«Grosses Problem für Unternehmen»
22.09.2023 Wirtschaft, Beinwil/FreiamtFachkräftemangel: Interview mit Andreas Bamert-Rizzo, Generalsekretär Departement Volkswirtschaft und Inneres
Die Wirtschaft und die Unternehmungen leiden unter dem Fachkräftemangel. Andreas Bamert, Generalsekretär im Volkswirtschaftsdepartment, kennt ...
Fachkräftemangel: Interview mit Andreas Bamert-Rizzo, Generalsekretär Departement Volkswirtschaft und Inneres
Die Wirtschaft und die Unternehmungen leiden unter dem Fachkräftemangel. Andreas Bamert, Generalsekretär im Volkswirtschaftsdepartment, kennt die Problematik. Der 55-Jährige spricht über mögliche Massnahmen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und weshalb auch die Unternehmen in der Verantwortung sind.
Chregi Hansen
Der Fachkräftemangel ist das beherrschende Thema in der Wirtschaft. Der Kanton Aargau misst jeweils die aktuellen Zahlen. Wie schlimm ist die Situation im Aargau?
Andreas Bamert-Rizzo: Der Fachkräftemangel ist tatsächlich aktuell ein grosses Problem für die Unternehmen. Das zeigen die verschiedenen Fachkräfte-Barometer und auch die Rückmeldungen aus der Wirtschaft, die das Departement erhält. Mittlerweile sprechen wir von einem Arbeitskräftemangel, denn sehr viele Branchen sind betroffen. Besonders spürbar ist er im Gesundheitswesen, in den IT- und technischen Berufen, der Finanzbranche, der Produktion, im Bau und in der Gastronomie. Auch an Handwerkerinnen und Handwerkern fehlt es.
Und was sind die Gründe für diesen Mangel?
Ein wichtiger Grund für den Fachkräftemangel ist, dass die grossen Jahrgänge der Babyboomer jetzt das Pensionierungsalter erreichen. Deshalb verlassen deutlich mehr Personen den Arbeitsmarkt, als Neue eintreten. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft stetig – was durchaus erfreulich ist. Es werden aber auch zusätzliche Arbeitskräfte benötigt.
Wie steht der Aargau im Vergleich zu anderen Kantonen da?
Der Kanton Aargau ist stark betroffen, das zeigt der BSS-Fachkräfteindex 2023. Vor allem die Wirtschaftsstruktur sorgt für Unterschiede. Insgesamt unterscheiden sich die Kantone wenig. Das Problem ist bekannt. Schwieriger ist es, Lösungen zu finden.
Welche Massnahmen hat der Kanton Aargau geprüft, welche bereits umgesetzt?
Ein wichtiger Beitrag ist sicher die Fachkräfteplattform «Work Life Aargau». Sie ist nicht einfach ein Jobportal, sie zeigt auch den Aargau als attraktiven Lebensraum. Neben Stelleninseraten sind Unternehmensporträts, Beiträge von Mitarbeitenden und Angebote für Kinderbetreuung oder Freizeit in der Region zu finden. Zahlreiche grosse und mittlere Aargauer Arbeitgebende nutzen das Portal, um Fachkräfte für Jobs zu gewinnen. Es gibt aber nicht die eine grosse Massnahme. Es braucht eine Vielzahl kleiner Beiträge, um mehr Fachkräfte im Arbeitsmarkt zu halten oder in den Arbeitsmarkt zu bringen. Diese Massnahmen setzen an unterschiedlichen Punkten an.
Bitte, an welchen Punkten setzt man da an?
Wie können Arbeitskräfte weitergebildet und für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden, wenn ihre Qualifikationen aufgrund des Strukturwandels nicht mehr gefragt sind? Wie kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert werden, damit es für Mütter und Väter interessant wird, ihre Pensen zu steigern? Wie finden Personen in den Arbeitsmarkt, die aus gesundheitlichen Gründen oder wegen ihres Migrationshintergrunds benachteiligt sind? Wie lassen sich Unternehmen dazu bringen, Fachkräfte über 50 oder 55 Jahren anzustellen? Wie finden Stellensuchende generell zum passenden Unternehmen? In all diesen Bereichen ist der Kanton aktiv.
Und was machen andere?
Viele Themen liegen in der Verantwortung des Bundes, etwa was die Berufsbildung betrifft oder Rahmenbedingungen für Personen, die nach der Pensionierung erwerbstätig bleiben wollen. Die grösste Verantwortung liegt aber sicher bei den Unternehmen selbst. Mit attraktiven Arbeitsplätzen, mit Ausbildungsplätzen und Unterstützung für Mitarbeitende, etwa bei gezielten Weiterbildungen, können sie sich im Kampf um die Talente gut positionieren. Erfreulich ist, dass sowohl die öffentliche Hand wie die Wirtschaft das Problem erkannt haben und aktiv geworden sind.
Kann die Schweiz das Problem selber lösen oder soll die Schweiz mehr ausländische Arbeitnehmer ins Land lassen?
