In fremde Abenteuer eintauchen
10.02.2026 MuriAls Reporter in aller Welt
Hanspeter Bäni referierte an der Volkshochschule
Seine Reportage «Der Jugendanwalt» machte einen jugendlichen Straftäter unter dem Pseudonym «Carlos» landesweit bekannt. Doch das sei einer der ...
Als Reporter in aller Welt
Hanspeter Bäni referierte an der Volkshochschule
Seine Reportage «Der Jugendanwalt» machte einen jugendlichen Straftäter unter dem Pseudonym «Carlos» landesweit bekannt. Doch das sei einer der schlechtesten Filme gewesen, die er je gemacht habe, findet Hanspeter Bäni heute. Lieber spricht er über die «Weisse Königin» aus Kamerun, über «Das Leben eines Betrügers» und einen unveröffentlichten Dok-Film. --tst
Dokumentarfilmer Hanspeter Bäni referierte an der Volkshochschule über Geschichten jenseits der Dreharbeiten
Selten hat ein Schweizer Dokumentarfilmer so viel Aufmerksamkeit erregt wie er. An der Volkshochschule Oberes Freiamt bot Hanspeter Bäni Einblick, wie einige seiner eindrücklichen Filme entstanden sind.
Thomas Stöckli
Hanspeter Bäni kommt mit Krücken an die Lesung in Muri. Er, der sich in Kamerun in Regionen gewagt hat, wo man ihm nahelegte, für alle Fälle eine Passkopie und die Kontakte seiner Angehörigen zu hinterlegen. Er, der sich mit einem Aussteiger im Urwald Nicaraguas traf, wo man sich mit Schusswaffen gegen Wilderer verteidigt. Und er, der nach einem Autounfall in einer afrikanischen Wüste stundenlang allein auf Rettung warten musste. Dieser Hanspeter Bäni ist keine fünf Kilometer vor der heimischen Haustür mit dem Velo gestürzt und musste sich als Folge davon Ende Januar ein künstliches Hüftgelenk verpassen lassen. «In so einem Moment bin ich dankbar, in der Schweiz leben zu dürfen», lobt er die hiesige medizinische Versorgung.
Von einem «Privileg» spricht Hanspeter Bäni auch, wenn er auf seine Laufbahn als Dokumentarfilmer fürs Schweizer Fernsehen zurückblickt: «Ich durfte in die Geschichte von Leuten eintauchen», beschreibt er. Er begleitete nationale Grössen wie Mundartrocker Polo Hofer und Volksschauspieler Walter Roderer, war unterwegs mit dem damaligen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau und dem DDR-Funktionär Günter Schabowski, der mit seiner konfusen Erläuterung zur neuen «Reiseregelung» im Fernsehen das abrupte Ende der deutschen Teilung eingeleitet hat. Die Eindrücke hat Bäni in seinem Buch «Der Reporter – Geschichten jenseits der Dreharbeiten» verarbeitet, mit dem er nun bei der Volkshochschule Oberes Freiamt zu Gast war.
Reifenpanne in der Wüste
Das Publikum im Raum Gerold der Pflegi Muri erhielt Einblick in die Geschichte von Katharina Hänni aus Moosseedorf, Kanton Bern, die als «Weisse Königin» in Kamerun «Karriere» machte und dafür ihr ganzes Erspartes – inklusive Pensionskasse – opferte. «Sie hatte den Mut, ihren Traum zu leben», würdigt Bäni, «sie hat dafür aber auch einen hohen Preis gezahlt», schiebt er nach. Durch ein entbehrungsreiches Leben – in der eingespielten Filmsequenz ist zu sehen, wie am Familientisch Rattenfleisch auf die Teller kommt – und schliesslich durch ihren frühen Tod, mit 52 Jahren. «Afrika hat mich immer fasziniert», sagt der Dokumentarfilmer und spricht von Lebensfreude, von Urtümlichkeit, aber auch von Gefahren. In Nordkenia etwa blieb Bäni nach einer Reifenpanne allein in der Wüste zurück, mit einer Literflasche Wasser. «Weit und breit kein Mensch, kein Tier, nicht mal eine Mücke, die mich hätte ablenken können», beschreibt er, «nur Sand. Endlos, trostlos, hoffnungslos.» Entsprechend gross war die Erleichterung, als sein Begleiter Stunden später mit einem Zweiradtaxi zurückkam. Nach dem Unfall hatte dieser mit dem einzigen Bus mitfahren dürfen, um den platten Reifen des Ersatzrads am Rand der Wüste aufpumpen zu lassen. Beim genannten Begleiter handelte es sich übrigens um Rolf Gloor, Auswanderer aus dem Aargau.
