«Wer entlastet uns?»
23.01.2026 Muri, Verkehr, BaugewerbeOffener Brief aus dem Hasli
Weiler-Bewohner wehren sich gegen den zunehmenden Durchgangsverkehr
729 Motorfahrzeuge in vier Stunden. Das haben die Hasli-Anwohner selbst gezählt. «Es ist einfach zu viel», sagen sie. Mit der Baustelle ...
Offener Brief aus dem Hasli
Weiler-Bewohner wehren sich gegen den zunehmenden Durchgangsverkehr
729 Motorfahrzeuge in vier Stunden. Das haben die Hasli-Anwohner selbst gezählt. «Es ist einfach zu viel», sagen sie. Mit der Baustelle an der Zürcherstrasse sowieso.
Annemarie Keusch
334 Fahrzeuge von 6 bis 8 Uhr am Morgen. 120 über den Mittag von 12 bis 13 Uhr und nochmals 275 am frühen Abend von 16 bis 17 Uhr. Es sind Zahlen von dieser Woche. Leute, die im Hasli wohnen, haben selbst gezählt. «Ich habe mich auf einen Stuhl an den Strassenrand gesetzt», sagt Christine Meyer. «Es werden immer mehr Autos, die übers Hasli ausweichen. Mit der Baustelle im Zentrum nahm die Zahl nun nochmals stark zu.» Die Lebensqualität und das Sicherheitsgefühl leiden. Zudem betont Meyer: «Es geht einfach nicht, dass aus einer schmalen Strasse durch einen Weiler zunehmend eine Hauptstrasse wird.» Zusammen mit anderen wendet sie sich in einem offenen Brief an den Gemeinderat. Darin betonen sie, wegen dieser Thematik seit bald fünf Jahren mit den Behörden im Austausch zu sein. «Passiert ist seither nichts», sagt Doris Feuz, die mit ihrer Familie ebenfalls im Hasli lebt. Dass sich die Problematik mit der Baustelle im Zentrum akzentuiere, das sei deutlich spürbar. «Aber es ist auch eine Tatsache, dass der Kreisel auch nachher ein Nadelöhr bleibt und viele Leute via Hasli ausweichen.» Entsprechend zielen ihre Forderungen nicht auf temporäre Verbesserungen, sondern auf anhaltende Massnahmen. Tempo 30 gilt im Weiler zwar schon länger. «Aber eingehalten wird es höchstens von zehn Prozent», sagt Christine Meyer. «Wir fordern mehr Kontrollen durch die Polizei.» Gewichtiger ist aber, dass ihrer Meinung nach das Hasli künftig nur noch per Zubringerdienst erreichbar sein soll. «Wir fordern die sofortige Sperrung der Hasli-, Albis- und Banneggstrasse.»
Anwohner des Weilers Hasli kämpfen gegen den Durchgangsverkehr und fordern ein Fahrverbot
Der Strassenverkehr durch den Weiler Hasli nimmt stetig zu. Im Zuge der Bauarbeiten an der SBB-Unterführung erst recht. Nun regt sich Widerstand. In einem offenen Brief fordern die Hasli-Anwohner unter anderem eine Sperrung der Albis-, der Bannegg- und der Haslistrasse – nur Zubringerdienst soll gestattet bleiben.
Annemarie Keusch
Doris Feuz ist im Weiler aufgewachsen und lebt mit ihrer Familie wieder hier. Christine Meyer zog vor 41 Jahren ins Hasli. «Ja, auch der Idylle wegen», sagt sie. Die Ruhe ist ein Bestandteil davon. Die Natur ein anderer. «Ich versuche dem gerecht zu werden», sagt sie. Mit ihrem grossen Garten. Mit der Artenvielfalt, die dort herrscht. «Aber von der Strasse schwappt einem bisweilen Grossstadt-Atmosphäre entgegen», sagt sie. Sie meint den Verkehr, der in den letzten Jahren massiv zugenommen habe. «Seit der Sanierung der Zürcherstrasse», sagt Meyer. Damals führte die offizielle Umleitung quer durch den Weiler. «Da haben viele entdeckt, dass sich so der Kreisel und der damit verbundene Stau gut umfahren lassen.»
