Erster Wasserhahn im Dorf

Fr, 26. Feb. 2021
Mauri Bessler (links) und Hyacinthe Yameogo sind durch die Reise nach Burkina Faso Freunde geworden. Sie stehen neben dem Baum, der in Rüdikon für Urs Engeli gepflanzt wurde. Bild: Annemarie Keusch

Murianer betreut Hilfsprojekt in Burkina Faso

Erst bauten sie einen Brunnen, jetzt ein Reservoir. Das Endziel ist eine Landwirtschaftsschule. Mittendrin engagiert sich Hyacinthe Yameogo aus Muri.

Sie waren ein Dreamteam, sie waren «Ziemlich beste Freunde». Hyacinthe Yameogo und Urs Engeli. Nach Engelis Tod führt Yameogo den Verein «Ziemlich beste Freunde für Burkina Faso» weiter. Mehrere Wochen weilte er kürzlich in seinem Heimatland, um dort im Dorf Bouara den Bau eines Wasserreservoirs zu begleiten. Es ist der erste Wasserhahn, den die Leute im Dorf sehen. --ake


In seinem Sinn weiterhelfen

«Ziemlich beste Freunde für Burkina Faso»: Ein neues, spezielles Hilfsprojekt

Hyacinthe Yameogo stammt aus Burkina Faso. Seit vielen Jahren lebt er in der Schweiz, in Muri. Zusammen mit Urs Engeli gründete er letzten Sommer den Verein «Ziemlich beste Freunde für Burkina Faso». Nun kann Yameogo erste realisierte Projekte präsentieren. Und weitere Ideen gibt es ganz viele.

Annemarie Keusch

Sie waren ein Dreamteam. Urs Engeli und Hyacinthe Yameogo. Engeli litt fast drei Jahrzehnte an Multipler Sklerose. Yameogo war eine seiner Assistenzpersonen. Mehrere Jahre verbrachten sie viel Zeit miteinander, lachten miteinander und heckten miteinander Ideen aus. Eine war es, in Yameogos Heimatland Burkina Faso ein Hilfsprojekt zu lancieren. Letzten Sommer machten sie Nägel mit Köpfen, gründeten den Verein «Ziemlich beste Freunde für Burkina Faso».

Ihr Projekt ist aber nicht erst damit ins Rollen gekommen. Den Brunnen, der in einem Dorf aktuell 8000 Kubikmeter Wasser pro Stunde fördert, das vorher noch nie einen Brunnen hatte, wurde vor einem Jahr realisiert. «Weitermachen», sagt Hyacinthe Yameogo. Zu dritt waren sie, als sie die Ideen entwarfen: Hyacinthe Yameogo, Urs Engeli und Flurina Staub, Engelis Frau. Urs Engeli ist im Herbst «vorausgegangen». So beschrieb er es im Voraus. Mit einer Sterbehilfeorganisation stieg er aus dem Leben. «Wir haben zusammen alles besprochen», sagt Hyacinthe Yameogo. Trotzdem, er sei im ersten Moment verloren gewesen. Zusammen philosophieren, lachen. «Er fehlt. Aber er ist immer dabei.» Das spüre er.

Von viel zu viel bis viel zu wenig

Das habe er auch gespürt während seiner letzten Reise nach Burkina Faso. «Ich musste gehen, trotz Corona», sagt Hyacinthe Yameogo. Der Brunnen im Dorf Bouara war den ziemlich besten Freunden nicht genug. Mittlerweile steht daneben ein Reservoir, das bis 10 000 Liter Wasser speichern kann. Hyacinthe Yameogo lächelt. «Ja, ich bin schon stolz», sagt der Murianer. «In diesem Dorf hat vorher noch niemand je einen Wasserhahn gesehen.»

Bouara ist nicht das Dorf, in dem Hycinthe Yameogo aufwuchs. Bouara liegt ganz nah an der Grenze zu Ghana. Das Dorf zählt knapp 2500 Einwohner «Eine andere Ethnie», sagt Yameogo. Steht Wasser zur Verfü- gung ist das Gebiet um Bouara dafür geeignet, Gemüse anzupflanzen und Landwirtschaft zu betreiben. Das bestätigt auch Yameogos Bruder, der als Tierarzt in dieser Region arbeitet. So kam das Projekt für Bouara zustande. Das Wasser fällt während drei Monaten in Strömen vom Himmel. «Zu viel.» Die restlichen neun Monate sind staubtrocken. «Zu wenig.» Mit dem Brunnen und dem Reservoir soll geholfen werden, diese extremen Wetterlagen aufzufangen.

