«Es wird nie mehr wie vor Trump»
13.02.2026 BremgartenSRF-Korrespondent und Demokratiespezialist Bruno Kaufmann behandelt die grossen Fragen der Welt als Gast in Bremgarten
Seit über 30 Jahren berichtet Bruno Kaufmann für SRF über das aktuelle Politgeschehen und dessen Hintergründe. Als Korrespondent ...
SRF-Korrespondent und Demokratiespezialist Bruno Kaufmann behandelt die grossen Fragen der Welt als Gast in Bremgarten
Seit über 30 Jahren berichtet Bruno Kaufmann für SRF über das aktuelle Politgeschehen und dessen Hintergründe. Als Korrespondent Nordeuropas und Experte für Demokratie ist der Journalist in der ganzen Welt unterwegs. Am 25. Februar hält er einen Vortrag in Bremgarten. Ein Gespräch im Vorfeld.
Marco Huwyler
Nach Ihrem Türkei-Aufenthalt erreiche ich Sie im Zug von Kiel nach Basel. Sind Sie unterwegs in den Heimaturlaub?
Bruno Kaufmann: (lacht) Nein, leider nicht. Vorbereitungen mit diversen Senderedaktionen stehen an vor meinen Reisen nach Island und Grönland.
Grönland ist ein globaler Hotspot, wegen trumpscher Expansionsgelüste. Doch was zieht Sie in diesen Tagen nach Island?
Primär eine Reportage über die Rückkehr von Menschen an ihren Wohnort, den sie nach Vulkanaktivitäten vor Wochen verlassen mussten. Aber auch anderes über das spannende Leben dort – Island wird in Bälde Schwerpunktthema in verschiedenen SRF-Sendungen sein.
Die beiden Länder sind nur ein kleiner Teil Ihres Spektrums. Als Nordeuropa-Korrespondent kümmern Sie sich um ein riesiges Gebiet von Grönland bis Litauen. Als Korrespondent für Demokratie sind Sie für Swissinfo gar auf der ganzen Welt unterwegs. Wie macht man das, überall Experte zu sein?
Phu, Experte ist ein grosses Wort und auch relativ. Natürlich kann ich nicht jede Frage gleich tiefgründig beantworten wie beispielsweise der Parlamentsreporter von Riga (schmunzelt). Doch das ist auch gar nicht meine Aufgabe. Man muss als Korrespondent in grösseren Linien denken. Dinge im globalen Kontext einordnen. Aus der Vogelperspektive für eine Zielgruppe in der Schweiz, die sich eher wenig mit den betreffenden Ländern beschäftigt. Trotzdem gehört es natürlich dazu, dass ich überall stets einigermassen Up-to-Date bin. Im Prinzip kann jeder Ort meines Gebiets über Nacht zum Mittelpunkt des Interesses werden.
Wie bereiten Sie sich darauf vor?
Primär indem ich ganz viel lese. Zeitweise hatte ich bis zu 18 Tageszeitungen im Briefkasten. Mittlerweile sind es ein paar weniger, weil vieles auch online geht. Mich mit dem Tagesgeschehen zu beschäftigen, ist ein wesentlicher und wichtiger Teil meines Alltags. Bevor die Schweiz erwacht, sitze ich oft mit dem Kaffee blätternd am Stubentisch, damit ich bereit bin, wenn es dann losgeht mit den täglichen Anfragen.
Das ist aber nur der eine Teil. Sie müssen Land und Leute auch persönlich kennen ...
Das ist so. Um glaubwürdige und realistische Einschätzungen abgeben zu können, muss ich natürlich regelmässig vor Ort sein und Beziehungen pflegen. Es ist ein kontinuierlicher persönlicher Austausch und eine stete Begleitung mit einem Land und dessen Einwohnerinnen und Einwohner, der unabdingbar ist.
Wie oft sind Sie demzufolge auf Reisen?
Es sind rund 200 Tage im Jahr. Ich bin aber nicht ständig im Flugzeug. Wann immer möglich nehme ich den Zug oder das Schiff.
