Weil Armut einst auch sie traf

Fr, 14. Aug. 2020
Isabelle Licini geht offen mit ihrer Vergangenheit um und hilft anderen, die in ähnlichen Situationen sind. Bild: Annemarie Keusch

Die Murianerin Isabelle Licini engagiert sich im gemeinnützigen Verein «Siidefade»

Armut – es gibt sie auch in der Schweiz. Das zuständige Bundesamt spricht von 666 000 Betroffenen. Eine von ihnen war über vier Jahre hinweg Isabelle Licini. «Das Geld reichte einfach nicht», sagt die alleinerziehende Mutter. Ihre Situation hat sich mittlerweile entspannt. Und sie will nun anderen helfen.

Annemarie Keusch

Oft waren es Kleider, wenige Male Esswaren. «Ich hatte einfach nicht genug Geld, um das alles zu kaufen», sagt Isabelle Licini. Sie ist alleinerziehende Mutter und arbeitet in einem Teilzeitpensum in der Pflege. Die 28-Jährige bezeichnet sich als «working poor», Sozialhilfe habe sie nie bezogen, der Anspruch darauf wäre klein gewesen. «Ich ging immer arbeiten, aber die Schere von anstehenden Rechnungen auf der einen Seite und den Einnahmen auf der anderen Seite ging immer mehr auf.»

Dass sie Hilfe brauchte, dessen war sich Licini schnell bewusst. «Zum Glück bin ich eine sehr offene Person, trotzdem war es nicht einfach, sich beim Verein zu melden.» «Siidefade» hiess ihre Anlaufstelle. Eine Gruppe, die seit fünf Jahren in den sozialen Medien besteht, und ein Verein, der sich seit zwei Jahren im Aufbau befindet. Isabelle Licini spricht von vielen schönen Begegnungen und tollen Leuten, die sie dadurch kennenlernte.

Kleider kamen per Paket

Das Prinzip von «Siidefade» ist einfach. Wer etwas braucht, schreibt das in einen kurzen Text. Wer etwas zu verschenken hat auch. Die Gruppe und der Verein bringen Schenkende und Bedürftige zusammen. Vier Jahre lang profitierte Isabelle Licini davon. «Dafür bin ich extrem dankbar», sagt sie. Auch weil ihr mittlerweile sechsjähriger Sohn Finn dadurch weniger Einschränkungen erleben musste. «Ihm gegenüber ging ich immer offen mit unserer Lage um, erklärte ihm, warum seine Kleider per Paket kommen und wir sie nicht im Laden einkaufen.» Einfach sei es trotzdem nicht immer gewesen. «Es brach mir das Herz, oft Nein sagen zu müssen.» Mittlerweile hat sich die Situation entspannt. Licini lebt wieder in einer Beziehung. «Mein Partner hilft uns.» Und sie hilft anderen.


Zusammen sind sie ein starkes Seil

Isabelle Licini ist Teil des Vorstandes des schweizweit aktiven Vereins «Siidefade»

Sie war selbst Bedürftige und brauchte Hilfe – Kleider für ihren Sohn beispielsweise. Isabelle Licini fand mit Hilfe ihres neuen Partners den Weg aus der Armut, auch dank «Siidefade». Der Verein bringt Helfende und Bedürftige zusammen, in den sozialen Medien, aber auch im «echten» Leben.

Annemarie Keusch

Mut. Isabelle Licini wählt das Wort mehrmals. Mut, das rät sie allen, die an oder unter der Armutsgrenze leben. «Ihr seid nicht alleine», sagt sie. Sie war selbst einmal an diesem Punkt und musste sich immer und immer wieder vor Augen führen, dass sie nichts dafür kann. «Selbstvorwürfe bringen nichts.» Fragen habe sie sich aber trotzdem gestellt. «Warum ich? Wie habe ich das verdient?» Antworten erhielt sie keine, aber mit der Zeit die Gelassenheit, die Situation anzunehmen und das Beste daraus zu machen.

