Im Herzen bleibt ganz vieles
07.02.2025 Muri80-jährige Ära endet abrupt
Ende Februar schliesst mit dem «Frohsinn» das nächste Traditionslokal in Muri
Nach drei Generationen ist Schluss. Dass Quirin «Quick» Fischer und Eva Huber so plötzlich ...
80-jährige Ära endet abrupt
Ende Februar schliesst mit dem «Frohsinn» das nächste Traditionslokal in Muri
Nach drei Generationen ist Schluss. Dass Quirin «Quick» Fischer und Eva Huber so plötzlich aufhören, ist einer traurigen Diagnose geschuldet.
Annemarie Keusch
Die Tränen sind mehrmals ganz nah. Das Ende berührt. «Ohne sie hätte ich das nie gemacht», sagt Quirin «Quick» Fischer. Er meint damit seine Partnerin Eva Huber. Seit knapp 20 Jahren führen sie das Restaurant Frohsinn gemeinsam – er in der Küche, sie im Service. Dass ein Ende naht, dessen waren sich die beiden schon länger bewusst. Diese Woche wurde der Vertrag unterschrieben. Der Kanton Aargau kauft den vorderen Teil des «Frohsinn»-Gebäudes, um das Muri-S mit baulichen Massnahmen zu entschärfen. Bis es damit aber losgeht, hätten die beiden gerne im «Frohsinn» weitergewirtet. «Das ist nun leider nicht möglich», sagt «Quick» Fischer. Wenige Wochen sind vergangen, seit Eva Huber die niederschmetternde Diagnose erhielt: Krebs. «Brutal, happig», beschreibt es «Quick» Fischer.
Die Diagnose ist gleichbedeutend mit dem Ende des «Frohsinns». «Ohne sie geht es nicht.» Vor allem aber wollen und müssen «Quick» Fischer und Eva Huber nun in erster Linie auf sich schauen. Unterstützung gibts bis Ende Monat reichlich. Von Stammgästen, speziell an der Fasnacht. Aber auch von der Familie. Alex Fischer steht heute noch ab und zu neben seinem Sohn in der Küche und auch Karin Fischer hilft aus. «Dass die Ära zu Ende geht, tut der ganzen Familie weh», fasst Alex Fischer zusammen. Eine Ära, die drei Generationen prägten.
Ende Monat ist Schluss: Der «Frohsinn» schliesst Ende Februar seine Türen
Fast 20 Jahre lang wirteten Eva Huber und Quirin «Quick» Fischer gemeinsam. Eine Krebserkrankung setzt dem nun ein abruptes Ende. Der «Frohsinn» schliesst per Ende Monat. «Der Entscheid tut uns leid für unsere Gäste. Aber wir müssen nun auf uns schauen», sagt Quick Fischer.
Annemarie Keusch
Auch um 3.30 Uhr sagten sie nicht Nein. «Noch ein Herrgöttli?» Auch wenn die Gäste vorher schon versprachen, nach dem nächsten dann auch wirklich zu gehen. «Ich mochte diese Abende. Das alles bleibt in unseren Herzen», sagt Eva Huber. Vor allem die Freitagabende. Die immer in geselligen Runden endeten und nicht selten bis in die frühen Morgenstunden dauerten. Da sind Freundschaften entstanden, da wurden Sprüche geklopft, da wurde das Neuste aus dem Dorf ausgetauscht. In diesen Tagen nun steht Eva Huber manchmal am Fenster. Blickt um 16.30 Uhr auf den Parkplatz des «Frohsinns» beobachtet, wie ein Auto nach dem anderen zufährt. «Wo sollen all diese Leute nachher hin?» Die Kraft, um im Restaurant mitzuhelfen, fehlt ihr. Die Krebsdiagnose und die Krankheit rauben Energie. Auch an diesem Morgen ist sie froh, wenn das Gespräch vorbei ist und sie sich wieder hinlegen kann.
Dass sie den «Frohsinn» nun aufgeben müssen, schmerzt Quick Fischer und Eva Huber. «Es tut uns für unsere Gäste sehr leid», sagen sie. «Ein Säli, gerade für Vereine, gibt es in Muri kaum mehr», sagt Quick Fischer. Ihre eigenen Emotionen versuchen sie in den Hintergrund zu stellen. Was aber nicht heisst, dass ihnen der anstehende Abschied egal ist – im Gegenteil.
Musikautomaten in der halben Schweiz
Denn die Familie verbindet eine 80-jährige Geschichte mit dem «Frohsinn» in Muri. Robert Gerber wars, der diese anfing zu schreiben. Als reformierter Berner wagte er es, im tief katholischen Freiamt Fuss zu fassen. Trotz schwierigen Anfängen gelang es ihm und seiner Frau Elise und Tochter Isabella, dem Restaurant Leben einzuhauchen. Isabella war es denn auch, die das Lebenswerk ihrer Eltern weiterführte und mit ihrem Mann Alex Fischer den «Frohsinn» übernahm.
Neben dem Restaurant bauten sie einen Musikautomaten-Verleih auf. «Wir waren in der ganzen Schweiz unterwegs», erinnert sich Alex Fischer. Am Morgen Platten wechseln im Fricktal, über den Mittag kochen im «Frohsinn» und nach einer kurzen Pause Platten wechseln in der Ostschweiz, bevor er am Abend wieder in der Küche stand. «Intensive, aber schöne Zeiten», blickt Alex Fischer zurück. In Muri verfügte fast jedes Restaurant über einen ihrer Musikautomaten. «Auch das ging rasant retour.» 30 Musikautomaten, die mehrheitlich überholt, repariert, oder restauriert werden müssten, steseit Langem im Keller des «Frohsinns». «Auch ein paar Spielautomaten. Wenn also jemand Interesse hat», meint Quick Fischer augenzwinkernd.
