Vom Mutschellen nach Michigan

Fr, 20. Nov. 2020
Das Roger-Federer-Shirt zeigt Verbundenheit mit der Heimat. Stephan Tarnutzer (Mitte) mit seiner Familie (v. l.: Emma, Ian, Stephan Tarnutzer, Ehefrau Bonnie, Isabel). Bilder: zg

Vor 25 Jahren erhielt der Beriker Stephan Tarnutzer ein Stipendium, um an der Indiana Wesleyan University in den USA Basketball zu spielen und zu studieren – und kam nie wieder zurück. Nach dem Studium, mehreren Arbeitsstellen und zahlreichen Weiterbildungen später, darf er sich Präsident von einem Unternehmen aus der Autoindustrie nennen. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in der Nähe von Detroit. --jl


Korbwurf in ein neues Leben

Stephan Tarnutzer ging mit einem Basketballstipendium in die USA und hat sich dort ein Leben aufgebaut

Stephan Tarnutzer ist in Berikon aufgewachsen und lebt jetzt nahe der Millionenmetropole Detroit. Seinen Lebensweg verdankt er seinen Fähigkeiten auf dem Basketballplatz.

Josip Lasic

Der Captain des College-Basketball-Teams und die Cheerleaderin sind ein Paar. Er, gross und athletisch, steht im Gang vor den Unterrichtsräumen und flirtet mit seiner wunderschönen Freundin. Das Logo seines Teams deutlich auf seiner Jacke zu sehen. Eine Szene, wie sie beinahe klischeehaft oft in Filmen und Serien aus den USA vorkommt. Was wie das Drehbuch einer Hollywood-Romanze klingt, ist für Stephan Tarnutzer Realität. Der Beriker war Captain der «Wildcats» an der Indiana Wesleyan University und hat seine Jugendliebe, die Cheerleaderin Bonnie, geheiratet.

Die beiden sind Eltern von Emma (20), Isabel (17) und Ian (15). Eine deutliche Aussage von Stephan Tarnutzer. Die Familie lebt in «Shelby Township» im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan. Die Stadt zählt rund 74 000 Einwohner und gehört zur Agglomeration von Detroit, der grössten Stadt des Bundesstaates. Detroit trägt den Spitznamen «Motor City». Die Stadt und der Bundesstaat Michigan sind das Epizentrum der amerikanischen Autoindustrie. Der Freiämter Tarnutzer arbeitet genau in jener Industrie. Er ist Präsident von AVL USA, eines Unternehmens mit über 450 Leuten, das in den Bereichen Elektrifikation, virtuelle Entwicklung und autonomes Fahren tätig ist. Der 46-Jährige ist für die Entwicklung und das Testen von Motoren und Getrieben zuständig sowie für die Finanzen und das Marketing.

Die filmreife Liebesgeschichte und der «Amerikanische Traum», den Stephan Tarnutzer lebt, hat er seinen sportlichen Fähigkeiten zu verdanken. «Ich weiss nicht, wie mein Leben ohne Basketball ausgesehen hätte. Mit ziemlicher Sicherheit wäre ich aber nicht da, wo ich heute stehe.»

Über 70 Spiele in einer Saison

Stephan Tarnutzer kommt 1974 auf die Welt. Er wächst in Berikon auf und fängt im Alter von fünf Jahren beim FC Rudolfstetten mit Fussball an. Nach einiger Zeit bereitet ihm dieser Sport keinen Spass mehr. Inspiriert durch einen Turnlehrer an seiner Schule, der gleichzeitig Trainer bei Mutschellen Basketball ist, wechselt der Schüler zum Verein, der bis heute die Basketballhochburg im Freiamt ist. «Mir gefiel an Basketball, dass am Ende das bessere Team gewinnt. Es ist nicht möglich, wie im Fussball einen Glückstreffer zu landen und dann nur zu verteidigen. So funktioniert dieser Sport nicht. Es gibt weniger Sensationssiege, aber der, der es verdient hat, setzt sich am Ende durch.»

