Nichts mit Ruhe in Saint-Tropez
06.01.2026 Region OberfreiamtDer Freiämter Autor Stephan Rey erlebt die Trauer nach Brigitte Bardots Tod hautnah mit
Sie war eine Ikone. Am 28. Dezember verstarb Brigitte Bardot in Saint-Tropez, ihrem Wohnort. Und dem Ort, den sich der Freiämter Autor Stephan Rey für ein ruhiges ...
Der Freiämter Autor Stephan Rey erlebt die Trauer nach Brigitte Bardots Tod hautnah mit
Sie war eine Ikone. Am 28. Dezember verstarb Brigitte Bardot in Saint-Tropez, ihrem Wohnort. Und dem Ort, den sich der Freiämter Autor Stephan Rey für ein ruhiges Schreibatelier ausgesucht hatte. Rey berichtet, wie er die letzten Tage erlebt hat.
Eigentlich wollte ich eine ruhige, besinnliche Zeit hier in Südfrankreich begehen, um an meinem neuen Buch zu arbeiten. Da ich schon immer mal den Spuren von Louis de Funès und seinen Filmen nachgehen wollte und die Côte d’Azur für milde Winter bekannt ist, buchte ich eine Wohnung in Saint-Tropez. Nach der Ankunft folgte der obligate Kaffee – eine Art Ritual für mich. Mit der erhofften Ruhe war dann aber schnell Schluss. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Die Menschen im Bistro standen spontan auf, suchten die Blicke der Tischnachbarn und waren sichtlich geschockt, als der Fernseher im kleinen Bistro diese Breaking News sendete. Die wohl bekannteste Frau von Frankreich ist heute Morgen in ihrer Villa verstorben. Brigitte Bardot. Seit 1958 lebt die Diva im Dorf und war massgeblich daran beteiligt, dass das kleine ehemalige Fischerdorf zur Jetset-Adresse aufstieg. Denkt man nur an die 1000 Rosen, die Playboy Gunter Sachs ihr zum ersten Hochzeitstag über ihrem Haus von einem Hubschrauber aus abwarf. Durch den Film «Und immer lockt das Weib», der hier gedreht wurde, wurde Brigitte Bardot 1956 zum Star.
Schnell wurde mir hier klar, dass die Bardot nicht nur Filmstar sein konnte. Sie erhielt kaum Preise, beendete ihre Filmkarriere 39-jährig. Und dennoch ist Brigitte Bardot, die radikale Tierschützerin, Front-National-Unterstützerin und mehrfach verurteilte Straftäterin wegen rechtsextremen Äusserungen immer noch das Idol von Generationen. Auch dass sie eine Abtreibung in der Schweiz durchführte, als es in Frankreich noch verboten war, sowie das Abgeben des Sorgerechts für ihr einziges Kind an ihre Schwiegereltern waren Skandale. Aber die Liebe blieb. Brigitte Bardot wurde alles verziehen und viele wissen gar nicht, dass sie mehrere Grosskinder hat, die jedoch kein Französisch sprechen und in Norwegen leben.
Selbstbewusst
Höre und lese ich die Interviews, welche die Hotellerie, die Kioskbetreiberinnen, die Angestellten der Boutiquen den Medien in Saint-Tropez geben, dann tönt es immer in etwa gleich: Sie war eine selbstbewusste und selbstbestimmte Frau. Sie war frei, auch von Männern. Sie hatte ein Leben, das viele Frauen gerne gehabt hätten. Eine Projektion also? Man erinnert sich zudem gerne ans goldene Zeitalter der Côte d’Azur. Doch kann es dies alles gewesen sein, was BB ausmacht?
Gunter Sachs sagte in einem seiner letzten Interviews, der Spirit von Saint-Tropez sei vorbei. Aber neben seiner Villa könne er immerhin noch mit seinem Hubschrauber landen. Wo könne man denn dies noch? War es dieser Spirit dieser Jahre? Ging es eigentlich immer nur darum, aus einem Kostüm auszubrechen, egal, von welcher Gesellschaftsschicht man kommt?
Macron ist nicht dabei, Le Pen schon
Die Bevölkerung von Frankreich ist sich ausnahmsweise mal einig. Die Politik hingegen nicht. Während die extreme Rechte ein Staatsbegräbnis möchte, mahnen Linke und die Kommunisten, dass dies zu weit gehe. Der rechte Politiker Éric Ciotti startete nun eine Petition, damit Brigitte Bardot doch noch die Staatsehren erhält. Emmanuel Macron entschuldigte sich bereits und wird am Begräbnis nicht dabei sein – Marine Le Pen hingegen schon. Zeigen sich bereits erste Anzeichen einer Entglorifizierung? Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Statue, welche seit 15 Jahren im Dorf steht und jetzt täglich von immer mehr Blumen beehrt wird, irgendeinmal zur Belastung für Saint-Tropez wird.
Stündlich erreichen mich neue Nachrichten. Sie sei in ihrer Villa verstorben und doch nicht im Spital in Toulon. Die Fans sollen davon absehen, das Anwesen aufzusuchen. Die Statue wird am zweiten Tag abgesperrt. Die Fans, Trauernden und Schaulustigen halten sich nicht daran. Der Leichenwagen verlässt die Villa, alles am Fernseher zu sehen. Hunderte Blumen werden abgelegt. TV-Stationen übertragen live und fast jeder kann was dazu sagen. Ich gehe da nicht hin, versuche zu arbeiten an meinem Buch, doch der Stau vor meiner Ferienwohnung ist wie zu den Sommermonaten und lenkt mich ab. Meine täglichen Spaziergänge verheddern sich mit den vielen Besuchern. Ein bisschen was von der Altstadt möchte ich aber schon sehen. Wo ist diese Winterruhe verloren gegangen?
Vor Beerdigung geflüchtet
Als die Beerdigung für den 7. Januar in Saint-Tropez angesetzt wird, plane ich meine Weiterreise. Ich bin mit meinen Latzhosen und dem Döschwo ein Exot. Bardot hingegen wird gegen ihren Willen auf dem Friedhof «Cimetière Marin» im Familiengrab beigesetzt. Ihr Wunsch, auf ihrem Landsitz neben ihren Tieren mit einem schlichten Kreuz ihre letzte Ruhe zu finden, wird aus noch nicht bekannten Gründen nicht umgesetzt. Den letzten Willen konnte sie also nicht durchsetzen, vielleicht auch nur, weil sie nicht mehr kann.
Stephan Rey ist in Büttikon, Bettwil und am längsten in Buttwil aufgewachsen, er lebte jahrelang in Hägglingen und aktuell in Rohr. Er ist Mitarbeiter eine psychiatrischen Spitex.




