«War bereit, für Gott zu sterben»
27.02.2026 Bremgarten, KircheDer reformierte Pfarrer Ruedi Bertschi verabschiedet sich in den Ruhestand
Diesen Sonntag, 1. März, wird Ruedi Bertschi zum letzten Mal hinter der Kanzel zur Bevölkerung sprechen. Mit ihm verlässt Bremgarten ein besonderer Mensch, mit einer besonderen ...
Der reformierte Pfarrer Ruedi Bertschi verabschiedet sich in den Ruhestand
Diesen Sonntag, 1. März, wird Ruedi Bertschi zum letzten Mal hinter der Kanzel zur Bevölkerung sprechen. Mit ihm verlässt Bremgarten ein besonderer Mensch, mit einer besonderen Lebensgeschichte. Einer, der durch seine reflektierte, einfühlsame und humorvolle Art trotz kurzer Amtszeit vielerorts Spuren hinterlässt.
Marco Huwyler
Gekommen ist er zu Fuss. Damals vor sechs Jahren, mitten in der Corona-Pandemie. Rund 100 Kilometer von Romanshorn nach Bremgarten. «Weil ich die Veränderung bewusst begehen wollte», wie er lächelnd sagt. Auch in der modernen, schnelllebigen Welt sei nämlich die Seele im Schritttempo unterwegs. «Bis wir wichtige Übergänge realisiert und verarbeitet haben und richtig abschliessen können, braucht es einfach Zeit.» Und ein wichtiges Kapitel war es für Bertschi allemal, das er 2020 hier in Angriff nahm. Das letzte seines beruflichen Weges als Pfarrer nämlich. Eine Destination, die er nach einer längeren Bewerbungsphase ganz bewusst ausgewählt hatte. «Es hat damals einfach ‹gematcht› zwischen Bremgarten und mir, wie man heute so schön sagt.»
Wenns sein muss, auch ein Märtyrertod
Dass er mit 59 überhaupt nochmals eine neue Herausforderung in Angriff nehmen konnte, ist bei seiner Geschichte nicht selbstverständlich. «Mehr als einmal hing mein Leben am seidenen Faden», erzählt Bertschi. Das liegt an einem Risiko, dem sich der junge Pfarrer bewusst ausgesetzt hat. Gleich nach dem Studium lässt er sich in ein Malaria-verseuchtes Gebiet nach Nordkamerun verlegen und hilft dort beim Aufbau einer noch sehr jungen Kirche mit. «Angst hatte ich keine. Meine Überzeugung war so stark, dass ich damals bereit war, für Gott und den Glauben zu sterben. Einen Märtyrertod, wenn man so will.» Tatsächlich erwischt ihn die Krankheit mehrmals lebensbedrohlich. Einmal sind die Fieberschübe so stark, dass er als junger Mann einen bleibenden Hörverlust davonträgt. Deshalb trägt Bertschi ein Hörgerät.
Die Pistole vor der Nase
Doch die Zeit in Kamerun ist für ihn auch im positiven Sinne prägend. «Ich habe als Missionar unglaublich viel von den afrikanischen Glaubensgeschwistern gelernt», sagt Bertschi, der der Herausforderung mit offenem Geist und Herz begegnet. «Man muss bereit sein, sich auf das Leben der Einheimischen einzulassen und selber verändert zu werden», sagt er. Deshalb nimmt er den Job damals auch mit viel Demut und Geduld in Angriff. Bevor er grosse Predigten schwingt, lernt Bertschi ein Jahr lang die Kultur und Sprache der Fulani. Er unterrichtet erst mal nur Kinder im Religionsunterricht. «Sie sind dankbare Zuhörer und manchmal selbst die besten Lehrer», schmunzelt er.
Nach der Eingewöhnungszeit ist Bertschi hauptsächlich in der Aus- und Weiterbildung von Gemeindeleiterinnen und -leitern tätig und prägt die Glaubensgemeinschaft jahrelang. Er knüpft in Kamerun Beziehungen fürs Leben. Auch seine Ex-Frau lernt der reformierte Pfarrer dort kennen. Zusammen bekommen sie drei Kinder. «Es war ein schönes Leben. Ich möchte die Zeit um nichts missen», sagt Bertschi. Auch wenn die zuweilen harten Lebensrealitäten des armen Landes immer wieder zuschlagen. «Da kam es auch mal vor, dass Frau und Kinder unter vorgehaltener Pistole von Kriminellen zum Aussteigen aus dem Auto gezwungen werden», berichtet der Pfarrer.