Das stelle ich mir anstrengend vor. Gerade, weil das «wohin» nicht nur von Ihnen, sondern auch vom Tagesgeschehen abhängt.
Man muss sicher der Typ dazu sein – und das bin ich. Reisen und der Umgang mit verschiedensten Menschen und Kulturen ist etwas, was mich sehr erfüllt. Klar ist es anspruchsvoll, plötzlich ganz woanders gebraucht zu werden und unmittelbar auf ein Ereignis zu reagieren. Doch das gehört dazu. Es ist für mich nicht nur eine Belastung, sondern auch Teil des Reizes meines Berufs. Es ist immer hochaktuell und ungemein spannend.
Für das private Umfeld dürfte das aber schwierig sein ... Wie gehen Familie und Freunde mit der Reiserei um?
Heute sind meine beiden Töchter erwachsen, da ist das kein Problem mehr. Natürlich gab und gibt es Zeiten, wo ich Abstriche machen muss. Man muss aber auch sehen – wenn ich gerade nicht reise, bin ich dafür meist zu Hause. Ich habe kein Büro, das meine Präsenz erfordert. Vieles kann ich unterwegs oder im Homeoffice erledigen. Deshalb würde ich sagen, dass meine Familie mich nicht weniger oft sieht als jemand, der 100 Prozent auswärts arbeitet. Und ich hatte stets eine eiserne Regel. Drei Wochen ohne Familie sind die äusserste Schmerzensgrenze. Was die Freunde betrifft – ich habe mittlerweile das Glück, auf der halben Welt Freunde zu haben (lächelt).
Macht es einen da persönlich betroffen, wenn diese unter Krisen leiden, über die Sie berichten müssen?
Natürlich. Nehmen wir das Beispiel Grönland. Die Menschen von aussen sehen nur das Gezanke zwischen Ländern und Grossmächten. Die möglichen Folgen für die Welt. Aber für die Menschen vor Ort hat das alles ganz konkrete Auswirkungen auf ihr Leben. Die Tourismusbranche leidet stark unter der Unsicherheit. Eine Bevölkerung, die es gewohnt ist, abseits vom Scheinwerferlicht ihr Ding zu machen, spürt plötzlich immensen Druck, sieht internationale Helikopter einfliegen und gar Soldaten aufmarschieren. Hört, welche Drohungen der mächtigste Mann der Welt an ihre Adresse ausstösst. So was ist auch psychologisch schwierig und bedeutet grossen Stress für viele.
Wie gehen Sie damit um?
Ich sehe mich in solchen Situationen auch als Brückenbauer. Versuche positive Perspektiven aufzuzeigen und Impulse zu geben. Beispielsweise, dass in den nächsten Jahren auch das Interesse daran steigt, Infrastruktur in Grönland aufzubauen bzw. zu modernisieren – was im Moment vielerorts fehlt und wovon dann letztlich auch die Bevölkerung profitieren könnte.
Was aber nur möglich ist, wenn wir von einem friedlichen Szenario ausgehen. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation?
Es ist sicher so, dass sich der Druck etwas gelegt hat. Man scheint sich wieder auf der Ebene des Dialogs zu finden. Die Nato, Dänemark und Europa sprechen wieder mit den USA. Das Säbelrasseln ist leiser. Das macht Hoffnung. Doch die Sprunghaftigkeit des Mannes im Weissen Haus ist bekannt. Deshalb wäre ich weit davon entfernt, Entwarnung zu geben. Die Situation bleibt auf vielen Ebenen angespannt.
Gab es Momente, in denen Sie eine militärische Eskalation zwischen Europa und den USA ernsthaft für möglich hielten?
Auf jeden Fall. Als man sah, wie rücksichtslos, konsequent und erfolgreich die USA in Venezuela einfielen und die Machtübernahme erklärten, war das ein realistisches Szenario. Zumal Donald Trump anschliessend öffentlich erklärte, dass Grönland als Nächstes dran sei. Dänemark als Schutzmacht – und Nato-Mitglied – hätte die Insel verteidigt. Und ungeachtet allfälliger blutiger Kämpfe wäre ein solches Vorgehen das Ende der Nato gewesen. Ein diplomatisches Chaos wäre ausgebrochen. Vor drei bis vier Wochen hatte ich tatsächlich schlaflose Nächte deswegen. Es war eminent wichtig, dass es auch Gegensignale und Druck aus den USA gab – auch aus republikanischen Kreisen. Das hat fürs Erste zur Deeskalation beigetragen.
