Ihr Rezept: Zufrieden sein

Fr, 22. Jan. 2021
Hier neben dem Radio und dem Telefon sitzt Frieda Rey-Wyss oft und hört Nachrichten und geniesst die Zeit. 100-jährig nimmt sie es gerne gemütlich. Bild: Annemarie Keusch

Vor gut einer Woche feierte die Buttwilerin Frieda Rey-Wyss ihren 100. Geburtstag

Die grosse Feier blieb aus. «Schade», sagt Frieda Rey-Wyss. Sie bedauert, nicht alle ihre Kinder, 16 Enkel und 17 Urenkel um sich gehabt zu haben. Sie blickt auf ein langes Leben zurück. «Es war oftmals streng, aber schön», sagt die Buttwilerin. Noch immer lebt sie in ihren eigenen vier Wänden.

Annemarie Keusch

Frieda Rey-Wyss sitzt am Küchentisch. An ihrem Küchentisch. Sie lebt in einer Einliegerwohnung im Haus ihrer jüngsten Tochter, wird von zwei ihrer acht Töchter, von Enkeln und deren Partnerinnen und Partnern umsorgt. Auch die Spitex hilft. «Ganz alleine ginge es nicht mehr», sagt Frieda Rey-Wyss.

Seit 15 Jahren wohnt sie in dieser Wohnung. «Das tägliche Anfeuern wurde zu viel.» Das Mittagessen bringt ihr mittlerweile die Tochter vom oberen Stock, das Morgen- und Nachtessen bereitet sie noch immer selber zu. «Es ist mir viel wert, dass ich hier wohnen kann», sagt die 100-Jährige.

Vom Vorderdorf ins Hinterdorf

Frieda Rey-Wyss kam am 12. Januar 1921 in Wohlen zur Welt, «in der ehemaligen Frohburg im Boll». Sie ist das drittjüngste von sieben Kindern. Rund zweieinhalb Jahre alt ist Frieda Rey-Wyss, als die Familie nach Buttwil umzieht, «ins Vorderdorf auf einen Bauernhof». Zeitlebens hat sie diese neue Heimat kaum verlassen, auch weil sie mit Roman Rey im Dorf ihren Mann kennenlernte. «Ich musste nur ins Hinterdorf umziehen. Frieda Rey-Wyss lächelt. Sie ist zufrieden, mit ihrer jetzigen Situation, «überhaupt mit dem Leben».

Natürlich, auch die rüstige 100-Jährige hat ihre Gebrechen. Seit acht Jahren sieht sie fast nichts mehr, «zwei Prozent auf dem einen Auge, auf dem anderen gar nichts mehr.» Das Gehör hat abgegeben. Vor fünf Jahren kam Altersdiabetes dazu. «Das hätte nicht sein müssen», sagt sie. Seither trinkt sie Rivella blau. «Das geht ganz gut. Und überhaupt, ich bin ja trotzdem noch hundertjährig geworden.» Frieda Rey-Wyss blickt zurück auf ein langes, nicht immer einfaches Leben, aber eines, das sie immer ausfüllte.


Früh ins Bett, früh aufstehen

Frieda Rey-Wyss feierte letzte Woche ihren 100. Geburtstag – sie blickt auf ein zufriedenes Leben zurück

Sie wuchs als eines von sieben Kindern auf einem Bauernhof auf. Sie gab ihren Traum vom Sprachaufenthalt in Frankreich auf, als der Zweite Weltkrieg auch Buttwil prägte. Sie heiratete einen Buttwiler, führte mit ihm einen Bauernhof und zog acht Mädchen gross. Seit vielen Jahren nimmt es Frieda Rey aber ruhiger.

Annemarie Keusch

Manchmal formt Frieda Rey-Wyss mit ihren Händen einen Trichter und hält ihn hinter ihr Ohr. «Das Gehör hat etwas nachgelassen», sagt die 100-Jährige. Auch die Sehkraft ist eingeschränkt. «Seit acht Jahren. Daran habe ich mich gewöhnt», sagt sie. Bis vor wenigen Monaten habe sie regelmässig Hörbücher gehört. Jetzt läuft oft der Fernseher. «Ich kann die Nachrichten im Fernsehen einfach hören, aber das Bild nicht sehen.» Für Frieda Rey passts. Manchmal schaltet sie auch einfach den Radio ein und setzt sich auf den Stuhl daneben. «Dann bin ich auch nahe am Telefon und höre gut, wenn es klingelt.» Und geklingelt hat es letzte Woche oft. Viele wollten ihr per Telefon gratulieren, weil sie sie an ihrem 100. Geburtstag nicht besuchen konnten. Gegen vierzig Karten waren in der Post, «eine sogar vom Regierungsrat». Einige persönliche Besuche gabs. «Auch der Gemeinderat brachte Glückwünsche und eine schöne Orchidee vorbei.»

Die körperlichen Spuren ihres langen Lebens kann Frieda Rey nicht verbergen. In der Ecke steht ein Rollator. «Ganz kurze Strecken in der Wohnung laufe ich am Stock, für längere nehme ich den Rollator.» Und mit diesem geht sie auch gerne auf Spaziergänge, durchs Dorf etwa. «Dafür muss das Wetter aber stimmen.» Trotz sehr schwacher Sehkraft findet sie den Weg immer. Erstens, weil sie seit über 98 Jahren im Dorf lebt. Zweitens, weil sie sich an den Strassenrändern orientieren kann. «Diese sehe ich einigermassen und so folge ich ihnen.»