Anfängliche Skepsis vonseiten der Dorfbevölkerung

Mauro Bessler begleitete Hyacinthe Yameogo während zwei Wochen in Burkina Faso. Er ist Urs Engelis Neffe. «Hyacinthe hat unglaublich viel Herzblut investiert», sagt Bessler. Noch nie vorher war er in Burkina Faso. «Eindrücklich», sein Kommentar. Bessler ist selber gelernter Landwirt, lebt und arbeitet im Tessin. «Es war wunderbar zu sehen, wie das Reservoir entsteht und wie die Bewohner des Dorfes fast nicht glauben können, was hier passiert.»

Besprechen, reden, informieren. Hyacinthe Yameogo kennt die Gepflogenheiten, die in Burkina Faso gelten. Einfach ins Dorf kommen und einen Brunnen bauen, auch wenn es nur zum Vorteil des Dorfes wäre, das geht nicht. Der König der Menschen muss einverstanden sein, der König der Erde ebenso, auch der Verantwortliche für das Wasser und der Gemeinderat. «Lange glaubten viele, dass wir nur vom Brunnen und vom Reservoir sprechen, dass wir es aber nicht realisieren.» Hyacinthe Yameogo lacht laut, wenn er daran denkt. Zu sehen, wie die ersten den Wasserhahn öffnen und das Wasser läuft, das war auch für ihn ein sensationeller Moment. «Ich bin total froh, dass es geklappt hat, auch für Urs.»

Ausschliesslich über Spendengelder finanziert

Nachhaltigkeit, das stand für den Verein «Ziemlich beste Freunde für Burkina Faso» von Anfang an im Mittelpunkt. Sie haben in Bouara einen jungen Familienvater als Brunnenwart organisiert, der dafür schaut, dass der Brunnen nicht sabotiert oder unnötig viel Wasser gepumpt wird. Zudem kann er sofort reagieren, sollte etwas defekt sein. «Für die Leute ist das Wasser gratis, sofern sie es für ihren täglichen Gebrauch benötigen. Benutzen sie grössere Mengen, zum Beispiel um eine grosse Herde zu tränken, bezahlen sie einen Beitrag an den Brunnenunterhalt», erklärt Flurina Staub. So soll das Projekt langfristig gesehen möglichst kostendeckend funktionieren können. Die Baukosten für das Reservoir, sechs Millionen CFA-Francs, umgerechnet 15 000 Franken, sind vollumfänglich dank Spendengeldern zusammengekommen.

Der Brunnenwart ist aber nicht nur zur Überwachung da. Er soll auch Vorbild sein für ein nächstes Projekt, das Hyacinthe Yameogo und der Verein anpacken wollen: eine Landwirtschaftsschule. Der Brunnenwart hat rund um sein Haus schon einige Gartenbeete angepflanzt und kleine Felder angelegt. In einem nächsten Schritt auf dem Weg Richtung Landwirtschaftsschule sollen weiteren Familien aus dem Dorf Gärten zur Verfügung gestellt werden. Gleichzeitig werden sie lernen, Getreide und Gemüse richtig anzupflanzen, um sich so selbst versorgen zu können. Was sie nicht für ihre eigenen Familien benötigen, können sie verkaufen. Mit einem kleinen Teil des Verkaufsertrages beteiligen sie sich am Unterhalt des Brunnens und der Wasserleitungen. «Weil das Gebiet in den letzten Jahren mehrheitlich vom Tourismus lebte, haben viele Leute verlernt, wie die Landwirtschaft funktioniert», erklärt Mauro Bessler. Die Schule soll helfen, das zu ändern, die fruchtbaren Flächen zu nutzen, die es dank dem Brunnen und dem Reservoir viel mehr geben wird.

Zwei Bäume gepflanzt

Hyacinthe Yameogo spricht von einem Gleichgewicht zwischen seinem Leben hier im Freiamt und seinen Wurzeln in Burkina Faso. Es ist sein Wunsch, dieses Gleichgewicht herzustellen, oder daran zu arbeiten, dass sie sich annähern. «Das Lachen in den Augen der Kinder im Dorf war ein grosser Lohn für all die Arbeit», sagt der Murianer. Auch in diesem Moment habe er an Urs Engeli gedacht. «Wir haben für ihn in Burkina Faso und hier in der Schweiz einen Baum gepflanzt.» Hyacinthe Yameogo lächelt. «Weitermachen», sagt er. Er spüre die tiefe Dankbarkeit der Bevölkerung in Bouara. «Diese gebe ich an Urs und Flurina weiter und an alle, die spenden. Wasser ist Leben.»

Am Ziel ist er noch lange nicht. Und ihm stehen nicht nur irdische Hilfe und Unterstützung zur Seite.

Mehr Informationen zum Projekt, zum Verein oder zu Spendemöglichkeiten unter: www.zbffbf.ch.

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