«Laufen Gefahr, in Vakuum zu geraten»
22.09.2023 Wirtschaft, Beinwil/FreiamtStefan Wittmer, Präsident des Baumeisterverbands Aargau, über den Fachkräftemangel in der Baubranche
Wie künftig die Besetzung der Kaderpositionen gewährleistet werden kann, das beschäftigt aktuell die Baumeisterverbände des Landes. ...
Stefan Wittmer, Präsident des Baumeisterverbands Aargau, über den Fachkräftemangel in der Baubranche
Wie künftig die Besetzung der Kaderpositionen gewährleistet werden kann, das beschäftigt aktuell die Baumeisterverbände des Landes. «Wichtig ist, aufzuzeigen, dass auch auf dem Bau Karriere machen möglich ist», weiss Stefan Wittmer.
Celeste Blanc
Die Baubranche, sie boomt seit geraumer Zeit. Bei Wohnobjekten wie Häuser und Wohnungen herrscht eine grosse Nachfrage, die Immobilienpreise sind auf einem Rekordhoch. Und dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt: Aktuell kämpfen die Bauunternehmen selber mit steigenden Preisen, Lieferengpässen, grösser werdenden Regulierungen – und zunehmendem Fachkräftemangel.
Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen in vielen Berufen, zunehmend betrifft das auch die Kaderpositionen. Stefan Wittmer, selbst Baumeister bei der Niederwiler Firma Huwiler und Portmann AG, beschäftigt sich mit dem Problem als Präsident des kantonalen Baumeisterverbands an vorderster Front. Er weiss: «Es brennt unter den Fingernägeln. Finden wir bald keine Lösung, laufen wir in den kommenden Jahren in akute Probleme.»
Herr Wittmer, Sie sagen, der Fachkräftemangel birgt für die Baubranche akute Probleme. Worin liegen diese?
Stefan Wittmer: Wir gehen auf die Pensionierung zahlreicher Kaderleute zu. Damit sind Baumeister, Poliere und Bauführer gemeint, welche die Leitung auf der Baustelle innehalten. Im Baugewerbe ist es üblich, mit 60 Jahren pensioniert zu werden. Viele der Kaderleute stehen vor diesem Alter. Wir laufen Gefahr, in ein Vaakum zu geraten: Die Älteren werden gleichzeitig pensioniert, genügend Nachfolger sind aber nicht gegeben.
Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie des Schweizerischen Baumeisterverbands fehlen ab 2040 5600 Fachkräfte, also 16,6 Prozent. Jede sechste Stelle würde unbesetzt. Was hätte das für Konsequenzen?
Es würde bedeuten, dass Bauunternehmen ihre Aufträge nicht mehr in der gewünschten Zeit ausführen können. Und das wiederum könnte regionalen Unternehmen schaden, die sich mit Konkurrenz und Abwerbungen konfrontiert sehen.
Können Sie das ausführen?
Der Vorteil in unserer Region ist, dass es noch viel Bauvolumen gibt. Das macht die Region sehr attraktiv. So zeichnet sich eine Tendenz ab, dass Bauunternehmen in der Region Zürich und Zug, und damit auch im Freiamt, durch nicht regionale Unternehmen konkurriert werden. Nehmen wir das Beispiel eines Unternehmens aus einer Bergregion: Da hat die handwerkliche Ausbildung noch eine gute Stellung, das Unternehmen hat also genug Personal. Das Bauland hingegen wird immer knapper. Man nimmt Aufträge in urbanen Regionen wahr, wo noch gebaut werden kann und darf. Das bedeutet für hiesige Unternehmen, der Preis wird gedrückt. Findet man dann auch keinen Baumeister, ist die Gefahr gross, dass das Unternehmen verschwindet.
Welche Berufe sind besonders betroffen?
Es betrifft vor allem jene Berufe, die Schwierigkeiten haben, Lehrstellen zu besetzen. Wie es im Baunebengewerbe aussieht, da habe ich keine konkreten Zahlen. Man weiss, dass Zimmerleute schon immer guten Nachwuchs hatten, das ist auch aktuell noch so. Im Bauhauptgewerbe, worunter auch die Baumeister fallen, fehlt es nebst der Kaderpersonen quer durch die darunter fallenden Berufe auch an Lernenden.
Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?
Da gibt es verschiedene Gründe. Es könnte an der Reputation der Baubranche liegen. Es ist laut und sie wird mit dreckiger und körperlich belastender Arbeit assoziiert. Dabei ist in dieser Branche in den letzten Jahren sehr viel gegangen. Maschinen helfen den Bauarbeitern, die körperlichen Anstrengungen zu minimieren. Die Schönheit des Berufs, Raum zum Leben und für die Freizeit zu erschaffen, ist nicht präsent. Auch ist die «Akademisierung» der Gesellschaft nicht förderlich. Junge Menschen werden ermutigt, weiterführende Schulen zu besuchen, um Karriere zu machen. Dabei kann man auch auf dem Bau eine solche hinlegen und sehr gut verdienen.
Wie geht man das Problem mit dem fehlenden Nachwuchs an?
Beim Schweizerischen Baumeisterverband wie auch beim Baumeisterverband Aargau laufen Projekte, um Jugendlichen die Karrieremöglichkeiten aufzuzeigen. Wir als kantonaler Verband haben das Projekt «Toby» lanciert, mit dem wir vor wenigen Wochen an der grossen Berufsmesse waren und auch in den Schulen unterwegs sind. Ein jugendlicher Auftritt soll helfen, Anklang bei Schülerinnen und Schülern zu finden. Ziel ist es, einerseits die handwerkliche Ausbildung schmackhaft zu machen, gleichzeitig wollen wir den Jugendlichen aber auch aufzeigen, welche Weiterbildungsmöglichkeiten es gibt. Weiter haben wir das Ausbildungskonzept im Ausbildungszentrum Sursee überarbeitet für eine zeitgemässe Ausbildung. Wichtig ist, dass wir proaktiv sind.
Wie kann die Zukunft aussehen?
Ideal wäre, wenn man sich in der Gesellschaft wieder die Schönheit der handwerklichen Berufe vor Augen führt. Man schafft neu, man gestaltet. Es ist eine befriedigende Arbeit, da man am Ende des Tages sieht, was geleistet worden ist. Körperliche und geistige Arbeit, sie müssen sich die Waagschale halten. Es braucht beides. Kippt es in eine Richtung, verlieren traditionelle Handwerke ihre Stellung. Davon profitiert niemand, auch unsere Wirtschaft nicht.
Zur Person
Stefan Wittmer ist in Dulliken aufgewachsen und hat nach seiner Lehre als Tief bauzeichner eine Zweitlehre als Maurer absolviert. Nach seiner Weiterbildung zum Bauführer vor 25 Jahren ist er nach Sarmenstorf gezogen und arbeitet seither für die Firma Huwiler und Portmann in Niederwil, mittlerweile als Inhaber. «Damals war es noch umgekehrt: Es gab zu viele Bauführer und fast keine Stellen», erzählt er. Seit April dieses Jahres ist er Präsident des Baumeisterverbands Aargau.