Ein Zimmer für die Untereines für die Oberschule

Geistig ist Frieda Rey ihr hohes Alter gar nicht anzumerken. Beim Erzählen nennt sie die Jahrzahlen, ohne zu überlegen. Sie weiss, dass der Männerchor Buttwil 1913 gegründet wurde und die Trachtengruppe 1940. Sie war eines der Gründungsmitglieder der Trachtengruppe. Mittlerweile ist sie zwar nicht mehr aktiv, aber Ehrenmitglied, «die Älteste».

Aufgewachsen ist Frieda Rey-Wyss zusammen mit sechs Geschwistern auf einem Bauernhof. «Wir hatten eine schöne und glückliche Kindheit, auch wenn niemand im Überfluss lebte», sagt sie. Die Baisse nach dem Ersten Weltkrieg sei spürbar gewesen. Drei Buben und drei Mädchen seien sie in der Klasse in Buttwil gewesen. Im Schulhaus genügte ein Zimmer für die Unterschule und eines für die Oberschule. Frieda Rey beschreibt genau, wie das Schulhaus aussah. «Rechts vom Unterschulzimmer im ersten Obergeschoss war das Behördenzimmer.» Schul- und Gemeindehaus in einem also.

Der grosse Garten lag ihr speziell am Herzen

Eine strenge sei sie gewesen, die Lehrerin, Fräulein Villiger aus Muri. «Aber ich ging gerne in die Schule.» Ob sie auch gut war? «Sie sagens.» Frieda Rey lacht. Als eines von pro Jahrgang höchstens zwei Buttwiler Kindern durfte sie in die Bezirksschule nach Muri. Während andere ein Studium anfingen, ging Frieda Rey nach der Schule nach Buttwil zurück und half auf dem Bauernhof. Hatte sie keine anderen Wünsche oder Träume? «Doch, ich hätte gerne eine Sprache gelernt», sagt sie. Eine Reise nach Frankreich war schon geplant. Aber der Zweite Weltkrieg kam dazwischen. Die älteren Brüder mussten in den Aktivdienst, die Frauen und Mädchen waren auf den Höfen gefragt. Das verbitterte Frieda Rey aber nicht. «Ich war trotzdem zufrieden.» In mehreren Haushaltsanstellungen verdiente sie Geld, um die Familie mitzufinanzieren.

1947 heiratetet Frieda Wyss Roman Rey. Acht Töchter brachte sie zur Welt. Mit ihrem Mann, seinen Brüdern und den Schwiegereltern bewirtschaftete sie den Bauernhof. Auch über diese Zeit sagt Frieda Rey-Wyss: «Es war streng, aber schön.» Überhaupt findet sie, dass die Leute früher zwar ärmer waren, strenger arbeiten mussten, dass sie aber glücklicher, zufriedener und gemütlicher waren. Ihr gefiel vor allem die Arbeit im grossen Garten, wo Gemü- se, Beeren und Kräuter angepflanzt wurden. «Aus den Beeren machten wir Likör, die Kräuter nutzten wir für Salbe.» Aber auch die Arbeit auf dem Feld sagte ihr zu. «Nur im Stall half ich nicht mit.» Immer war aber auch bei den Reys nicht alles gut. Die sechste Tochter kam mit Trisomie 21 zur Welt. «Das machte mir schon sehr zu schaffen», sagt die 100-Jährige. Aber auch das hat sie akzeptiert und angenommen. «Ich denke nur noch an all das Schöne, was war.»

Bis 75-jährig in der eigenen Loipe

Frieda Rey-Wyss’ Leben ist viel ruhiger geworden. «Ich gehe nirgends mehr hin», sagt sie und grinst. Ihre Hobbys hat sie aufgegeben, das Theaterspielen etwa, das ihr jahrzehntelang so viel Spass bereitete. Und auch das Singen in der Trachtengruppe ist Geschichte. Bis etwa 75-jährig war sie aber bei beidem noch aktiv dabei. Und bis zu diesem Alter, als sie sich einer Hüftoperation unterziehen musste und sich kurz danach den Oberschenkel brach, war Langlaufen eine ihrer Freizeitbeschäftigungen. «Ich machte mir jeweils selber die Loipe, vom Hof Richtung Weissenbach, hinauf zum Loo und via Flugplatz zurück.» Umgefallen sei sie «mängs hundert» Mal, «aber immer wieder aufgestanden».

2003 verstarb ihr Mann Roman, 2005 zog sie in die Einliegerwohnung im Haus ihrer jüngsten Tochter. Hier nimmt sie es ruhig, hört Radio, hört Fernsehen, freut sich über Besuche. Die Familie ist auf 16 Enkel und 17 Urenkel angewachsen. «Ich weiss von jedem den Namen», sagt sie. Gefragt nach ihrem Rezept, um 100 Jahre alt zu werden, muss Frieda Rey-Wyss lachen. «Zufrieden sein. Ich ging immer mit den Hühnern ins Bett und stehe früh auf. Richtig essen, richtig trinken, es darf auch mal ein Gläschen Wein sein. Und jeden Tag bete ich einen Rosenkranz, immer am Vormittag.» Wünsche für die Zukunft hat sie keine mehr. «Es ist alles gut, wie es war.» Ausser Gesundheit und schönes Wetter. «Damit ich wieder spazieren kann.»

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