Später finden Bertschis jenes Auto wieder, wenn auch nicht ganz unversehrt. Weil die Banditen damit gegen einen Baum geprallt sind, hat es danach Schlagseite. «Bei uns würde man sagen – Totalschaden. In Kamerun sind wir damit aber noch jahrelang gefahren. Man musste halt etwas Gegenlenken», lacht der Pfarrer.
Dort, wo Gott ihn wirklich braucht
Die Episode passt irgendwie zur Lebensgeschichte Bertschis, in der kaum je etwas nach Schema F läuft. Er würde dies auch gar nicht wollen. «Ich versuchte partout zu vermeiden, einer dieser ‹Profi-Christen› zu werden», nennt er es. Keiner jener Pfarrer also, «die sich in einem reichen Industrieland auf den Füssen rumtrampeln und es sich auf ihrem Posten gemütlich machen». Bertschi dagegen wollte dort sein, wo Gott ihn wirklich brauchte. «Ich sah mich in der Linie Abrahams. Mit meiner persönlichen Beziehung zu Gott, die mir das Wichtigste auf der Welt war und die ich auch als Missionsauftrag verstand.»
Doch irgendwann gab ihm nicht nur Gott, sondern auch die afrikanischen Kirchenleute zu verstehen, dass es ihn in Kamerun nicht mehr brauchte. Die europäischen Missionare wurden von ihrer guten Arbeit eingeholt. «Mein Einfluss schwand. Die gewachsene Kirche übernahm immer mehr Verantwortung und irgendeinmal tönte es ‹Missionar, geh nach Hause!›», erzählt Bertschi. «Eine junge Kirche ist ähnlich den Kindern, die dem Elternhaus entwachsen.» Und Bertschi war und ist niemand, der einem seine Präsenz aufzwingt. Nach zehn Jahren in Westafrika war es für ihn Zeit, weiterzuziehen. Zurück in die Schweiz.
Schwäche entpuppt sich als Stärke
Diese Rückkehr kam indes einem Kulturschock gleich. In seiner neuen Pfarrei in einer kleinen Landsgemeinde im Thurgau schlitterte Bertschi als Folge in eine Lebens- und Sinneskrise. Zeitweise ging es ihm so schlecht, dass er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden musste. «Freunde und Bekannte haben mir in jener Zeit eindringlich geraten, einen Neustart woanders in Angriff zu nehmen.» Nach einer solchen Geschichte sei man doch in einem Dorf als Pfarrer «verbrannt», so die verbreitete Ansicht des Umfelds.
Doch Bertschi blieb. «Ich habe beschlossen, dass meine Probleme kein Geheimnis sein sollten. Denn auch ein Pfarrer darf doch ein Mensch mit Schwächen sein», findet er. Ein Entscheid, der sich im Nachhinein als goldrichtig erwies. Die Menschen begrüssten ihren Dorfpfarrer nach dem Klinikaufenthalt herzlich zurück. «Und dadurch, dass es bekannt war, was ich durchgemacht hatte, kamen viele mit ähnlichen Problemen in die Kirche, um sich mir anzuvertrauen.» Mit Bertschi hatten sie einen Pfarrer, der sie und ihre Gefühle verstand. Durch seinen offenen Umgang mit der eigenen Krankheit fand er einen Zugang zu Menschen, die sich sonst nicht geöffnet hätten.
Der Papst hängt an der Wand
Menschen zu helfen und ihnen mit dem Glauben einen Halt im Leben zu geben, ist letztlich auch das, was für Bertschi im Zentrum seines Berufes steht. Und dabei soll jeder und jede gleich behandelt werden. Unabhängig auch vom bisherigen Werdegang und der Konfession. Überhaupt ist Schubladendenken nicht das seine. In Bertschis Büro hängt ein Bild des verstorbenen Papstes Franziskus. Dessen erster Hirtenbrief – «Die Freuden des Evangeliums» hat er mehrfach gelesen und bezeichnet das Werk als eines seiner Lieblingsbücher. «Franziskus ist ein Seelenverwandter und ein Vorbild von mir», lächelt Bertschi. Darf ein reformierter Pfarrer so was sagen? «Weshalb nicht? Nur weil der Papst katholisch ist?», fragt Bertschi lachend zurück und winkt ab. Konfessionelle Gräben sind für ihn Schnee von gestern.
