Fast wie Detektive
03.02.2026 Muri, Kunst«The Making-of …» zeigt im Singisenforum und im Museum Caspar Wolf, wie aktuell rund um die Werke Wolfs geforscht wird
250 Jahre werden 2027 vergangen sein, seit die erste Version der «Merkwürdigen Prospekte aus den Schweizer Gebürgen» ...
«The Making-of …» zeigt im Singisenforum und im Museum Caspar Wolf, wie aktuell rund um die Werke Wolfs geforscht wird
250 Jahre werden 2027 vergangen sein, seit die erste Version der «Merkwürdigen Prospekte aus den Schweizer Gebürgen» veröffentlicht wurde. Für eine entsprechende Publikation und begleitende Ausstellungen laufen die Forschungen auf Hochtouren. Von Mitte April bis Ende Juli zeigt die Ausstellung «The Making-of …» diese vielfältigen und spannenden Prozesse.
Annemarie Keusch
Auf den ersten Blick achtet man auf anderes. Auf die imposanten Berge, auf die vielen Nuancen des Blaus im See und am Himmel. Die Lupe braucht man aber nicht, um die Hunde zu erkennen, die im Grimselsee schwimmen. Sind es Hunde? «Eigentlich wären sie proportional viel zu gross gezeichnet», sagt Peter Fischer. Er ist Projektleiter dessen, was 2027 unter der Trägerschaft von Murikultur publiziert werden soll: ein wissenschaftliches Gesamtverzeichnis der Druckgrafiken nach Caspar Wolf – samt Buchpublikation und verschiedenen Ausstellungen. In einem späteren Nachdruck sind die Hunde dann nicht mehr zu sehen. Es ist eine von vielen Kuriositäten, denen sich Fischer und sein Team an die Fersen heften.
Denn obwohl Caspar Wolf seit über 240 Jahren tot ist, lebt seine Kunst. Mehr denn je. Nicht nur in Muri, wo der Landschafts- und Alpenmaler geboren wurde, sondern in ganz Europa. Denn seine Geschichte und zumindest die seiner Bilder zieht sich quer durch den Kontinent. Natürlich nicht von Anfang an. Es war der Berner Verleger Abraham Wagner, der Wolf beauftragte, vor allem in den Berner Alpen zu malen. Die rund 200 Ölgemälde sollten als Vorlage für Kupferstiche dienen und der Naturforscher Jakob Samuel Wyttenbach lieferte die Texte zu den Expeditionen. 1777 erschien in Bern die erste Ausgabe von «Merkwürdige Prospekte aus den Schweizer Gebürgen».
Nicht nur das Resultat zeigen, auch den Weg
Von da ging die Reise los. Nach Paris, wo ein Kupferstecher ein neues Farbdruckverfahren anwandte. Wo aber Verleger Wagner auch unerwartet verstarb. Erst 8 der geplanten 54 Grafiken waren damals gedruckt. Sein Erbe war Oberst eines Schweizergarderegiments in den Niederlanden. Er nahm Wagners Nachlass, darunter auch Wolfs Gemälde, mit in die Niederlande, sodass dort weitere 43 Stiche publiziert wurden. Diese wenigen Eckpunkte sind bekannt, aber das Team um Peter Fischer will mehr wissen, mehr in die Tiefe gehen, Zusammenhänge aufspüren und ausarbeiten. Fischer spricht von Detektiv- und Fleissarbeit, von einer vielfältigen und spannenden Aufgabe.
«The Making-of …» will genau das zeigen. Nicht nur das Resultat, das 2027 publiziert wird. Sondern den Weg dorthin. «Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, diese streben wir in der Schlusspublikation an», betont er. Die Involvierten picken sich Aspekte heraus, die besonders spannend sind, eine Interaktion mit dem Publikum ermöglichen und nicht nur für geneigte Museumsbesucherinnen oder Kunstkenner interessant sind.
Recherche auch mal im Gelände des Lauterbrunnentals
Zu viert sitzen sie an diesem Vormittag um einen Tisch im Singisensaal. Kristina Pfister ist wissenschaftliche Assistentin in der grafischen Sammlung der Nationalbibliothek. Und sie verbringt ihre Freizeit gerne in den Bergen. «Ich vereine also beide Leidenschaften – für die Kunst und für die Natur.» So, wie es Caspar Wolf damals tat. Eine ihrer zentralen Aufgaben ist es, die Druckgrafiken zu verorten. Dafür geht sie auch mal ins Gelände, vertieft sich aber auch in Textquellen und Karten – natürlich auch historische. «Bei einigen Werken ist das relativ einfach, weil das Lauterbrunnental sich nicht grundlegend verändert hat», erzählt sie. Andere Werke sind schwieriger zu verorten. Weil die Gletscher längst nicht mehr dort sind, wo sie vor 250 Jahren waren. In der Ausstellung will sie das Publikum mitnehmen ins Lauterbrunnental und Caspar Wolfs Standorte und Motive auf heutigen Karten sichtbar machen.
Das Publikum mitzunehmen, Interaktives bieten zu können, das ist den Macherinnen des Blickes in die Werkstatt wichtig. Auch Nadia Häfner, die wie Pfister als Kunsthistorikerin tätig ist. «Ich erledige die Fleissarbeit», meint sie und lacht. Sie erfasst die Daten der Bilder, schaut sich die Druckgrafiken mit der Lupe an. Und sie macht den Prozess sichtbar, den die Drucktechnik just in den Jahren um Wolfs Auftrag von Abraham Wagner gemacht hat. Dabei wird deutlich, wie aufwendig dieses sogenannte Aquatinta-Verfahren war. Jede Farbnuance wurde separat aufgedruckt. «Wir zeigen anhand von Werkzeugen und Druckplatten sowie in einem Video eine Rekonstruktion dieser Technik. Ausserdem laden wir das Publikum ein, selbst Werke von Caspar Wolf auszumalen.»
Zieht immer grössere Kreise
Katja Häckel, ebenfalls Kunsthistorikerin, verfasste ihre Masterarbeit zum Kunsthandel im 18. Jahrhundert – eine weitere Idealbesetzung also. Sie widmet sich den Personen, die damals rund um die Herstellung der Stiche nach Caspar Wolf involviert waren. «Man kann sich ein riesiges Netzwerk vorstellen, quer durch die europäischen Adelsgeschlechter.» Sie versucht den Wegen der einzelnen Druckgrafiken nachzugehen und steigt dafür auch mal in die Tiefen der historischen Archive, etwa der Bibliothèque nationale in Paris.
Projektleiter Fischer ist überzeugt: «Diese Rekonstruktionen lassen sich ins Heute projizieren.» Wie ist heute der Blick auf die Welt? Auf die Natur? 137 verschiedene Ausgaben von Stichen nach Motiven Wolfs sind bekannt. Das wissenschaftliche Gesamtverzeichnis soll 2027 neue Erkenntnisse zu diesen allen liefern. Die «The Making-of …»-Ausstellung ist eine Zwischenetappe. Eine, um die Vorfreude auf das Endprodukt noch mehr zu steigern. Denn schon jetzt sagt Fischer: «In der Kunst- und Museumsszene wird unser Schaffen sehnlichst erwartet. Es macht uns stolz, dass das Projekt immer grössere Kreise zieht, und es stärkt Muri und Murikultur als Kompetenzzentrum rund um Caspar Wolf.»
Die Ausstellung «The Making-of …» wird vom 11. April (Vernissage) bis am 26. Juli im Singisenforum und im Museum Caspar Wolf zu sehen und zu erleben sein.

