Geschichte als Erlebnis
25.10.2022 Niederwil«Schatztruhe Kirche» der katholischen Kirchenpflege Niederwil war ein Besuchermagnet
Mit einem besonderen Tag wurde die Kirche Niederwil gefeiert. Sie präsentierte sich einmal von einer ganz anderen Seite und gewährte Einblicke in unbekannte Bereiche. ...
«Schatztruhe Kirche» der katholischen Kirchenpflege Niederwil war ein Besuchermagnet
Mit einem besonderen Tag wurde die Kirche Niederwil gefeiert. Sie präsentierte sich einmal von einer ganz anderen Seite und gewährte Einblicke in unbekannte Bereiche.
Monica Rast
Vor 332 Jahren wurde die Kirche mit dem markantesten Turmhelm im Reusstal errichtet. Viele haben in den vergangenen Jahren in irgendeiner Form einen Bezug zur Kirche aufgebaut. An dem Erlebnistag «Schatztruhe Kirche» war ein breit zusammengestelltes Team vor Ort, das mit viel Engagement zehn Ateliers rund um die Kirche vorbereitet hatte. Fachkundig, gespickt mit Lokalwissen, wurden spannende Einblicke in verborgene Winkel der Kirche gewährt.
Gleich zu Beginn des Anlasses herrschte ein grosser Andrang vor der Kirche. Familien, Grosseltern mit ihren Enkeln oder interessiere Dorfbewohner verschiedener Generationen nahmen an diesem Erlebnistag Kirche teil. Vor allem der erste Rundgang kurz nach 14 Uhr mit Jonas Kallenbach von der kantonalen Denkmalpflege Aargau war ein voller Erfolg. Rund 60 Teilnehmer nahmen beim ersten Rundgang daran teil und liessen sich von den fachkundigen Worten Kallenbachs über die wichtigsten Merkmale des barocken Saalbaus von 1691 in die Vergangenheit mitreissen.
Auch der Glockenturm war ein Besuchermagnet. Über 70 stark abgenutzte und schmale Holzstufen, entlang einem dicken Mauerwerk aus Steinen und Mörtel, beim Uhrwerk vorbei, gelangten die Interessierten in den Glockenstuhl. In dem sehr engen Raum, von Verstrebungen durchzogen, konnte das 4183 Kilogramm schwere Glockengeläut bestaunt werden.
Glockenstuhl mit Rundumsicht
Gleich mehrere «kalte» Blitzeinschläge sowie Beschüsse durch die französische Kavallerie im Jahre 1798 kennzeichneten den Turm und die Kirche und forderten hohe Instandsetzungskosten von den Einwohnern Niederwils. Doch all diese Informationen traten in den Hintergrund bei einem Ausblick durch die kleinen Öffnungen der Läden auf jeder Seite. Das Dahingelangen, um die Verstrebungen und die grösseren Glocken herum, gestaltete sich recht schwierig. Doch die phänomenale Aussicht machte die ganze Kraxelei wett. Auch der Estrich war mehrere Blicke wert. Die hölzerne Dachkonstruktion war beeindruckend und auch die rund ein Meter dicken Mauern wurden bestaunt.
Daneben gab es eine Sonderausstellung im Estrich mit dem Thema «Geburt, Leben und Sterben». Die Sonderexponate stammen aus einem Niederwiler Familienbesitz. «Früher hatte man kein Geld für ein Erinnerungsfoto», erklärt Adrian Flory den Gebrauch einer Devotionalie. In der Ausstellung war es ein dreidimensionales Bild aus dem Jahre 1884 mit einer Widmung und einer Locke des verstorbenen Sohnes. Ebenso aus Familienbesitz: Taufkissen, Taufkleid, Kommunionskleid und Hochzeitsschleier. Auch die verschiedenen Urnen stiessen auf reges Interesse. Neben Glockenturm und Estrich konnte man auch einen Blick in die Sakristei mit ihren Gewändern und der ganzen Ausstattung einer Messe werfen oder mal auf einer Orgel spielen.
Schätze aus der Vergangenheit
Spannendes gab es auch im Pfarreipavillon. Auf Tischen lagen einzigartige Originaldokumente aus dem Zentralarchiv der Pfarrei auf. Arthur Abts Faszination für die jahrhundertealten Bücher sprang auf den Zuhörer über. Einige der Schätze wurden bereits restauriert, anderen steht eine Überholung noch bevor. «Solche Bücher muss man für die Nachwelt erhalten», ist sich Abt sicher. Einige sind enorm schwer, andere in Latein verfasst und wiederum weitere in einer wunderschönen Schrift gehalten. Sogar ein Beschwerdebrief über zu niedrige Raumtemperaturen aus dem Jahre 1909 war vorhanden. Darin stand, dass der Lehrer A. Locher seine Schüler entliess, wenn die Raumtemperatur unter zehn Grad fallen sollte. Heute kaum mehr vorstellbar. Für die Besucher war es ein sehr erlebnisreicher Tag mit vielen eindrücklichen Einblicken in die Entstehung und das Leben rund um die Kirche.