Vielseitiger Glücksfall
06.03.2026 Sport, Fussball1. Liga classic: Wohlen rüstet hinter den Kulissen auf – mit einem bekannten Gesicht
Sieg für den FC Wohlen – neben dem Platz. Denn mit Lothar Mayer kehrt ein sympathischer Tausendsassa zurück zum Verein. Er ist Lehrer, Krebsberater oder ...
1. Liga classic: Wohlen rüstet hinter den Kulissen auf – mit einem bekannten Gesicht
Sieg für den FC Wohlen – neben dem Platz. Denn mit Lothar Mayer kehrt ein sympathischer Tausendsassa zurück zum Verein. Er ist Lehrer, Krebsberater oder Schreiberling. Mayer wird beim FCW Technischer Leiter und mit ihm startet das Projekt «Coach to Coach».
Josip Lasic
Dieser Kerl ist eine Institution. Vielseitig wie ein Taschenmesser, dazu akribisch und herzlich. Der FC Wohlen hat einen neuen Technischen Leiter. Ausserdem hat der Verein einen Ernährungsberater, Konditionstrainer, Lehrer, Schriftsteller und vieles mehr. Lothar Mayer ist alles in einer Person. Für ihn ist es eine Rückkehr an eine alte Wirkungsstätte. Von 2010 bis 2012 war er bereits beim FC Wohlen tätig. Damals spielte Wohlen in der Challenge League. Mayer spürt kaum einen Unterschied von damals zu heute. «Als ich in die ‹Katakomben› der Niedermatten kam, fühlte es sich an wie damals. Das Ziel ist nach wie vor, langfristig erfolgreich zu arbeiten, unabhängig davon, ob im Profi- oder Amateurbereich.»
Im Juli 2010 titelte diese Zeitung «Der neue Schleifer des FCW», als der gebürtige Deutsche zum ersten Mal ins Freiamt kam. Damals war er Konditionstrainer des Teams. Zitate wie «Pillepalle geht nicht» zeichneten das Bild eines harten und fordernden Fussballlehrers. Einige FCW-Legenden schwitzten und «litten» unter ihm, darunter der aktuelle FCW-Trainer Piu und Captain Alban Pnishi. Dieser Zeitungsartikel ist immer noch auf Mayers Homepage zu finden. Dort stehen auch zahlreiche weitere Informationen zum 59-Jährigen. Fügt man diese zu einem Gesamtbild zusammen, wirkt er nicht mehr wie «Drillmeister der alten Schule.» Mayer ist facettenreich, hat zahlreiche Interessen.
Was macht er genau beim FCW?
In Baden-Württemberg aufgewachsen, ist Mayer mittlerweile im Kanton Aargau heimisch geworden. Er lebt in der Gemeinde Schmiedrued und unterrichtet als Lehrer an der Realschule Langmatt in Brugg. «Darüber handelt auch mein letztes Büchlein. Es heisst ‹Zwischen Alpen und Augenblicken› und enthält in erster Linie Alltagsgeschichten aus meiner Arbeit als Lehrer», erklärt er. «Und so unterschiedlich sind die Tätigkeitsfelder ja nicht. Ich arbeite als Instruktor beim Aargauer und beim Schweizer Fussballverband und bilde dort Trainer aus. Wie in der Schule geht es auch dort darum, Wissen zu vermitteln und zu kommunizieren.»
Das soll er auch beim FC Wohlen. Seine neue Funktion im Verein ist die des Technischen Leiters. Am Montag fing seine Tätigkeit bei den Freiämtern mit dem Projekt «Coach to Coach» an. Dabei beobachtet er die Trainings der verschiedenen Teams und gibt den jeweiligen Trainern Feedback. So soll eine Entwicklung stattfinden, die intensivere und stufengerechte Trainings im Verein ermöglicht. Die erste Mannschaft ist für diese Trainingsbesuche nicht vorgesehen, soll aber langfristig davon profitieren. «Am Ende der Entwicklung steht die erste Mannschaft. Langfristig wollen wir eine Spielphilosophie einführen, die von Grund auf für den FC Wohlen steht und sich durch alle Teams zieht», erklärt er. «Wenn ein Spieler altersbedingt in eine neue Mannschaft kommt, soll er nicht komplettes Neuland betreten. Entwicklung und Training sollen dort weitergehen, wo sie im vorherigen Team aufgehört haben. Erfolg bedeutet für den FC Wohlen, wenn Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in die erste Mannschaft integriert werden können. Das gelingt am ehesten, wenn eine einheitliche Trainer-Spielphilosophie entsteht.»
Der sympathische Fussballfachmann ist weniger ein «Schleifer» als mehr ein «Helfer». Er unterstützt Menschen, wo er kann. Und versucht dabei einen individuellen Zugang zu den Personen zu finden. Sein Wissen im Bereich Ernährung ist enorm nützlich für den Sport. Die Motivation, sich dieses Wissen anzueignen, war aber eine andere. «Ich habe eine Ausbildung zum ‹Ganzheitlichen Krebsberater› abgeschlossen, weil jemand in meinem Umfeld unter der Erkrankung gelitten hat. Ich bin kein Arzt, aber so habe ich mir Wissen angeeignet, wie man jemanden im Bereich Ernährung in so einer Situation unterstützen kann.» Auch sozial engagiert er sich: Mayer unterstützt die Stiftung Theodora und ihre «Traumdoktoren», die Spitäler und Institutionen für Kinder mit Behinderungen besuchen, um den Kindern Trost und Freude zu schenken, und macht auf deren Arbeit aufmerksam. Und mit seiner Leidenschaft fürs Schreiben versucht er ebenfalls zu helfen. Er bietet Dienste als freier Journalist, Lektor und Korrektor an. Dem FC Wohlen hilft er nun mit seinen Fähigkeiten im Fussballbereich. Dabei wollte er nach seiner letzten Station als Technischer Leiter bei den Frauen des FC Aarau eine Pause einlegen. «Der FC Wohlen war aber meine erste Station in der Schweiz. Da hat es mich gereizt, als die Anfrage kam.»
Eine nachhaltige Sache
Die erste Mannschaft wird nicht direkt von Mayers Arbeit betroffen sein. Der FC Wohlen hat jedoch 32 weitere Teams. Der Trainer und Instruktor wird Zeit benötigen, um all diese Teams zu betreuen und in die gewünschte Richtung zu lenken. «Dinge wie spiel- und schnelligkeitsorientiert zu trainieren, klingen gut und sehen auf dem Papier toll aus. Das muss aber alles umgesetzt werden. Die Entwicklung soll nachhaltig sein und das wird Zeit benötigen», sagt er. Sein Engagement ist aktuell provisorisch für eineinhalb Jahre geplant. «Es existiert kein Vertrag, der das festlegt. Das Ganze ist ein Prozess mit dem Ziel, die Fussballer im Verein zielgerichtet und individuell zu fördern, sodass sie Spass haben, beim FC Wohlen zu spielen.»
Mit Lothar Mayer hat der Verein jetzt jemanden, der dabei helfen kann, dieses Ziel zu erreichen. Und auch bei zahlreichen weiteren Dingen. Ein Glücksfall, dieser Tausendsassa.


