Schnell runter, steil rauf

Fr, 19. Nov. 2021

Bob: Melanie Hasler startet in die Weltcupsaison und will ihr Olympia-Ticket lösen

Ihr Aufstieg ist steil, ihre Geschichte beeindruckend. Die 23-jährige Melanie Hasler aus Berikon startet in ihre zweite Weltcup-Saison. Das Ziel der Pilotin: «Ich will an die Olympischen Spiele.» Bei einem lockeren Gespräch spricht sie über alles, was sie momentan bewegt.

Stefan Sprenger

Gestresst eilt Melanie Hasler im Zürcher Hauptbahnhof umher und sucht das richtige Gleis. Sie muss einen Zug erwischen. Plötzlich steht ein kleines Mädchen vor ihr und fragt: «Hallo. Gehst du Bobfahren?» Da erstrahlt das Markenzeichen von Melanie Hasler: Ihr grosses und herzliches Lachen. Die Antwort ist natürlich: «Ja.» Sie erzählt: «Ich werde mittlerweile oft erkannt. Hier im Freiamt mehr als anderswo. Aber es ist schon so, dass mich die Menschen kennen.»

Überfordert vom Erfolg

Melanie Hasler sitzt im Café Alexanders in Berikon. Auch hier werden ihr oft Blicke zugeworfen, die ausdrücken: «Hey, die kenne ich doch?!» In ihrer Heimat ist sie sehr gerne. Aber viel zu selten. «Der Bobsport ist teilweise brutal. Wochenlange Trainingslager, und eigentlich bin ich den Grossteil des Jahres unterwegs. Meine Eltern, Geschwister und Freunde sind froh, wenn ich mal hier bin für ein paar Tage.» Ihr macht das nichts aus. Sie mag den riesigen Aufwand. Es sind ihr grosser sportlicher Ehrgeiz und ihre Freude an der Herausforderung, die sie Tag für Tag antreiben. Die frühere Spitzenvolleyballerin wechselte 2017 den Ball mit dem Bob. Und seit damals geht ihr Weg in zwei Richtungen: den Eiskanal steil hinunter und die Karriere senkrecht nach oben.

Vor einem Jahr geht sie in ihre erste Saison im Weltcup. Sie fährt mehrere Male in die Top 10. Höhepunkt war der 3. Rang in St. Moritz. Ihr erster Weltcup-Podestplatz. «Ich war leicht überfordert», sagt sie – und muss wieder lachen. Es gab viele Reaktionen. Von Medien, von Freunden, von Bekannten. «Ich habe mein Handy auf Flugmodus gestellt, brauchte eine Pause», sagt sie. Nur kurze Zeit später fährt sie an der Junioren-Weltmeisterschaft ebenfalls aufs Podest.

Zu Gast im «Sportpanorama»

Ihr Entdecker ist Christoph Langen, früher Nachwuchschef bei «Swiss Sliding» und zweifacher Bob-Olympiasieger. Er entdeckte ihre riesige Sprungkraft und holte sie in den Bobsport. Langen sprach Anfang dieses Jahres von «sensationellen Leistungen» und ordnet die Saison der Freiämterin wie folgt ein: «Hasler hat sich in der erweiterten Weltspitze etabliert.»

Dies muss sie jetzt bestätigen. Am kommenden Wochenende ist Weltcupstart in Innsbruck. Wie stehen die Vorzeichen? Hasler gibt sich gewohnt optimistisch: «Ich habe ein Jahr mehr Erfahrung, ein Jahr mehr investiert und hart trainiert. Ich bin zuversichtlich.» Hasler absolvierte die Spitzensport-RS in Magglingen und sagt: «Ich war körperlich noch nie so fit wie jetzt.» Lachend fügt sie an: «Ich bin ein Tank gewesen.»

Physisch bereit muss sie sein, denn sie hat in dieser Saison ein grosses Ziel: Olympia. Wenn sie dreimal in die Top 8 an einem Weltcup-Rennen (Zweier-Bob oder Monobob) fährt, dann hat sie ihr Olympia-Ticket in der Tasche. Dann darf sie im Februar 2022 nach Peking reisen. «Ich will das schaffen, ich kann das schaffen.» Das erzählte sie vor wenigen Tagen, als sie zu Gast im «Sportpanorama» des Schweizer Fernsehens war. Und das bestätigt sie auch jetzt: «Olympia ist das Grösste. Und wir tun alles dafür, um dabei zu sein.»