Die Kamera als Schutzfilter
«Ich ging oft und gerne nach Afrika», so Hanspeter Bäni weiter. Auch wenn er dort immer wieder happige Geschichten erlebte. «Eine der traurigsten war bei Lotti Latrous, Entwicklungshelferin.» In ihrem Ambulatorium in Westafrika habe er in einer Woche drei Menschen an den Folgen von Unterernährung sterben sehen. «Die Filmkamera diente sonst immer als Schutzfilter zwischen mir und der Welt», so Bäni, «da hat auch das nichts mehr genützt.»
Der Dokumentarfilmer erzählt vom Volksaufstand in Argentinien, mit anarchieähnlichen Zuständen, von seiner Zeit in Serbien, als dort 2000 Milosevic gestürzt wurde, und schliesslich auch vom ganz persönlichen Drama aus seiner Kindheit. Vom gewalttätigen Vater, von der Mutter, die in Suchtmitteln Trost suchte. Jugendliche in ähnlich schwierigen Verhältnissen hat er ebenfalls mit der Kamera begleitet. Etwa «John», der kurz vor dem Abschluss für die Schule nicht mehr tragbar war. Er habe das Steuer in der Zwischenzeit herumreissen können und sei inzwischen Versicherungsberater, erzählt Bäni.
Blick zurück – mit Selbstkritik
Für mehr Aufsehen gesorgt hat die Reportage «Der Jugendanwalt», in welcher dem jugendlichen Straftäter Brian Keller – damals als «Carlos» anonymisiert – ein grösserer Abschnitt gewidmet war. «Heute finde ich das den schlechtesten Film, den ich je gemacht habe», blickt Bäni selbstkritisch zurück. Gegenwind sei zu erwarten gewesen, «den tatsächlichen Orkan hat niemand kommen sehen». Er habe es unterlassen, das Sondersetting einzuordnen, so der Dokumentarfilmer.
Eine andere Geschichte kursiert heute noch als «Meme» durch die sozialen Medien, wo sie von der Jugend entdeckt wurde. Der mittlerweile an Krebs verstorbene Betrüger Josef Jakob, der sich schamlos und unmoralisch durchs Leben gaunerte, erzählt darin grossmundig von seinem «Büsney» – gemeint ist «Business».
Faszination für Outlaws
«Ich hatte einen Bankräuber in der Verwandtschaft», nimmt Bäni wieder Bezug auf die eigene Familienbiografie. «Als ich zehn, elf Jahre alt war, hat mich das fasziniert; Outlaws fand ich toll.» Nicht nur er, wie die ungebrochene Faszination von Krimis nahelegt. «Krimis bieten allen Gelegenheit, die eigenen Schatten auszuleben», so Bäni, «ich habe dazu Filme gedreht.»
Wobei ihn die Tätigkeit als Filmemacher auch mehrmals in Bedrängnis brachte. Auf eine kritische Geschichte über Waffenbesitz hin bedrohten ihn Unbekannte, indem sie ihm Munition im Briefkasten seines Wohnhauses hinterliessen. In Nicaragua sei ihm bei der Einreise das Filmequipment abgenommen worden. Die Geschichte einer gescheiterten Adoption konnte er trotz Angst vor Repressionen noch realisieren. Eingeholt durch die Aktualität, wurde sie allerdings nie ausgestrahlt. Im Buch lässt sie sich nun nachlesen.
Am Signierpult können die Gäste sich nach dem packenden Vortrag eine Widmung ins frisch erworbene Buch schreiben lassen und einige persönliche Worte mit dem Autor austauschen. «Ein Dok-Film ist immer ein Abenteuer», sagt Hanspeter Bäni, «man weiss nie, wie es ausgeht.»



