergangenen Saison war es Willisau, das der RS Freiamt im Weg zum Titel stand. In der Vorrunde gab es dieses Jahr zwei Niederlagen gegen den Titelverteidiger. Trotzdem sagt Ayshkanov: «Wir können Meister werden.» Der Weg dorthin führt über viel Arbeit und hartes Training. «Die Willisauer machen nichts anderes. Das sind keine Übermenschen. Sie haben zwei Arme und zwei Beine – wie wir. Wenn wir mental stark sind, können wir sie besiegen.» Zuerst gilt es aber gegen Einsiedeln zu gewinnen. Der Kampfgeist, den Magomed Ayshkanov schon oft in seinem Leben bewiesen hat, wird ihm dabei enorm helfen. --jl

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