Die Ökumene leben
Deshalb war ihm auch zeitlebens die Ökumene wichtig. «Dass diese auch vor meiner Zeit hier in Bremgarten so gut funktionierte, war mit ein Grund, hierherzukommen», sagt er. Diese konfessionsübergreifende Zusammenarbeit wurde mit Bertschi nochmals intensiviert. «In Zeiten der Kirchenaustritte bleibt uns gar nichts anderes übrig», findet er. Gerade seiner reformierten Kirche, die in Bremgarten eine Minorität darstellt. «Am Anfang war das gewöhnungsbedürftig», gibt Bertschi zu, der bis anhin nur in reformierten Hochburgen tätig war. In der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen war das anders. Entsprechend gross auch der Zuständigkeitsbereich der einzelnen Personen. «Es war für mich herausfordernd, gleich in 11 verschiedenen politischen Gemeinden tätig zu sein», sagt Bertschi. Doch einen, der zehn Jahre mit den Gegebenheiten in Westafrika klarkam, den schreckt so was nicht. Es gehört zu den Stärken des 65-Jährigen, dass er sich gut adaptieren kann.
Mit Akribie und Humor zur Predigt
So fällt ihm auch der Abschied nicht über Gebühr schwer, obwohl er in den letzten sechs Jahren ganz viele Menschen in und um Bremgarten lieb gewonnen hat. «Ich habe in meinem Leben schon so viele Abschiede hinter mich gebracht», sagt er. Nichtsdestotrotz ist es ihm wichtig, wie er hier geht. «An der Abschiedspredigt feile ich schon seit Wochen», gibt er lächelnd zu. Darin wird er übermorgen Sonntag den Abschluss des Markus-Evangeliums, dem er sich seit drei Jahren widmet, mit seiner Lebensgeschichte verknüpfen. Gewiss wird dann auch der Humor nicht zu kurz kommen. Mit und über Bertschi kann man lachen. Eine Eigenschaft, die ihn immer auszeichnete. Auch wenn Bertschis feine Ironie nicht immer bei allen gleich gut ankam. «Gerade von Bauern musste ich mir schon einiges anhören, weil ich mir zuweilen den einen oder anderen Spruch über Subventionen oder dergleichen erlaubte», schmunzelt er. Was die Kritiker meist nicht wussten – Bertschi ist selbst ein Bauernbub und hat viele Jahre auf dem elterlichen Betrieb mitgewirkt.
Abgesehen davon ist es längst nicht die einzige Gattung, die er in den vergangenen Jahren auf die Schippe nahm. Pfarrer Bertschi ist politisch interessiert – auch lokalpolitisch. Und so konnte man in seinen Predigten in den vergangenen Jahren auch den einen oder anderen Spruch mit Schalk über die Vorgänge im Bremgarter Rathaus hören, wie auch Reden und Sätze, die er im Übrigen immer akribisch vorbereitete – und die im Nachgang ausgedruckt zum Mitnehmen im Kircheneingang auflagen. Am Sonntag wird dies zum letzten Mal als verantwortlicher Pfarrer der Fall sein. «Definitiv», sagt er. Man habe ihn zwar freundlich gefragt, ob er weitermachen wolle. «Doch ich habe ebenso freundlich Nein gesagt.» Die Pension ist ein neuer Lebensabschnitt, auf den sich Bertschi freut. «Reisen, wandern und mit den Grosskindern zelten. Es wird mir nicht langweilig», lächelt er.
Mit dem Velo nach Berlin
Zumal mit dem Abgang aus Bremgarten wieder eine grosse Veränderung ansteht im Leben des weit gereisten Pfarrers. Er wird ins Appenzell ziehen. Und dort im April zum zweiten Mal kirchlich heiraten. Mit ganz vielen Weggefährten an seiner Seite – aus Kamerun, Bremgarten oder anderswo. Doch weil die Seele bekanntlich Zeit für solche Veränderungen braucht, nimmt sich der abtretende Bertschi erst mal eine Auszeit. Nicht zu Fuss – diesmal mit dem Velo. Damit fährt der 65-Jährige in 40 Tagen nach Berlin und wieder zurück. «Danach bin ich bereit für das, was auch immer Gott in meinem Leben noch für mich bereithält.»
Abschiedsgottesdienst von Ruedi Bertschi, diesen Sonntag, 1. März, von 10 bis 11 Uhr in der reformierten Kirche Bremgarten.

