Schluss mit dem Schweigen
27.01.2026 MuriMit Film verarbeiten
Edwin Beeler zu Gast im Kino Mansarde in Muri
Seit gut einer Woche läuft «Der Mann auf dem Kirchturm» im Kino. Es ist das neuste Werk des Schweizer Filmemachers Edwin Beeler. Doch der Film ist anders als seine ...
Mit Film verarbeiten
Edwin Beeler zu Gast im Kino Mansarde in Muri
Seit gut einer Woche läuft «Der Mann auf dem Kirchturm» im Kino. Es ist das neuste Werk des Schweizer Filmemachers Edwin Beeler. Doch der Film ist anders als seine bisherigen Dokumentationen. Er ist persönlicher. Weil er Einblick in eine ganze Familie gibt, die mit einem Schicksalsschlag zu kämpfen hat. Der Grossvater nahm sich 81-jährig das Leben. «Der Film ist eine Art Befreiung.» --ake
Edwin Beeler spricht im Kino Mansarde über seinen Film «Der Mann auf dem Kirchturm»
Er war Dachdeckermeister und Kaminfeger. Für seinen Enkel ist er ein Idol, ein Glücksbringer. Die Verbindung zwischen Edwin Beeler und seinem Grossvater ist immer eng. 1989 nimmt sich der Grossvater das Leben – just am 31. Geburtstag Beelers. In einem eindrücklichen und berührenden Film arbeitet er diese Geschichte auf.
Annemarie Keusch
Es ist Oberägeri. Aber es könnte genauso gut jedes andere Dorf sein. Ein Ort, der sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert hat. Gewachsen ist. Die Zunamen sind einigen wenigen Leuten im Dorf noch bekannt. Dem einstigen Bürgerpräsidenten zum Beispiel. Heute prägen grosse Häuser das Dorfbild Oberägeris. In Edwin Beelers Erinnerung ist es ganz anders: «Wie ein kleines Paradies.» Die Natur, der Dorfbach, die Kirschbäume. «Es waren Orte, die kaum Kummer kannten», sagt Beeler vor dem Film. Und meint damit auch das Daheim seiner Grosseltern. «Oft ist es mir, als würden sie noch leben. Ich träume von ihnen. Sie sind gestorben, aber trotzdem da.» Er habe gerne Zeit bei ihnen verbracht. Draussen und am Stubentisch gespielt und seinen Grossvater bewundert. Den Dachdeckermeister und Kaminfeger. Den Mann, der keine Angst kannte, der gross und stark war – zumindest vor der Fassade.
«Der Mann auf dem Kirchturm» ist Beelers persönlichster Film. Ein Film, der zeigt, wie sich Dörfer, Gesellschaften verändern. Wie sich aber auch das Familienkonstrukt entwickelt hat. Und wie ein Vorkommnis, das mittlerweile weit über 30 Jahre zurückliegt, eine Familie immer noch aufwühlen kann. Erst recht, wenn über das, was 1989 passierte, lange nicht gesprochen wurde. 81-jährig nahm sich der Grossvater das Leben – im Keller erschoss er sich mit dem Kaninchentöter.
Wie sich Dorfgemeinschaften verändert haben
Edwin Beeler zeichnet im Film ein feines Bild seines Grossvaters. Mit Aussagen seiner Mutter, einigen seiner Onkel und Tanten, mit Erzählungen ehemaliger Kunden. Er zeichnet aber vor allem Skizzen des damaligen Lebens. Der vielen Wirtshäuser, die es damals in Oberägeri noch gab. Der lebendigen Fasnacht, an der der Grossvater stets gerne dabei war. Oder des Kaminfeger-Heftlis, in dem alle Aufträge notiert wurden. «Oft wurde bar bezahlt, manchmal auch mit Milch oder einem Huhn», erinnert sich ein einstiger Kunde.