Der Wechsel der Sportart geht nicht spurlos an Stephan Tarnutzer vorbei. «Ich wurde belächelt, dass ich zu klein sei, um Basketball zu spielen», erzählt der Freiämter. Im Basketball ist aber nicht auf jeder Position Grösse gefragt. Der «Point Guard» und der «Shooting Guard» sind die kleinsten und schnellsten Spieler auf dem Feld. Während der «Point Guard» für den Spielaufbau zuständig ist, ist der «Shooting Guard» auf Distanzwürfe spezialisiert. Diese Positionen liegen Stephan Tarnutzer, der mit einer Grösse von rund 185 cm die Idealmasse dafür mitbringt. Der Freiämter ist ausserdem schnell, verfügt über ein gutes Passspiel und einen guten Wurf aus der Distanz. Das ist für den Basketballclub vom Mutschellen Gold wert. Tarnutzer spielt gleichzeitig im Aktivteam und mehreren Juniorenmannschaften der Mutscheller. Der Beriker kommt in einer Saison auf über 70 Spiele.

Nationalliga A und Nationalmannschaft

Das Talent des Mutschellers bleibt nicht unentdeckt. Er wechselt zu Basketball Regensdorf. Mit den Zürchern steigt er zunächst in die NLB, später in die NLA auf. Daneben wird er für die Schweizer Nationalauswahlen berücksichtigt. Er spielt in der U18-, U20- und zuletzt mit nur 19 Jahren in der A-Nationalmannschaft.

Mittlerweile hat der Basketballer seine Lehre als Elektroniker bei Siemens abgeschlossen und eine Technische Hochschule besucht. Bei der Teilnahme am Swiss All Star Basketball Camp stellt ihn sein Trainer aus Regensdorf einem Basketballcoach aus den USA vor. Dieser organisiert für Tarnutzer eine Reise in die Vereinigten Staaten, wo er bei einigen Colleges seine Fähigkeiten unter Beweis stellt. Am Ende ist es derselbe Coach, der die US-Reise organisiert hat, der ihn zu der Indiana Wesleyan University holt. 1995, im Alter von 19, bricht Tarnutzer über den grossen Teich auf. Er erhält ein Stipendium, um zu studieren und für die «Wildcats», das Team der Universität, Basketball zu spielen.

Zu klein, um Superstar zu sein

«Amerikaner definieren sich sehr über ihre sportlichen Erfolge», erklärt er. «Viele Leute erzählen voller Stolz über ihre sportlichen Auszeichnungen während der High School, also während des Gymnasiums. Umso höher angesehen ist, wer an einer Universität Basketball spielt. Vor allem, wenn man wie ich ein Stipendium hat.» Für Tarnutzer ist das ungewohnt. Er betrachtet die Zeit an der Indiana Wesleyan University primär als Studienzeit. Er belegt die Fächer Wirtschaft und Management.

Aber: Wer auf dem College Basketball spielt, und heraussticht, gilt bereits als Star. Das Basketballteam der Indiana Wesleyan University spielt aber in der 2. Division. Und Stephan Tarnutzer misst nur 185 cm. «Mir wurde gesagt, dass ich das Zeug für die 1. Division hätte, wenn ich grösser wäre.»

Der Freiämter mausert sich zum Captain des Teams und holt den nationalen Titel in der 2. Division. Den ersten Basketballtitel in der Geschichte der Universität. Nach vier Jahren hat er den Bachelor in Wirtschaft und Management. Zu diesem Zeitpunkt könnte er sich für den Draft melden. Dort wählen Profi-Teams Athleten von den Universitäten aus. Um beim Draft eine gute Chance zu haben, muss man ein Spieler aus der 1. Division, oder gut vernetzt sein. Bei Stephan Tarnutzer trifft beides nicht zu.

Umzug in den Staat der Liebsten

Was nun? Der ursprüngliche Plan ist, dass der Freiämter in die Schweiz zurückkehrt und an der Technischen Hochschule in Burgdorf seine Ausbildung fortsetzt. Er hat Angebote von Schweizer Basketballvereinen, um halbprofessionell zu spielen. Doch der Plan ändert sich, als er Bonnie, seine heutige Ehefrau, kennenlernt. Die Cheerleaderin, die aus dem Bundesstaat Michigan stammt, studiert an der Indiana Wesleyan University Krankenpflege. Der Schweizer erhält ein Angebot, in Michigan in der Autoindustrie zu arbeiten. «Ich hatte zuerst Bedenken», sagt er. «Dann fing ich aber bei DaimlerChrysler im Bereich der Motoren- und Getriebeelektronik und Software zu arbeiten.»