Das wollten die Weiler-Bewohner nicht einfach so hinnehmen. Zumal der Verkehr nach der Sanierung der Zürcherstrasse nicht wieder merklich abnahm. «Kommt hinzu, dass sich viele nicht an die Tempolimiten halten.» Tempo 30 gilt im Hasli schon länger. «Gefühlt fahren 90 Prozent zu schnell», sagt Christine Meyer. Kontrolliert werde kaum. Bald fünf Jahre sind vergangen, seit sich die Anwohner des Hasli diesbezüglich beim Gemeinderat meldeten. Mit den Hinweisen, dass die Strasse nicht für viel Verkehr ausgelegt sei, dass kaum zwei Fahrzeuge kreuzen können und dass man beim Ausweichen rücksichtslos Kulturland zerpflüge. «Wir wiesen darauf hin, dass das Murimoos sein Angebot massiv erweitert hat, was ebenfalls zu grossem Durchgangsverkehr führt», heisst es im offenen Brief. Man habe eindrücklich erklärt, dass die immer grösser werdenen Emissionen die Bevölkerung sehr belasten und Lebensqualität verloren ginge.
«Wir warten»
Es sind die gleichen Argumente, die Doris Feuz und Christine Meyer am Küchentisch erneut nennen. «Es ist die Masse, die stört, und das Verhalten der meisten Automobilisten», sagt Doris Feuz. Hinzu kommt der Lärm. Und die Sicherheit, um die sie sich zunehmend sorgen. Zumal der Wanderweg, der Freiämterweg, der Veloweg und der Planetenweg durch den Weiler führen und für viele Schulklassen das Murimoos ein beliebter Ort für Schulreisen ist. 2021 habe der Gemeinderat versprochen, dass ein Verkehrsingenieur zu gegebener Zeit einen Workshop mit den Anwohnern plane. «Drei Jahre geschah gar nichts.» Nur der Verkehr wurde mehr und mehr. 2024 meldeten sich die Anwohner wieder und wurden laut offenem Brief erneut vertröstet. Im letzten September signalisierte der Gemeinderat, dass eine «nachhaltige und langfristige Gesamtlösung» im Gange sei. Und er sprach von Sofortmassnahmen: Ausweitung der Tempo-30-Zone und Temporeduktion auf 50 km/h auf den Strassen, die ins Hasli führen. «Wir warten», sagen die Anwohner dazu.
Das wollen sie aber nicht länger tun. Weil die Situation mit der Sanierung der SBB-Unterführung nochmals akuter wurde. 729 Fahrzeuge innerhalb von vier Stunden zählten sie. Christine Meyer betont: «Gerade frühmorgens und nach Feierabend ist das Verkehrsaufkommen massiv angestiegen.» Gefährliche Situationen gibt es en masse, weil das Kreuzen gerade beim Haus von Meyer kaum möglich ist. Dass Steine touchiert werden, ist keine Seltenheit. Und eben, der viele Verkehr bringt Lärm mit sich. «Gefühlt fahren sie mir quer durch die Küche», sagt Christine Meyer. Vor allem aber machen sich die Anwohner Sorgen um die Kinder. «Im Sommer wird es noch viel gefährlicher.»
Selbst gebastelte Plakate
Darum wurden sie nun aktiv. Es war Christine Meyers mittlerweile verstorbener Mann, der damals auf Tempo 30 pochte, jetzt übernimmt sie das Zepter. «Aber ich will keine Einzelkämpferin sein.» An ihrem Küchentisch formierten sich die Anwohner des Weilers und formulierten nun einen offenen Brief. Darin beziehen sie sich auch auf andere Gebiete. «Vor zig Jahren entdekcten immer mehr Autofahrer, dass man über die Türmelen schneller nach Merenschwand gelangt. Der damalige Gemeinderat hat umgehend mit Zubringerdienst reagiert. Und im Hasli? Wer entlastet uns und wer übernimmt die Verantwortung, wenn etwas Ernsthaftes passiert?» Die sofortige Sperrung der Albis-, der Bannegg- und der Haslistrasse ist darum ihre zentrale Forderung – ausgenommen Zubringerdienst.
Ob und wie der Gemeinderat reagieren will, darüber wollen Doris Feuz und Christine Meyer nicht mutmassen. «Die Hoffnung ist da, dass endlich etwas geschieht, das die Situation verbessert.» Nicht nur «kurzfristig», während der Bauphase an der SBB-Unterführung, sondern langfristig. «Es sind wegen des Lärms schon Leute weggezogen aus dem Hasli. Das kann es doch nicht sein», sagt Christine Meyer. Ihrem offenen Brief verleihen sie mit selbst gebastelten Plakaten Nachdruck.
