Von Zahlen und Menschen
06.01.2026 Muri, Porträt44 Jahre engagiert
Kurt Stierli in der Steuerkommission
Veränderungen? Kurt Stierli kann viel erzählen. Vom Steuerbuch, das auflag und Auskunft darüber gab, wer wie viel Steuern zahlte. Von monatlichen Sitzungen über viele Jahre, um ...
44 Jahre engagiert
Kurt Stierli in der Steuerkommission
Veränderungen? Kurt Stierli kann viel erzählen. Vom Steuerbuch, das auflag und Auskunft darüber gab, wer wie viel Steuern zahlte. Von monatlichen Sitzungen über viele Jahre, um die Dossiers zu besprechen. Mittlerweile ist die Mitarbeit in der Steuerkommission weniger aufwendig. Aber weiterhin spannend. Trotzdem trat Kurt Stierli nach 44 Jahren zurück. --red
Kurt Stierli arbeitete 44 Jahre für die Steuerkommission der Gemeinde Muri
Die ersten 20 Jahre war Kurt Stierli nur Ersatzmitglied in der Kommission. Er kam unregelmässig zum Einsatz. Über die Zeit hat sich die Arbeit verändert. Und nach der Änderung des Steuergesetzes werde diese Kommission in ungefähr vier Jahren aufgelöst, erzählt der scheidende Präsident.
Verena Anna Wigger
Kurt Stierli war vor seiner Pensionierung beim Zoll tätig. Er sei ein Zahlenmensch, sagt er. Diese Liebe zu Zahlen sei der Beweggrund gewesen, warum er zum Zoll wie auch in die Steuerkommission ging. In seiner Anfangszeit als Kommissionsmitglied, erinnert er sich, gab es nach Sitzungen auch noch Vororttermine. Da wurde dann angeschaut, was in der Steuererklärung deklariert worden sei. Daher ist sein Rat: «Wer etwas verändert, der macht am besten ein Vorher-Nachher-Foto.» Denn in den Anfangsjahren war das Dorf noch viel kleiner und man kannte sich. Da habe es in der Kommission jeweils eine Abwägung gegeben. Wenn jemand eine Steuererklärung eingereicht hat, wurde die Frage gestellt: «Stimmt die Steuererklärung zum jeweiligen Lebensstandard?», so Stierli. Man sehe von aussen nicht alles. Überhaupt hätten Familien und Häuser immer wieder zu Diskussionen und Abklärungen geführt.
Zu Verschwiegenheit verpflichtet
Früher wurde auch noch das Steuerbuch aufgelegt, so Stierli. Was heisst, dass diejenigen, die ein Interesse hatten, nachschauen konnten, wer wie viele Steuern bezahlt. «Weil es Missgunst gab», sagt Stierli, habe man aufgehört, dieses Buch öffentlich aufzulegen.
Damit sie die Arbeitsbelastungen bewältigen konnten, tagte die Kommission monatlich, jeweils einen ganzen Tag. Da sei jeweils ein Stapel mit Dossiers auf dem Tisch gewesen. Die Geste von Kurt Stierli zeigt, dass der Stapel gute 30 Zentimeter hoch war. «Diese haben wir dann an der Sitzung bearbeitet.» Was hiess, dass vier Mitglieder der Kommission, die Steuervorsteherin der Gemeinde und ein Fachmann vom kantonalen Steueramt dabei waren. Stierli ist klar, dass Verschwiegenheit zu seiner Tätigkeit dazugehört. «Ich weiss schon gewisse Sachen, aber ich darf nichts sagen», hält er fest. Die Arbeit in der Kommission bringe es mit sich, dass Vertrauen und Verschwiegenheit wichtig seien. Einmal habe einer im Lotto gewonnen und ein Kollege von ihm, «hat mich darauf angesprochen», schmunzelt er. Er habe einfach zugehört, weil er ja nichts sagen darf.
Heute tagt sie nur noch dreibis viermal jährlich
Mit der Revisionen des Steuergesetzes werden nur noch Steuererklärungen bearbeitet, bei welchen Einspruch eingelegt wurde, oder bei denen Beschwerden laufen. Aber auch jene Fälle, bei denen sie nach Ermessen einschätzen müssen. Daher tagt die Kommission heute noch drei- bis viermal im Jahr. In all den Jahren und mit all den Dossiers, die sie bearbeitet und eingeschätzt haben, habe es vielleicht mal ein böses Telefon beim Steueramt gegeben, aber das sei selten gewesen, freut es den Präsidenten der Steuerkommission.