Während Bonnie Tarnutzer nach wie vor teilzeitlich als Krankenschwester arbeitet, blieb Stephan Tarnutzer auch nach seiner Zeit bei DaimlerChrysler in der Automobilindustrie. Er arbeitet in diversen Unternehmen, die in der Herstellung von Autoteilen tätig sind. Daneben absolviert er an der Oakland University in Michigan den Master of Business Administration im Bereich Finanzen. Sein vorerst letzter Stellenwechsel führt ihn zu AVL USA. «Positiv ist, dass der Hauptsitz meiner Firma in Graz ist. Wenn ich auf Geschäftsreise in Europa bin, kann ich meine Familie in der Schweiz besuchen.»

Tarnutzers Eltern leben nach wie vor in Berikon. Seine Schwester wohnt mit ihrer Familie in Oberwil-Lieli. Auch sie war in jungen Jahren Basketballerin und hat sich später sogar zur Schiedsrichterin und Trainerin weiterbilden lassen.

Ein Vierteljahrhundert «American Dream»

25 Jahre ist es her, dass Stephan Tarnutzer von Berikon aus in die USA loszog. Mittlerweile ist er zu einem grossen Teil im Herzen Amerikaner. In das perfekte Schweizerdeutsch mischen sich englische Begriffe. So beschreibt er die US-Amerikaner als «worryless» im Vergleich zu den Schweizern. «Die Menschen hier sind sorgloser. In der Schweiz plant man gefühlt nach der Schule das Leben bis zur Rente durch. Amerikaner leben mehr im Moment. Wenn hier jemand ein Haus baut, ist es nicht wichtig, ob dieses in 50 Jahren noch steht.»

Er bezeichnet weder die Schweizer noch die amerikanische Mentalität als besser oder schlechter. Nur als unterschiedlich. Sich selbst sieht er als guten Mix. «Mir fehlen bei der Arbeit die Schweizer Genauigkeit und Disziplin. Amerikaner sind weniger fokussiert auf Details.» Seine letzte Weiterbildung absolviert er 2012 an der renommierten Northwestern University Kellogg School of Management in Illinois im Bereich Management. Da die Universität in einem anderen Bundesstaat liegt, ist er fünfmal im Jahr für eine bis zwei Wochen vor Ort, besucht den ganzen Tag Kurse und lernt. Den Biss, den er sich im Sport angeeignet hat, zeigt er im Beruf. Er übernimmt auch gern Metaphern aus dem Basketball in die Arbeitswelt. «Wenn es um eine Teamkonstellation geht, nehme ich die Chicago Bulls mit Michael Jordan oder die Golden State Warriors der letzten Jahre als Beispiel. Einige Stars, die vorangehen, und Rollenspieler, die da sind, wenn ihre Fähigkeiten gebraucht werden.»

Stephan Tarnutzer lebt den «American Dream». «Diese Chance hätte ich so in der Schweiz vermutlich nicht gehabt. Ich weiss, dass ich das zu einem grossen Teil dem Basketball und Gottes Segen zu verdanken habe.» In seinem Keller und vor dem Haus steht jeweils ein Korb, wo er mit seinem Sohn spielt. Oft trifft er sich mit Freunden zum Basketballspielen, hat mit der Kirche Basketball-Camps für 400 bis 500 Kinder organisiert.

Der Freiämter nennt den Sport seine «Lebensliebe», neben seiner Frau Bonnie natürlich. Ohne Basketball wäre er nicht dort, wo er jetzt ist. Eines Tages in die Schweiz zurückzukehren, schliesst er nicht aus. «Man weiss nie, welche Wendung das Leben nimmt», sagt er. Vermutlich hätte er vor 25 Jahren auch nicht gedacht, dass ihn seine Korbwürfe über den grossen Teich bringen.

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