Hans Melliger, Sarmenstorf.
In den letzten Tagen habe ich immer wieder an sie und an Sie denken müssen. Wie soll ich sie, diese hier auf den letzten Drücker fällig werdenden Neujahrswünsche für Sie auswählen? Ich ...
Hans Melliger, Sarmenstorf.
In den letzten Tagen habe ich immer wieder an sie und an Sie denken müssen. Wie soll ich sie, diese hier auf den letzten Drücker fällig werdenden Neujahrswünsche für Sie auswählen? Ich habe dazu als Vorbereitung richtig flotte und geistreiche Sprüche aus meinem Kartenfundus auf die Seite gelegt. Zum Beispiel den von Ernst Ferstl: «Manches wird erst gut, wenn wir es gut sein lassen.» Aber dann wollte ich Ihnen doch nicht zu nahe treten, denn ich weiss ja nicht, wie Sie das mit dem «Gut ist besser als perfekt» handhaben.
Gerne hätte ich Ihnen auch etwas Geistreiches über das Glücklichsein mit auf den Jahres-Weg gegeben. Als Gehhilfe und Geländer im Gestrüpp des manchmal dornenvollen Alltags, sozusagen. Letztlich kann ich Ihnen aber nur den Spruch von Leo Tolstoi aus meiner Sammlung anbieten: «Willst Du glücklich sein im Leben, dann sei es!» Ja, ich weiss, das ist unter Umständen harter Tobak. Und das kann höchstes jemand zu sich selbst sagen, wenn Voraussetzungen zum Glücklichsein überhaupt vorhanden sind. Zu viel Wenn und Aber für einen wegleitenden und allgemein gültigen Spruch – darum negativ.
Den bei Jorge Luis Borges entdeckten Hammersatz «Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn» musste ich von Anfang an verwerfen. Er lässt viel zu viel offen und es gibt sicher jemand, der teuflisch die Gretchenfrage stellen könnte: «Wie steht es mit der Manipulation?»
Schliesslich kam mir bei all dieser Grübelei die Geschichte jener fiktiven Klassenzusammenkunft wieder in den Sinn. An dieser Zusammenkunft fehlte aus Krankheitsgründen eine Klassenkameradin und man wollte ihr von der ganzen Klasse eine Karte schreiben. Es lag nahe, den aus der Klasse stammenden Dichter und Schriftsteller damit zu beauftragen. Dieser zog sich zurück und erschien über eine Stunde nicht mehr am Fest. Als er schliesslich schweissgebadet von der Klausur zurückkehrte, stand auf der Karte «Gute Besserung». Und mit diesem, gerade noch im richtigen Moment in den Sinn gekommenen Gleichnis, kehre ich doch erleichtert und zuversichtlich zu meinem Vorhaben zurück:
Ich wünsche Ihnen ein gesundes und gutes Neues Jahr – rechnen Sie mit allem, auch mit dem Guten.