Der Grossvater, er war ein angesehener Mann im Dorf. 23-jährig wurde er als Kaminfeger der Gemeinde gewählt. Als Glücksbringer also, so der kindliche Schluss Beelers damals. Den schwarzen Zylinder setzte sich der Enkel gerne auf, begleitete den Grossvater auch hie und da zur Arbeit. «Ich wollte werden wie er. Dafür sollte ich Suppe essen, meint er. Aber ich mochte keine Suppe.» Es sind solche Geschichten, die Beeler und seinen Grossvater dem Kinopublikum ganz nahe bringen. Der Suizid bleibt lange im Hintergrund. Als der Grossvater 65-jährig beim Stallbau vom Dach fiel, fingen die Probleme an. Ein langer Spitalaufenthalt, Schluss mit dem so geliebten Arbeitsalltag. «Depressionen, davon hat man nie gehört.
Stattdessen schwieg man», erinnert sich Beelers Mutter. Über Gefühle und über sich habe ihr Vater sowieso kaum geredet. Die schwere Krankheit der Grossmutter kam hinzu. Sein Lebenswille entwich. «Als ich ihn zum letzten Mal sah, sass er am Küchentisch und weinte», erinnert sich Beelers Mutter.
Ganz viele Fragen und wenige Antworten
«Habe ich ihn wirklich gekannt? Hat er allen etwas vorgespielt? Eine Rolle, von der er dachte, es gehöre sich, diese zu spielen?» Es sind solche Fragen, die sich der Filmemacher über 35 Jahre später stellt. Just an seinem Geburtstag nahm sich der Grossvater das Leben. «Wann hat er sich zur Tat entschieden? Weiss er, was er tut? Denkt er an seine Familie? Hat er Zweifel?» Am Schluss des Films sind es viele Fragen. Die Antworten bleiben aus. Auch viele Jahre später noch. Denn geredet wurde in der Familie wenig über den Tod des Grossvaters. Auch weil Streitigkeiten schon viel zu sehr beschäftigten und die Mitglieder voneinander trennten.
Dass der Film auch eine Art Aufarbeitung sei, das verneint Edwin Beeler nicht. Er spricht von einem langen Prozess, der ihn so viele Jahre später dazu führte, einen Teil seiner ganz persönlichen Geschichte öffentlich zu machen. Fünf Jahre dauerte es von der Idee bis zur Realisierung. Erstmals lässt der Dokumentarfilmer darin auch Fiktion zu. Er baute die Stube nach, ein Bub spielt ihn als Kind. «Es gibt viele Bilder, die ich zeitlebens mit mir mitgetragen habe.» Schöne, aber auch Szenen rund um den Abschied seines Grossvaters. Beeler spricht von einer Art Befreiung, von einem Akt des Loslassens. «Für mich, aber vor allem für unsere ganze Familie.» Seine Mutter, Onkel und Tanten wirkten mit.
5000 Kino-Eintritte braucht er
Daraus muss etwas werden, etwas Gutes – Druck machte sich Edwin Beeler während des Prozesses vor allem selber. «Es gab viele verzweifelte Arbeitstage und -nächte», gesteht er in Muri. Die Recherche, die Gespräche seien beflügelnd gewesen, der Dreh selber auch. «Aber die Montage war oft eher harzig.» Das sieht man dem Endprodukt indes nicht an. Schlaflose Nächte hat Edwin Beeler trotzdem. Denn er muss 5000 beglaubigte Kino-Eintritte erreichen, damit er Fördergelder für sein nächstes Filmprojekt erhält. Gut 2000 sind es in der ersten Woche nach Kinostart. In Muri kommen weitere hinzu. Und Beeler ist weiterhin auf Tour. «Ich hatte Bedenken, das Thema sei zu schwer, aber es gibt auch heitere Stellen im Film», so sein Fazit.
Und das bestätigt sich im Kino Mansarde. Es wird gelacht. Aber oft ist es auch einfach ganz still.