Heute kann Isabelle Licini ohne Probleme über die vier Jahre sprechen, in denen sie auf materielle Unterstützung angewiesen war. «Heute weiss ich, dass ich nicht die Schuld daran trage und dass mir bei ‹Siidefade› niemand Vorwürfe macht.» «Siidefade» ist die Gruppe, an die sich die junge Murianerin damals wandte. Per Zufall sei sie darauf gestossen in den sozialen Medien.

Unbürokratische Hilfe

Nachhaltige Unterstützung bieten, Lebensqualität zurückzugeben und Chancen schaffen sowie die «Hilfe zur Selbsthilfe» fördern – das ist die Mission von «Siidefade». Seit zwei Jahren ist das Projekt als Verein organisiert. Seit einem Jahr arbeitet Isabelle Licini im Vorstand mit. «Als der Aufruf dazu in den sozialen Medien gepostet wurde, fühlte mich sofort angesprochen.» Sie spricht davon, aus Dankbarkeit etwas zurückgeben zu wollen. Licini kümmert sich um das Helfermanagement, nimmt also jene in eine Liste auf, die helfen wollen, und vermittelt sie an Bedürftige.

6000 Mitglieder zählt die Gruppe in den sozialen Medien, wo Bedürftige schreiben, was sie benötigen, und Helfende ihre Angebote machen können. Gar 15 000 Leute vereint die Austauschgruppe. «Hier holen sich jene Rat, die etwa ganz frisch in die Armut gerutscht sind.» Und auch der Verein zählt mittlerweile einige hundert Mitglieder. «Wir sind erst am Anfang. Ideen sind noch viele vorhanden.» Tabus gibt es keine, geholfen wird unbürokratisch. «Es ist genau das, was man in einer solchen Situation braucht.» Licini weiss aus eigener Erfahrung, wovon sie spricht.

In der ganzen Schweiz aktiv

Das direkte Netzwerk ist laut Isabelle Licini der grosse Vorteil des Vereins. Helfende und Bedürftige werden zusammengebracht. In der ganzen Schweiz ist der Verein aktiv. Momentan sei das Angebot vor allem in Städten verbreitet. «Aber es gibt auch in ländlichen Gebieten Armut. Es gibt sie überall.» Und die Gründe, weshalb die Leute zu Bedürftigen werden, sind ganz unterschiedlich. Gewisse stecken in IV-Abklärungen, andere sind Working Poor oder Alleinerziehende.

Die Hilfesuchenden werden mit jenen vernetzt, die etwas abzugeben haben. «Das sind oft Personen, die früher selber auf Hilfe angewiesen waren», sagt Isabelle Licini. Auch sie verschenkt heute Dinge, die sie in den letzten Jahren geschenkt bekommen hat. Andererseits seien es Leute, die für ihre Lebensverhältnisse mehr als genug verdienen. «Sie schätzen dieses Privileg und wollen andere daran teilhaben lassen.» Diese beiden Gruppen zusammenbringen, das macht «Siidefade». «Jede und jeder, der mitmacht, ist ein dünner Seidenfaden, zusammen sind wir aber ein dickes, starkes Seil, das fast alles aushält», erklärt sie den Namen des Vereins.

«Siidefade» – für die 28-jährige Murianerin war es ein Strohhalm, an dem sie sich in einer schwierigen Zeit halten konnte. Umso mehr ist sie enttäuscht darüber, dass es immer wieder auch Leute gibt, die Hilfe beantragen, ohne wirklich bedürftig zu sein. «Im Verlauf von Gesprächen fliegt das schnell auf», sagt Licini. Und entmutigen wolle sich der Verein davon erst recht nicht lassen. Sich für «Siidefade» einzusetzen, ist für Isabelle Licini eine Herzensangelegenheit. «Ich weiss, wie wichtig diese Unterstützung in schwierigen Phasen ist.» Entsprechend rät sie allen, die um oder unter der Armutsgrenze leben: «Seid mutig, holt euch Hilfe. Und macht euch keine Selbstvorwürfe, ihr braucht diese Energie für anderes.»

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