Könnte Schweizer Sportgeschichte schreiben

Im Oktober war sie für ein zweiwöchiges Trainingslager in Peking. Die Zustände in China waren besonders, vor allem was die Corona-Restriktionen anbelangt. Es war eine Vorbereitung auf das, was vielleicht im Februar an den Olympischen Spielen für sie folgt. Hasler sieht nur das Positive: «Ich konnte die Olympiabahn kennenlernen, das ist sehr wertvoll.» Doch nicht nur das: In einem Monobob-Testrennen fuhr sie gegen starke Konkurrenz aufs Podest. Ein weiterer Beweis, dass mit Hasler nicht nur im Zweierbob zu rechnen ist, sondern auch im Monobob. Dort kann sie ihre starke Physis noch besser ausnutzen.

Erinnerungen an das letzte Rennen der vergangenen Saison wurden wach. Damals fuhr sie in Königssee auf den 1. Rang im Monobob-Weltcup. Es ist ihre erste internationale Goldmedaille. «Irgendwie konnte ich gewinnen. Es war ein unerwartet grandioser Abschluss», lacht sie. Ihre Reaktion, als sie im Ziel war und der ganze Druck der Saison verpuffte: «Ich kann nicht mehr. Ich brauche eine Pause.» Die Strapazen der Saison (die von Oktober bis März dauert) haben sie ausgelaugt. Und sie gleichzeitig zu Höchstleistungen angespornt. «Ja. Es ist streng, sehr streng. Aber ich liebe, was ich tue», sagt die Frau, dessen Mutter aus der Dominikanischen Republik stammt.

So viel Aufwand, so viel harte Trainings im Eiskanal und Kraftraum: Was ist ihre Motivation? Sie sei schon mit 12 Jahren eine Sportskanone gewesen. «Leistungssport war immer da, ich kenne nichts anderes», sagt sie. Und jetzt, wo sie im Bob so richtig gut ist, will sie unbedingt mehr. «Ich will das Beste rausholen und Geschichte schreiben.» Eine Medaille an Olympia wäre eine solche historische Sache, wo sie Schweizer Sportgeschichte schreiben könnte. Und auch wenn Experten ihr Aussenseiterchancen einrechnen, wagt sie kaum von einer Medaille zu träumen: «Weisch wie?», lacht sie.

An den nächsten beiden Wochenenden im November absolviert sie zwei Rennen im Zweierbob und zwei Rennen im Monobob. Die Bahn in Innsbruck passt ihr. Und sie hofft, mindestens einmal unter die besten acht zu fahren. «Es geht schliesslich um alles, es geht um die Olympia-Qualifikation. Ich muss von Anfang an bereit sein.» Im Dezember macht der Weltcup dann halt in Altenberg und Winterberg. Dann darf sie um die Weihnachtszeit einige Tage bei ihrer Familie in Berikon verbringen, bevor Rennen in Lettland und im Januar in St. Moritz und Winterberg folgen.

Zu Hause in Berikon fragen ihre Eltern, Geschwister und Freunde dann immer dasselbe: «Und? Gibt es einen Mann in deinem Leben?» Hasler muss sie immer enttäuschen. Für sie selbst aber kein Problem. «Ich habe keine Zeit für eine Beziehung und momentan andere Ziele.» Fokussiert bleiben, nennt sie das. Sowieso: Als sie gefragt wird, wie denn ihr Privatleben aussieht, antwortet sie lachend: «Welches Privatleben?»

Melanie Hasler ist aktuell die Nummer 1 im Frauenbob der Schweiz. Mit ihren Anschieberinnen Nadja Pasternack und Irina Strebel will sie auch international für Aufsehen sorgen. «Ich bin gespannt, wo wir stehen im Vergleich.» Wichtig: Den Spass behalten, die Lockerheit bewahren. «Dann kommt alles gut.» Es ist anzunehmen, dass Melanie Hasler im dritten Jahr nacheinander die Bob-Welt überrascht. Einst als Neuling, dann als krasse Aussenseiterin und jetzt als Geheimtipp. «Manchmal werde ich unterschätzt», weiss auch Melanie Hasler. «Doch ich werde es allen beweisen, wozu ich fähig bin.» Und wieder erstrahlt ihr Markenzeichen im Gesicht.

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