Kurz, dafür umso intensiver
08.07.2025 Muri, PorträtEinst einer der besten Geher
Ruedi Laubacher ist 77 Jahre alt. Mit Tanzmusik-Formationen und als engagierter Ortsbürger und Tambour machte er sich in Muri einen Namen. Dass er einst zu den grössten Gehsport-Talenten gehörte, wissen wenige. ...
Einst einer der besten Geher
Ruedi Laubacher ist 77 Jahre alt. Mit Tanzmusik-Formationen und als engagierter Ortsbürger und Tambour machte er sich in Muri einen Namen. Dass er einst zu den grössten Gehsport-Talenten gehörte, wissen wenige. --ake
Vor 60 Jahren gehörte der Murianer Ruedi Laubacher zu den grössten Gehsport-Talenten des Landes
17-jährig war Ruedi Laubacher damals. Und er gehörte zu den besten drei Nachwuchs-Gehern im ganzen Land. Seine Karriere stoppten Hüftprobleme abrupt. «Natürlich tat das weh, aber es war eben so.» Zu viel und unkontrolliert trainiert. Dennoch blickt er positiv zurück und schwelgt in Erinnerungen.
Annemarie Keusch
Fein säuberlich ist alles eingeordnet. Die Bilder von damals. Vom internationalen Wettkampf in Pedaso. Samt genauem Plan der Anreise. Um 23.36 Uhr fuhr der Bus damals ab Zürich. Via Zug, Arth-Goldau, Bellinzona, Lugano und Ancona. «Der Verein hat uns jeweils alles organisiert. Wir bekamen den Zeitplan und sind eingestiegen», sagt Ruedi Laubacher. Auch die Postkarte hat er noch, die ihm Erwin Stutz aus Tokio schrieb. 1964 vertrat dieser die Schweiz an den Olympischen Spielen. Seit wenigen Jahren sind Laubacher und Stutz wieder in Kontakt, nachdem der Murianer ein Porträt über den einst besten Schweizer Geher las. «Es ist schön, gemeinsam Erinnerungen auszutauschen.»
Am 4. Juli 1965 fand der Wettkampf in Pedaso statt. Die besten Nachwuchs-Geher aus der Schweiz, aus Italien und aus Deutschland starteten. «Wahnsinn», sagt Ruedi Laubacher noch heute, wenn er daran zurückdenkt. Heiss sei es gewesen. 35 Grad. Das Bild des Zieleinlaufes hat er noch. «Fast die ganze Strecke führte dem Meer entlang», erinnert er sich. Die Schuhe habe er nach diesem Wettkampf wegwerfen können. «Der Teer der Strasse klebte förmlich.»
Mit kleinen Baumstämmen auf den Schultern
Dass Ruedi Laubacher zum Gehsport kam, ist eigentlich dem Zufall geschuldet. Oder seinen Murianer Freunden Jakob Wipf und den Gebrüdern Augustin. Laubacher trommelte mit Wipf bei den Adelburger Tambouren. «Er meinte, ich soll doch mal ins Training mitkommen. Also ging ich.» In Zürich war das damals, auf der UTO-Grund-Bahn. «Ich war anfangs etwas skeptisch, weil dieser Sport bei uns kaum präsent war und eher belächelt wurde», gesteht er. Kurz darauf folgte aber schon der erste Wettkampf. Und Laubacher gewann.
Beim damals 17-Jährigen waren der Ehrgeiz und der Hunger nach weiteren Erfolgen schnell gross. Seine Eltern – Laubacher wuchs im Hasli auf einem Bauernhof auf – hatten nichts dagegen. «Die Herren vom Sportclub Panther in Zürich kamen extra nach Muri, um mit ihnen zu reden. Sie sagten zwar, dass dieser Sport für die Hüfte und die Gelenke nicht ideal sei, aber sie liessen mich machen.»
Im Tessin und in der Romandie war der Gehsport damals am weitesten verbreitet. Entsprechend fanden dort auch viele Wettkämpfe statt. Unter den drei Besten landesweit war Ruedi Laubacher fast immer. Trainiert hat er vier- bis fünfmal wöchentlich. «Wir mussten dafür nicht immer nach Zürich fahren, manchmal kam der Club auch nach Muri.» Von der Talstrasse, via Besenbüren, Waldheim und Unterrüti zurück nach Muri – das war die Trainingsrunde. Absolviert haben sie diese immer zweimal. In Hermetschwil packten sie jeweils kleine Baumstämme auf ihre Schultern, gingen damit den Hügel hinauf und wieder runter – und das fünfmal. «Wir haben wie die Wilden trainiert», sagt er. Und wenn keine Trainer dabei waren, auch ohne technische Anweisungen. «Immer Vollgas, schliesslich wollte keiner der Letzte sein.» Laubacher sieht darin einen der Gründe, warum seine Karriere nur kurz war. «Aber nicht den einzigen.»
Von null auf hundert und zurück
Die Erfolge im Gehsport stellten sich für den Murianer schnell ein. «Das motivierte mich, immer weiterzumachen», sagt er. Auch weil er sah, wie weit es andere in dieser Sportart brachten. «Natürlich träumte auch ich von den Olympischen Spielen.» Das Training machte Spass, das Miteinander mit den Clubkollegen sowieso und entsprechend auch das Training. «Immer besser zu werden, das faszinierte mich», sagt Ruedi Laubacher. Jede wegen des Sports verpasste Minute bei der Lehre als Schriftsetzer nachzuholen, nahm er darum auf sich. Aber eben, er war erst 18-jährig, als die Hüfte begann, Schmerzen zu bereiten. Der Club schickte ihn zu einem Spezialisten nach Luzern. «Er riet mir, sofort mit dem Gehsport aufzuhören und meinte, dass ich sonst mit 60 Jahren am Rollator gehen würde.» Die Eltern intervenierten. «Ich hätte lieber weitergemacht, aber akzeptierte den Entscheid.» Einfach sei es aber nicht gewesen. Von null auf hundert und dann wieder auf null. Aber Laubacher betont, dass nicht der Gehsport der Ursprung sei, dass ihn Hüftprobleme sein Leben lang begleiteten.
Musik als neue Leidenschaft
Entsprechend blickt er mit lauter positiven Gefühlen auf seine kurze, aber intensive Sportkarriere zurück. Auch 60 Jahre später noch. «Ich habe nie etwas davon bereut», sagt er. Den Gehsport verfolgt er hie und da immer noch, etwa an den Olympischen Spielen. Und Laubacher selbst hat nach dem Sport neue Leidenschaften gefunden. Über 40 Jahre lang trommelte er bei den Adelburger Tambouren. Zudem widmete er sich der Tanzmusik. «Los Pedros» hiess seine erste Formation, «Duo Arriba» die zweite. Laubacher spielte dabei Schlagzeug. Er gehörte zusätzlich jahrelang zum Team, das den Rebberg der Murianer Ortsbürger pflegte. Sport gehört beim heute 77-Jährigen immer noch zum Alltag. «Tägliches Turnen, jeden Morgen», sagt er und lacht.