Sabrina Salm, Redaktorin.
Manche Zustände erkennt man nicht an Symptomen, sondern an Terminkollisionen. FOMO zum Beispiel – die «Fear of missing out». Früher hielt ich das für eine Laune der Jugend, angeheizt von ...
Sabrina Salm, Redaktorin.
Manche Zustände erkennt man nicht an Symptomen, sondern an Terminkollisionen. FOMO zum Beispiel – die «Fear of missing out». Früher hielt ich das für eine Laune der Jugend, angeheizt von Gruppenchats und der leisen Panik, irgendwo könnte es gerade besser sein als hier. Heute weiss ich: Dieses Gefühl taucht erstaunlich früh auf. Und es ist erstaunlich hartnäckig.
Neulich sah ich ein Kind mit Schnupfnase, glasigen Augen und eindeutigem Fiebergesicht. Diagnose der Eltern: «Eigentlich krank.» Diagnose des Kindes: «Mir gehts super! Wann fahren wir los?» Ziel war der Geburtstag eines Klassenkameraden. Dass es zwischendurch aussah wie ein Statist aus einem Arztserien-Finale – nebensächlich. Hauptsache, nichts verpassen.
Ich konnte das gut verstehen. In meinen jüngeren Jahren war ich selbst überzeugtes Mitglied im Club der Dauer-dabei-sein-Woller. Jede Party war potenziell die des Jahrhunderts. Wenn ich nicht auftauchte, würde garantiert etwas Grossartiges passieren: eine Szene, über die noch Jahre später gesprochen würde. Eine Geschichte, die alle kannten – nur ich nicht. «Man weiss ja nie», sagte ich mir. Vielleicht verpasst man den Beginn einer neuen Ära. Also ging ich. Immer. Mit leichtem Fieber, mit schwerem Herzen, mit dem festen Vorsatz, «nur kurz» zu bleiben. Was bekanntlich bedeutete: bis die Vögel zwitscherten und der neue Tag anbrach.
Heute hat sich FOMO verwandelt. Sie flüstert nicht mehr: «Du verpasst das Leben!», sondern: «Du verpasst deinen Schlaf.» Und ich habe gelernt, dass Schlaf viel exklusiver ist.
Mit den Jahren wird die Angst, etwas zu verpassen, leiser. Vielleicht, weil man genug verpasst hat, um zu wissen: Die Welt dreht sich weiter. Der legendäre Abend war am Ende doch nur ganz nett.
Manchmal meldet sich FOMO noch und ja, es gibt es noch heute, dass der Abend lange nach nachts um zwei endet. Nicht mehr, weil irgendwo das bessere Leben warten könnte. Sondern weil es gerade stimmt. Weil die Gespräche fliessen, die Musik trägt, der Moment sich richtig anfühlt. Und so ohne Druck macht es viel mehr Spass.