Jahrzehntelang wurde Grönland vom Rest der Welt kaum beachtet. Sie begleiten die Insel mit ihren 57 000 Einwohnern aber seit 1994. Haben Sie geahnt, dass sie einmal derart in den Fokus rücken sollte?
Jein. Immer wieder wurde mir gesagt: «Was willst du denn jetzt schon wieder am A... der Welt? Was dort geschieht, ist doch nicht relevant.» Ich habe immer entgegengehalten. Denn ich habe von Anfang an gewusst, dass die Insel Spannungspotenzial birgt. Das merkt man auch, wenn man sich mit der Historie beschäftigt. Hier waren im kalten Krieg von den USA Atomwaffen stationiert. Trotz eines Verbots aus Dänemark und im Unwissen der Einheimischen. Einige davon wurden damals zwangsumgesiedelt. Immer wieder gab es Spannungen, Besitzansprüche und Bestrebungen der USA, die Insel einzuverleiben. Und da gibt es ja noch die hohen Rohstoffvorkommen, die mit dem Schmelzen des Eises zwangsläufig zum Thema werden. Aber dass Grönland auf diese Weise zum Welthotspot wird, kam dann auch für mich überraschend.
Was meinen Sie – wie wird sich der Konflikt entwickeln?
Im Wesentlichen gibt es zwei Szenarien. Eines, bei dem die USA auf ihrem unrechtmässigen maximalen Besitzanspruch beharrt und diesen durchzusetzen versucht. Das würde über kurz oder lang zur Eskalation führen. Oder eines, bei dem auf diplomatischem Weg Lösungen gesucht werden. An dessen Ende könnte dann ein noch grösserer Einfluss der USA in grönländischen Belangen stehen – ohne dass dafür aber die Insel zum Teil der USA würde. Im Moment scheint dieses Szenario wahrscheinlicher – zum Glück.
Die bestehende Weltordnung und unsere westlichen, demokratischen Werte stehen auch andernorts unter Druck. Wie beurteilen Sie die globale Lage?
Natürlich bietet das imperialistische Gehabe der USA unter Trump Anlass zur Sorge. Vor allem, weil es ähnliche Gelüste aus Diktaturen wie Russland und China aus deren Sicht legitimiert. Aus moralischer und demokratischer Warte ist es schwierig geworden, dem Recht des Stärkeren etwas entgegenzusetzen, wenn die älteste und mächtigste Demokratie der Welt sich so verhält. Wir beobachten momentan eine Welt und eine Weltordnung im Wandel. Sie wird auch nach Trump nicht mehr wie früher sein. Gerade was die Rolle der USA betrifft. Da wurden nachhaltig Beziehungen und vermeintliche Gewissheiten beschädigt und verändert – ohne Weg zurück.
Sie sind ja auch als Verteidiger und Vertreter der Demokratie unterwegs und beraten weltweit Regierungen. Ist das momentan ein hoffnungsloses Unterfangen? Sehen wir gerade den schleichenden, unausweichlichen Niedergang der Demokratie?
Eine Unausweichlichkeit würde ich vehement verneinen. Ja, die Demokratie ist vielerorts unter Druck geraten. Aber ich sehe auch Anlass für Hoffnung. Auf meinen Reisen sehe ich viele gute, demokratische Kräfte, die nachkommen und Durchsetzungsfähigkeit mit sich bringen. Gerade war ich bei Mansur Yavas, dem Bürgermeister von Ankara. Das ist so ein «lässiger» Mensch mit so viel gutem Willen. Wenn er beispielsweise der neue starke Mann in der Türkei werden würde, dann wäre aus Demokratiesicht schon viel gewonnen. Ich habe weltweit die Hoffnung, dass sich solche Leute langfristig wieder durchsetzen. Zumal dies eigentlich dem Willen einer klaren Mehrheit der Menschheit entspricht. Mindestens 80 Prozent von uns wollen ein grosses, friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten und lehnen Gewalt ab. Das erlebe ich tagtäglich in ganz vielen Gesprächen rund um die Welt.