Ganze Familie im Einsatz
Isabella und Alex Fischer waren Wirtsleute mit Herzblut. Noch lange stand Alex Fischer am Herd, wenn es ihn brauchte. Die Cordon bleu beherrscht er auch im höheren Alter noch. Aber sie haben sich auch grösste Mühe gegeben, ihren Kindern auch ein Leben ausserhalb des Restaurants zu ermöglichen. «Am Mittwochnachmittag nach dem Mittagsservice packten wir die Ski und fuhren nach Rothenturm, um rechtzeitig wieder für den Abendservice zurück zu sein», erinnert sich Karin Fischer. Eine Woche Ski- und eine Woche Sommerferien gehörten immer dazu. «Wir hatten eine wunderbare Kindheit.» Von vielen schönen Erinnerungen schwärmt auch Quick Fischer.
Die Familie funktionierte als Team. Die Kinder halfen oft aus, die Grosseltern ebenfalls. «Auch bis morgens um 6 Uhr, obwohl ich am Samstag in die Kanti nach Aarau musste.» Heute lacht Karin Fischer darüber. Schon damals war es selten ein Müssen. «Ich denke jeden Tag an die vielen schönen Erinnerungen», sagt Quick Fischer. Dennoch lag es für ihn nicht auf der Hand, in die Fussstapfen der Eltern und der Grosseltern zu treten. «Obwohl mir mein Grossvater eine Corvette gekauft hätte, hätte ich die Koch-Lehre gemacht.» Er wählte einen anderen weg, die Lehre als Automechaniker. Später entschied er sich doch für die Wirteschule. Warum? «Meine Mutter wurde krank. Ich wollte helfen können. Und eigentlich war mir von Anfang an klar, dass ich das Restaurant weiterführen würde. Erst recht, als ich Eva kennenlernte.»
Jeden Morgen 50 Brötchen
Der Übergang von einer Generation zur nächsten war immer fliessend. Geholfen haben sie einander immer. Und sie haben so manche Entwicklung miterlebt. In der Gastronomie waren diese in den letzten Jahren, vor allem auch mit der Pandemie, wenig positiv. «Früverkauften wir jeden Morgen 50 Kaffees und Brötchen, heute gehen die Arbeiter dafür nicht mehr ins Restaurant», sagt Quick Fischer. Die Vereine bleiben abends weniger lang als früher. Die Leute kommen seltener, bestellen sich lieber Essen nach Hause. «Ja, die goldenen Zeiten der Gastronomie sind vorbei. Aber wir haben trotzdem mit viel Herzblut weitergemacht», sagt Quick Fischer. Pouletflügeli und Cordonbleus waren seine grosse Spezialität. Dafür war er weitherum bekannt. Aber auch das Auge ass mit – Bankette mit viel Liebe um Detail aufzudecken, zu dekorieren – das gehörte für sie selbstverständlich dazu. Dass dabei oft das Dessert offeriert wurde, schätzten seine Gäste.
Herzblut hat auch Eva Huber in den Betrieb gebracht. Gänzlich ohne Gastronomie-Erfahrung stürzte sie sich ins Abenteuer. «Mal was Neues. Warum nicht?» Längst ist sie die gute Seele des «Frohsinns». Service, Personal, Buchhaltung, Dekoration – das alles macht sie. Oder machte sie, bis die Diagnose kam.
Viele Erinnerungen bleiben
Dass nun bald Schluss ist mit dem «Frohsinn», tut allen Beteiligten weh. Dass es Veränderungen geben wird, war aber seit Langem klar. Seit Jahren, gar Jahrzehnten ist der Umbau der Luzernerstrasse und die Entschärfung des Muri-S ein Thema. «Diese Woche wird der Vertrag unterschrieben, dass der Kanton einen Teil der Liegenschaft kauft», sagt Quick Fischer. Heisst, ein Teil des Restaurants gehört nicht mehr ihnen. Dabei geht es nicht nur um das Säli, sondern auch das eigentliche Restaurant und die Küche. «Es gab Umbaupläne», sagt Quick Fischer. Etwa, dass die Kegelbahn einer kleinen Küche weicht. Weil lange nichts konkret wurde, sind diese Pläne noch nicht umgesetzt. «Und jetzt machen wir es sowieso nicht mehr.»
Weiterwirten, bis dann wirklich die Bagger auffahren, das hätten Eva Huber und Quick Fischer gerne gemacht. Auch weil sie planten, etwas kürzer zu treten. Jetzt folgt ein rigoroser Schritt. «Auch wenn es wehtut, es bleibt uns nichts anderes übrig.» Die vielen Erinnerungen bleiben. An die «Crazy Nights», die einmal gar Gerüchte auslösten, das Rotlicht-Milieu halte Einzug im «Frohsinn». An die Snow-Party, wo 40 Kubikmeter Kunstschnee geliefert wurden. An die Abende, in denen das Lokal so voll war, dass Isabella Fischer als Türsteherin fungieren musste. Und es hat noch etwas Platz für neue Erinnerungen. Die Fasnacht wird im «Frohsinn» Jahr für Jahr ausgiebig gefeiert. Natürlich nehmen sie die Réunion am 1. März und den grossen Umzug am 2. März noch mit. «Stammgäste und Freunde schmeissen den Laden. Wir freuen uns.»
Der «Frohsinn» ist jeweils am Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag ab 16.30 Uhr geöffnet. Die Küche ist jeweils nur noch freitags mit einer kleinen Karte geöffnet.