Mit Regen umso spezieller
29.08.2025 Region UnterfreiamtNadin Leuthold radelte mit ihrer Tochter von Uezwil bis nach Dortmund
760 Kilometer in neun Tagen. Und das mit einem Lastenrad, in dem vorne Tochter Nora sitzt. Nadin Leuthold wollte mit ihrer Tochter ein aussergewöhnliches Abenteuer unternehmen. Daraus entstand eine ...
Nadin Leuthold radelte mit ihrer Tochter von Uezwil bis nach Dortmund
760 Kilometer in neun Tagen. Und das mit einem Lastenrad, in dem vorne Tochter Nora sitzt. Nadin Leuthold wollte mit ihrer Tochter ein aussergewöhnliches Abenteuer unternehmen. Daraus entstand eine Velotour von ihrem Zuhause in Uezwil bis nach Dortmund, wo die Familie ihres Mannes lebt und ihr Lieblings-Fussballverein zu Hause ist.
Annemarie Keusch
Beschreiben kann sie diesen Moment nicht. Als vor ihnen das Fussball-Stadion von Dortmund auftaucht. Das Ziel ist erreicht. Nadin Leuthold nimmt ihre Tochter in den Arm. «Wir haben es geschafft.» Und sie bittet irgendeinen Fremden, von ihnen ein Foto zu machen. «Ich erzählte ihm ungefragt, dass wir aus der Schweiz hierher gefahren sind. Es musste einfach raus», sagt die 33-Jährige. Kurze Zeit später kommen die Verwandten, nehmen sie in Empfang – mit Kaffee, Kuchen und Girlanden. «Und das, obwohl wir viel früher ankamen als geplant.» Ursprünglich plante Nadin Leuthold mit 15 Tagen auf dem Velo – getimt mit einem Testspiel ihres Borussia Dortmunds gegen Juventus Turin. Durchschnittlich 50 Kilometer pro Tag zurücklegen, das hielt sie für realistisch. Am Ziel kamen sie und Tochter Nora aber bereits nach neun Tagen an. Schuld war mitunter auch das Wetter. Aber nicht, weil es besonders strahlend schön war.
Warum sie überhaupt auf die Idee kam, mit ihrer Tochter diese lange Veloreise zu unternehmen? Nadin Leuthold lacht. «Eine inspirierende Geschichte dazu gibt es nicht.» Wegen eines Jobwechsels und Ferien hatte sie Zeit, Tochter Nora, bevor sie nach den Sommerferien in den Kindergarten startete, ebenfalls. «Wir wollten die Zeit nutzen und etwas erleben, das wir nicht so schnell wieder machen.» Weil ihr Mann aus Dortmund kommt und sie beide grosse BVB-Fans sind, stand das Ziel schnell fest. Dabei ist Nadin Leuthold eigentlich gar keine Velofahrerin. «Ich war es nicht», sagt sie und lacht. Seit der Reise habe sie das Fieber gepackt. Aber vorher dachte sie, dass die 760 Kilometer sie körperlich an ihre Grenzen bringen könnten. «Aber es war eine mentale Frage. Wir mussten auf die Zähne beissen und Durchhaltewillen beweisen. Ich bin stolz, dass wir das beide geschafft haben. Denn hätte Nora keine Lust mehr gehabt, dann hätten wir uns sofort abholen lassen.» Aber das geschah nicht. Im Gegenteil. «Es gab auch Momente, in denen Nora mich motivierte.»
Auch «verflixten Montag» überstanden
Denn immer einfach war die Fahrt nach Dortmund nicht. An keinem der neun Tage regnete es nicht. «In den ersten Tagen waren wir euphorisch, sahen das kaum als Problem, aber mit der Zeit schlug der Regen schon auf die Stimmung», erklärt Nadin Leuthold. Und es war der Hauptgrund, weshalb sie viel schneller unterwegs waren als ursprünglich geplant. «Am Rhein verweilen, hier in einer Gartenbeiz, da auf einem Spielplatz. Das ist alles weniger einladend, wenn es regnet.» Aber zum Wetter kamen weitere Herausforderungen dazu. «Wir verfuhren uns immer wieder.» Gerade dort, wo wegen Überschwemmungen der eigentliche Radweg gesperrt war. Oder als sie erst bemerkte, dass der Handy-Akku nicht lud, als dieser leer war und sie in Worms ihre Unterkunft suchen mussten.