Und doch ist der Populismus und der Weg der vermeintlich einfachen Lösungen unter scheinbar starker Führung überall auf dem Vormarsch.
Das mag leider sein. Aber auf Trends folgen auch Gegentrends. Erste Zeichen spürt man derzeit in den USA. Zudem drängen auch neue Generationen mit fortschrittlichen Ideen in die Politik. Man muss auch sehen – die heutige «Elite», die Mächtigen in den Regierungen dieser Welt, sind oft 70 aufwärts. In 10, 20 Jahren sind also die meisten von ihnen Geschichte.
Populismus wird auch der SRG-Halbierungsinitiative vorgeworfen. Wie verfolgen Sie jene Debatte in der Schweiz – als Angestellter der SRG?
Ich hoffe natürlich, dass sie keine Mehrheit findet. Auch wenn ich als Korrespondent kaum Hauptbetroffener wäre. Doch eine starke SRG, welche die Vielfalt und die Minderheiten des Landes berücksichtigen kann, ist ein wichtiges Puzzlestück des Zusammenhalts in unserem Land. Ich sehe weltweit, wie wichtig starker, unabhängiger Journalismus für das Funktionieren von Demokratie ist. Guter Lokaljournalismus im Übrigen auch. Er ist das Fundament und Herzstück unserer Branche.
Auch Sie werden die grossen Fragen dieser Welt schon bald lokal bei uns diskutieren. In knapp zwei Wochen kommen Sie nach Bremgarten. Was dürfen die Zuhörer erwarten?
Ich gebe zu, dass ich jenen Vortrag noch nicht im Detail vorbereitet habe (schmunzelt). Doch ein grober Leitfaden mit Bildern und Themen steht. Ansonsten kann ich zum Glück mit meinen Erfahrungen ja aus dem Vollen schöpfen und auch darauf eingehen, was die Menschen vor Ort gerade interessiert.
Halten Sie oft solche Vorträge?
Leider habe ich viel zu wenig Zeit dafür. Rund eine Handvoll pro Jahr sind es vielleicht. Oft muss ich absagen. Auch wenn mir das jeweils sehr leidtut. Denn der Austausch mit den Menschen, die ja letztlich meine Inhalte am Radio, TV oder online konsumieren, ist sehr wertvoll und bereichernd für mich.
Weshalb kommt gerade Bremgarten zum Handkuss? Zum zweiten Mal nacheinander notabene.
Der Präsident eurer Volkshochschule, Reto Hugenberg, hat mich einmal in Zofingen angesprochen, als ich dort, wo ich vor vielen Jahren meine Matura machte, einen Vortrag hielt. Dann fanden wir einen passenden Termin. Gleich danach fragte er, ob ich dieses Jahr wiederkäme. Ich habe gerne Ja gesagt, da wir beim Datum flexibel sein konnten. Ende Februar traf es sich gut. Ich weile dann wieder in der Schweiz – anlässlich des Geburtstags meiner Mutter (lächelt) –, da lässt sich das wunderbar verbinden.
Kennen Sie Bremgarten auch abseits davon?
Leider viel zu wenig. Das letzte Mal hatte ich am Rande meines Vortrags keine Zeit für eine Besichtigung. Aber wie ich hörte, dürfte es ein richtig schönes Städtchen sein. Das sieht man auch bereits vom Zug aus. Ich werde deshalb versuchen dieses Mal ein wenig mehr Zeit einzuplanen.
«Highnoon am Polarkreis» mit Bruno Kaufmann am Mittwoch, 25. Februar, an der VHS-Bremgarten. Weitere Infos und Anmeldung unter: www.vhsag.ch/bremgarten.