Zuwanderung kann helfen, den Fachkräftemangel zu lindern. Doch nur begrenzt. Zum einen wird die Zuwanderung auch kritisch diskutiert. Und zum anderen fehlen Fachkräfte europaweit, was den «War for Talents» noch mehr anheizt. Wir werden weiterhin auf Zuwanderung angewiesen sein, aber der Fachkräftemangel lässt sich damit alleine sicher nicht beheben. Zudem sind mit der Zuwanderung auch weitere Themenbereiche verknüpft wie beispielsweise der Ausbau der Infrastruktur und des Wohnraums. Es braucht hier eine ganzheitliche Betrachtung.
Bilden wir allenfalls die Jungen falsch aus? Braucht es Anpassungen im Bildungsbereich?
Bildungssysteme sind dynamisch und passen sich fortlaufend an die Anforderungen der Gesellschaft und der Wirtschaft an. Was den Fachkräftemangel betrifft, ist die Schweiz mit dem dualen Bildungssystem hervorragend aufgestellt, um schnell und zeitnah auf Veränderungen zu reagieren. Bildungsinstitutionen arbeiten eng mit Ausbildungsbetrieben zusammen, sodass man sich schnell an die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts anpassen kann.
Trotz Fachkräftemangel finden viele Menschen keinen Job. Was läuft denn hier tatsächlich schief?
Die Arbeitslosenquote im Kanton Aargau ist derzeit so tief wie seit Jahren nicht mehr. Doch Arbeitslose können nicht einfach offenen Stellen zugewiesen werden, Profil und Qualifikationen müssen stimmen. Wir stellen bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren zunehmend fest, dass die Unternehmen wegen dem Arbeitskräftemangel offener sind für Menschen, die auf den ersten Blick nicht perfekt zu einer Stelle passen. Dabei hilft auch die Kooperation Arbeitsmarkt. Das ist eine schweizweit einzigartige Zusammenarbeit der Invaliden- und der Arbeitslosenversicherung, interessierten Gemeinden und weiteren Partnern, um Menschen mit gewissen Handicaps in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen.
Wie können insbesondere ältere Personen unterstützt werden, damit sie mit den veränderten Anforderungen in ihrem Beruf klarkommen?
Sowohl Arbeitnehmende wie auch Arbeitgebende sind hier gefordert. Weiterbildung, sich in jeder Beziehung fit halten und offen sein für ältere Mitarbeitende sind dabei ganz wichtige Aspekte. Gerade für ältere Stellensuchende und Stellensuchende ohne Grundausbildung gibt es ein breites Unterstützungsangebot auf den RAV und Angebote wie Mentoring, Coaching oder intensivere Beratung als üblich. Generell suchen die älteren Stellensuchenden zwar viel länger nach einer neuen Arbeit, doch es gibt auch viele positive Beispiele, auch von über 60-Jährigen, die wieder eine Stelle finden.
Wie können die Frauen besser im Berufsleben bestehen? Und macht der Kanton genug, um Arbeit und Familie zu vereinen?
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein wichtiger Punkt. Dabei geht es nicht nur um Frauen. Der Kanton ist daran, eine Bestandesaufnahme zu machen und hat alle Gemeinden nach deren familienexternen Angeboten befragt. Basierend darauf werden mögliche Massnahmen geprüft. Auch Unternehmen sind gefordert, um entsprechende Möglichkeiten für Arbeitnehmende zu schaffen. Dabei geht es unter anderem auch um Teilzeitarbeit und flexibles Arbeiten. Ziel muss es sein, dass qualifizierte Personen im Arbeitsmarkt individuell passende Angebote finden.
Oft hört man, die Jungen wollen mehr vom Leben haben und sich nicht auf Karriere und Beruf fokussieren. Was ist dran an dieser Aussage?
Menschen jeden Alters wollen ein erfülltes Leben. Dazu gehört auch eine sinnstiftende Arbeit. Wenn der Arbeitsinhalt, die Arbeitsbedingungen und die Kultur in einem Betrieb stimmen, dann arbeiten die Menschen auch gern und engagieren sich – egal ob 20, 65 oder älter.
Wie lange wird uns das Thema noch begleiten oder ist eine Entspannung in Sicht?
Die Lücke zwischen grossen Jahrgängen, die in Pension gehen, und kleinen Jahrgängen, die nachrücken, wird zwar kleiner, aber noch einige Jahre anhalten. Das Problem wird also nicht so schnell verschwinden.
Doch unterschätzen wir die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen nicht. Sie investieren nicht nur in ihre Fachkräfte, sondern auch in Effizienz und Automatisierung. Wenn wir zurückblicken, sehen wir immer wieder wechselnde Phasen. Einmal hatten alle Angst, dass uns die Arbeit ausgeht, und dann wieder, dass uns die Arbeitskräfte ausgehen. Extremszenarien sind zum Glück nie eingetreten.
Persönlich
Andreas Bamert-Rizzo ist seit Dezember 2022 Generalsekretär des Departements Volkswirtschaft und Inneres. Der 55-Jährige verfügt über langjährige Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung. Beim Kanton Aargau ist er seit dem Jahr 2002 tätig. Er leitete unter anderem die Abteilung Register und Personenstand mit der Grundbuchführung, dem Handelsregister und dem Ausweiszentrum. Zudem verfügt er über einen Hochschulabschluss in Religionswissenschaften, ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Kinder.