Und Nadin Leuthold erzählt vom «verflixten Montag». In Eggenstein-Leopoldshafen wars, als sie den Tipp erhielt, dass die Strasse auf der anderen Flussseite weniger schlammig und besser befahrbar sei. Also fuhren sie zum Fährhafen. Nur, am Montag steht die Fähre still. Also gingen sie auf der schlammigen Seite weiter. Nach rund 15 Kilometern dann führte die Strasse in ein überschwemmtes Gebiet. Also zurück, zum Ausgangspunkt und noch weiter, bis nach 30 Kilometern eine Brücke kam. «Ein halber Tag für nichts, und das bei Wind und Wetter.» Und als wäre das nicht genug, blieben sie in einer der vielen Pfützen stecken, das Velo kippte um, Nadin und Nora Leuthold lagen in der Pfütze und die Kette des Velos sprang raus. «Ja, es gab Momente, in denen wir sofort eingestiegen wären, wenn ein Bus vorbeigefahren wäre.» Es gab Tage, in denen sich die 28 Kilometer – die kleinste Distanz – schlimmer anfühlten als die 142 Kilometer, die sie an einem der ersten Tage zurücklegten.
Bauchtasche mit Portemonnaie verloren
Trotz der schwierigen Momente – die guten, die schönen überwiegen. «Deutlich», sagt Nadin Leuthold. Sie erzählt von vielen Begegnungen, von Gesprächen, von den Leuten, die zu Hause mitfieberten. Und von jedem einzelnen Tag, wenn sie dort eintrafen, wo sie übernachteten. Mal war es eine Jugendherberge, mal ein AirBnb, mal Pensionen. Oder vom Einkauf in einem Tankstellenshop. «Der Verkäufer fragte, woher wir sind und wohin wir gehen. Er war so verblüfft von unserem Projekt, dass er uns den ganzen Einkauf schenkte.» Oder vom Tag, an dem sie ihre Bauchtasche verlor. «Ich hatte sie wohl nicht richtig zugeklickt», mutmasst Nadin Leuthold. Plötzlich merkte sie, dass die Bauchtasche fehlt, samt Portemonnaie darin. Sie rief in der Pension an, wo sie zuletzt übernachteten. Und tatsächlich, ein Mann fand die Tasche auf der Strasse und brachte sie ihnen schliesslich. «Abgesehen vom Pech mit dem Wetter haben wir während der neun Tage quasi nur Glück erlebt.» Auch das Material hielt.
Es sind diese guten Sachen, die Nadin und Nora Leuthold in Erinnerung behalten. Über die schwierigen Momente können sie längst lachen. Blicken sie zurück, sind sie vor allem stolz. «Unsere Tochter ist ein Wildfang, kann kaum still sitzen und braucht immer Beschäftigung. Dass sie das neun Tage auf dem Velo geschafft hat, damit hätte ich nie gerechnet.» Natürlich, sie fuhren nicht immer ganztags, besuchten mal eine Trampolinhalle, mal einen kleinen Zoo, mal ein Museum. Und sie bauten ein Tischchen, damit Nora im Velo malen konnte. «Vor allem hat sie aber geplaudert und die Schilder für den Veloweg gesucht. Sie ist über sich hinausgewachsen.»
Sonnenbrand und Frostbeulen auf den Handrücken
Das ist es auch, was Nadin Leuthold von dieser aussergewöhnlichen Reise mitnimmt. «Sich getrauen, die Komfortzone zu verlassen», sagt sie. Etwas wagen, auch mit dem Risiko, dass es nicht gelingt. «Die Reise gab mir auch viel Vertrauen, in mich selbst, in unsere Familie, aber auch in die Welt um mich herum.» Man müsse mutig sein, etwas ausprobieren. «Auch als Mami und mit den Kindern kann man Abenteuer erleben.» Und diesbezüglich ist sie auf den Geschmack gekommen. «Weitere Projekte werden folgen», sagt sie.
Die Schmerzen und die schwierigen Momente sind längst vergessen. Die Handrücken wieder heil. Nadin Leuthold lacht. «Am einen Tag Sonnenbrand, am anderen fast Frostbeulen. Ein einmaliges Erlebnis.» Und eines, das Mutter und Tochter noch enger zusammenschweisst.