Mögliche Wege aufzeigen
31.07.2025 Muri, LiteraturChristoph Schnitter publiziert mit «Andhers und sein Leben» sein erstes Kinderbuch
Er hat selbst ADHS. Die Tücken, mit denen Betroffene im Alltag zu kämpfen haben, kennt Christoph Schnitter darum nur zu gut. Drei Bücher zu diesem Thema hat er ...
Christoph Schnitter publiziert mit «Andhers und sein Leben» sein erstes Kinderbuch
Er hat selbst ADHS. Die Tücken, mit denen Betroffene im Alltag zu kämpfen haben, kennt Christoph Schnitter darum nur zu gut. Drei Bücher zu diesem Thema hat er bereits geschrieben. Kürzlich veröffentlichte er nun sein erstes Kinderbuch. «Ich will Betroffenen Perspektiven aufzeigen, auch weil ich damals froh um solche gewesen wäre.»
Annemarie Keusch
Es sind vier Buchstaben. Vier Buchstaben, vor denen sich ganz viele fürchten. Gerade Eltern, die deswegen ihre Kinder nicht auf ADHS abklären lassen. Für Christoph Schnitter ist es eines der grossen Mankos rund um die Akzeptanz und den Umgang mit dem, was er nicht als Krankheit benennen will. «Eine Verhaltensstörung.» Dass viele Kinder gar nicht erst abgeklärt werden oder erst, wenn der Leidensdruck wirklich zu gross ist, sei falsch. Schnitter hat es an seinem eigenen Beispiel erlebt. Und er erlebt es als Klassenassistenz in mehreren Schulen. Dabei begleitet und unterstützt er konkret Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert ist. «So kann man ihnen ganz anders begegnen, auch den Lehrpersonen wird eine andere Handhabung ermöglicht.» Dass es schwierig wird, wenn Eltern sich schon gegen eine Abklärung sträuben, auch das kennt Schnitter aus seinem Arbeitsalltag zu genau. «Das müsste unbedingt besser werden.» Gleiches gelte für die Toleranz und Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft.
Angst, Unwissenheit, Vorurteile. Es sind diese Gefühle, die prägen. «Viele Eltern denken sofort daran, dass ihre Kinder Medikamente nehmen müssen. Sie haben Angst davor, dass ihre Kinder abgestempelt und ausgegrenzt werden.» Aus dem Nichts komme diese Angst nicht. «Aber sie ist nicht förderlich im Umgang mit ADHS.» Weil sie auch die Akzeptanz bei den Betroffenen selbst nicht stärkt. Und genau da will Christoph Schnitter mit seinem neuen Buch ansetzen. «Andhers und sein Leben» ist ein Kinderbuch. Kurz, leicht verständlich, mit Bildern. «Viele ADHS-Betroffene lesen sowieso nicht gerne, weil sie sich nicht wirklich konzentrieren können.» Schnitter weiss es aus eigener Erfahrung.
Druck wird immer grösser
Entsprechend erstaunt es nicht, dass Andhers – zusammengesetzt unter anderem aus den vier Buchstaben ADHS – zwar eine Romanfigur ist, aber im Kinderbuch auch ganz viel Autobiografisches des Verfassers steckt.
Was ihn dazu ermutigte, nach drei Büchern eher wissenschaftlicher Natur nun ein Kinderbuch zu schreiben? «Ich stelle bei vielen Kindern einen hohen Leidensdruck fest.» Darum sei es ihm wichtig, niederschwellig und mit einfachen Worten Perspektiven aufzuzeigen. «Denn gerade im schulischen Kontext kämpfen viele ADHSler mit grossen Herausforderungen.» Der Raum fürs Anderssein werde immer weniger. Der Druck stattdessen immer höher. Mut zu machen, das könne effektiv helfen. «Sich darauf zu konzentrieren, was man kann, statt darauf, wo es hapert. Es ist keine Floskel, es ist eine Tatsache.» Auch Andhers macht das so in Schnitters neustem Werk.
Negativspirale startet schnell
Was bei der Romanfigur ebenfalls auffällt: Im familiären Umfeld kommt sie gut zurecht. «Das höre ich in meinem beruflichen Alltag ganz oft: Eltern, die sagen, dass ihre Kinder zu Hause für keinerlei Probleme sorgen und die Schule entsprechend die Verhaltensstörung ihrer Kinder auslöse.» Für Schnitter nichts weniger als nur logisch. «Während zu Hause das Ämtli die einzige Aufgabe ist, werden es in der Schule immer mehr. Wissen aufsaugen, sich konzentrieren, mit anderen interagieren, Autoritäten akzeptieren. Christoph Schnitter weiss: «Für ADHSbetroffene Kinder wird es schnell zu viel.» Die Negativspirale beginnt sich zu drehen. Auch bei Andhers. Er wird mut- und lustlos. Glaubt selbst nicht mehr an sich. Bis er auf Verständnis trifft und damit seinen Weg in Angriff nehmen kann. Wie es auch Christoph Schnitter getan hat. Er ist als Berater tätig und als Klassenassistenz. «Auch ich habe mich auf meine Stärken besonnen. Ich wäre ein schlechter Lehrer, weil es mir schwerfällt, über ein Semester hinweg zu planen, alles im Blick zu haben. Ich bin überzeugt, ein guter Klassenassistent zu sein, weil ich auf die Kinder und ihre Bedürfnisse eingehen kann.»
Entsprechend soll Andhers für Kinder mit ADHS ein Vorbild sein. «Darum wäre es umso schöner, mein Buch fände Beachtung an Schulen», sagt der Autor. Zwei Jahre hat er ungefähr daran gearbeitet. Vor allem frühmorgens, zwischen 3 und 5 Uhr. «Meine produktivste Zeit», sagt er. Das Grundgerüst sei schnell gestanden, das Überarbeiten aber braucht viel Einsatz. «Typisch ADHS, ich hatte das Grobkonzept im Blick, brauchte aber viel Energie, um mich den Details zu widmen.» Vor zwei Wochen ist Schnitters Buch erschienen.
Die Reaktionen seien durchwegs positiv. Leute, die sich selbst oder ihre Kinder im Buch wiedersehen, vielleicht mehr Verständnis aufbringen können. «Genau das will ich erreichen.» Gleichzeitig sei das Schreiben für ihn auch eine Art Selbsthilfe-Projekt. Es hilft ihm, seine Verhaltensauffälligkeit anzunehmen. Genauso wie das Buch ADHS-Betroffenen helfen soll, angenommen zu werden.
Mehr Infos: www.adhs-potenzial.ch.