Etwas, was erstaunen mag, erzählt Stierli auch: Relativ viele Menschen geben keine ausgefüllte Steuererklärung ab. «Vor allem jüngere und ältere Menschen», sagt er. Aus der Erfahrung seien dies Menschen, die Hilfe von Angehörigen oder der Pro Senectute benötigen. Hier machen sie eine Abwägung bezüglich des Lebenswandels und dann wird eine Einschätzung gemacht. Dennoch seien sie kein «Durchnicker-Gremium, zwischendurch gibt es auch heftige Diskussionen». Es freut ihn zudem, dass sie bei allen Entscheiden keinen Fall hatten, der bis vor Bundesgericht ging. Manchmal gebe es Fragestellungen, die sie zurücknehmen. Diese werden zuerst in Aarau abgeklärt, um dann zu entscheiden.
Was sie auch immer wieder erleben, sind Selbstanzeigen. Beispielsweise wenn bei einem Erbe ein Konto oder Geld zum Vorschein kommt, das nie deklariert wurde, «auch das gibt es», sagt Stierli.
Besondere Geschichten
Der ehemalige Grossrat, der elf Jahre für die SP den Bezirk Muri vertrat, erinnert sich auch an besondere Geschichten, die er erlebt hat. Auch hier ist er zurückhaltend. Denn wie schon erwähnt, gilt Verschwiegenheit. Ein Beispiel ist ihm dann doch zu entlocken. Da ging es um ein Haus, das zu deklarieren gewesen sei. Der Besitzer sei eher aufgeregt gewesen und er weigerte sich, die Unterlagen einzureichen. Dafür kündete er von Anfang an, wenn er nicht einverstanden sei mit ihrem Entscheid, gehe er vor Verwaltungsgericht. Das tat er denn auch und reichte auf Verlangen des Gerichts dort die Unterlagen ein. Worauf er eine Einschätzung vom Gericht erhielt, mit der er einverstanden war. «Was er von uns auch hätte haben können», erklärt Stierli amüsiert. Denn sie arbeiten ja auch nach dem Steuergesetz.
Die Steuerkommission wird abgeschafft
Mit dem neuen Steuergesetz wird in zwei bis vier Jahren die Arbeit der Steuerkommission abgeschafft. Dann werde die Vorsteherin der Abteilung Steuern zusammen mit einem Fachmann des Kantonalen Steueramts die Fälle besprechen und einschätzen, welche heute noch von der Kommission bearbeitet werden. Eigentlich hätte der bald 70-jährige Stierli noch zwei Jahre mitgemacht, da aber unklar ist, wann nun definitiv Schluss sei, hat er sich entschieden, jetzt zurückzutreten.
Seine Arbeit im Gremium hat er gerne gemacht, «da wir diskutiert und Lösungen gefunden haben, war dies für mich auch keine Belastung.» Er musste keine Entscheidungen treffen für Leute, die er kennt. Und in Fällen von Familienmitgliedern trat er in den Ausstand.
Familiär sei es zuweilen auch in der Kommission zugegangen. Diese habe früher jeweils einen Ausflug gemacht und bei einer schönen Wanderung und einem Mittagessen sei man gemeinsam unterwegs gewesen. Stierli, der nun nach 44 Jahren – die letzten acht Jahre als Präsident – seine Kommissionsarbeit beendet, hat den einen oder anderen Kollegen oder Kollegin begleitet. Der Grossvater von vier Enkelkindern und Vater von zwei Töchtern geniesst in Zukunft die Familie mehr. Was er immer auch gern macht, ist bergsteigen, wandern, klettern oder auch Gletschertouren. «Alles zu seiner Zeit», sagt er. Denn alles gehe heute nicht mehr, da zeigt sein Körper, wo die Grenzen sind. Doch in diesem Sommer war er zusammen mit seiner Frau Roswitha 15 Tage auf der Via Alpina in den französischen und italienischen Bergen unterwegs. Während er diese Geschichte erzählt, beginnt sich sein Gesicht zu entspannen. Entspannung, das gilt auch nach seiner Zeit als Mitglied der Steuerkommission.