Auf die Schnelle, das gehe aus gesetzlichen Gründen nicht
Angesprochen auf den Ausweichverkehr, der nicht die grossräumige Umleitung benutzt, sondern sich durch den Weiler Hasli zwängt, sagt Simon Bachmann, Chef Regionalpolizei: «Der Regionalpolizei liegen aktuell keine Zahlen oder Beobachtungen vor.» Auch Erhebungen, ob die grossräumigen Umleitungen genutzt werden, lägen keine vor.
Vonseiten Gemeinde wird betont, dass keine offizielle Umleitung durchs Hasli führe. Manuela Scavelli, Kommunikationsverantwortliche, erzählt, dass die Gemeinde durchaus Rückmeldungen erhalte. Positive, etwa zur Informationspolitik und zur klaren Signalisation. Aber auch negative. «Anwohner entlang der Umleitungsstrecken beklagen den zusätzlichen Verkehr, besonders auf der Klosterfeldstrasse», sagt sie. Es gibt aber auch Eltern, die sich um die Schulwegsicherheit sorgen, gerade beim Muri-S. Sie hält gleichzeitig fest: «Fahrverbote und andere Vorschriftssignale können aus gesetzlichen Gründen nicht auf die Schnelle aufgestellt werden.» Man nehme aber Rückmeldungen – auch aus dem Hasli – ernst und sammle sämtliche Anregungen systematisch. «Diese fliessen in die laufende Beurteilung der Situation ein und werden im Projektteam gemeinsam mit den involvierten Stellen besprochen.» Allfällige Anpassungen oder Massnahmen würden zu gegebener Zeit kommuniziert.
Polizei und Gemeinde sind zufrieden
Baustelle an der Zürcherstrasse ist angelaufen
Planmässig und ohne nennenswerte Zwischenfälle, so beschreibt Manuela Scavelli, Kommunikationsverantwortliche der Gemeinde Muri, den Start der Bauarbeiten an der SBB-Unterführung. Das Projektteam sei gut eingespielt und die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Stellen funktioniere effizient. Im Fokus ist aber nicht nur die Baustelle an sich, sondern die neuen Verkehrssituationen, die als Folge davon entstanden sind. Und die Umleitungen. Angesprochen darauf sagt Manuela Scavelli: «Der Start der Umfahrungssituation verlief insgesamt wie erwartet.» In den ersten Tagen seie es, wie bei solchen Projekten üblich, zu spürbaren Einschnitten, Rückstaus, Ausweichverkehr in Quartieren und punktuellen Belastungen gekommen. «Durch Optimierungsmassnahmen an den Lichtsignalanlagen ist es nach wenigen Tagen gelungen, die Stausituation deutlich zu entspannen.» Die Gemeinde beobachte, dass sich die Situation zunehmend einpendle und die Umleitungen grundsätzlich funktionieren. «Natürlich gibt es noch einzelne Stellschrauben, an denen wir gemeisam mit den Projektpartnern laufend justieren.» Die Verkehrsführung werde entsprechend weiterhin beobachtet und, wo nötig, angepasst.
Situation laufend beobachten
Manuela Scavelli betont: «Die konsequente Umsetzung des Umleitungskonzeptes bildet die Grundlage, den Verkehr zu lenken und die Sicherheit aller zu gewährleisten.» Verkehrsdienst und Ampeln werden eingesetzt. «Sollten sich im Verlauf der Bauzeit neue Erkenntnisse oder konkrete Problemstellungen ergeben, werden punktuelle Anpassungen geprüft und, wo sinnvoll und möglich, auch umgesetzt.» Ziel bleibe es, die Auswirkungen für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten und die Sicherheit im gesamten Siedlungsgebiet jederzeit zu gewährleisten.
Nur eine einzige polizeiliche Intervention
Diese Umleitungen basieren übrigens auf einer vorgängigen Begehung sowie auf fundierten Erfahrungswerten, etwa aus dem früheren Strassenprojekt zur Sanierung der Zürcherstrasse. Die konkrete Verkehrsführung sei im Rahmen des Projektteams – bestehend aus Vertretungen der SBB, des Kantons und der Gemeinde – sorgfältig geplant worden. Voraussichtlich bis im Frühling 2027 dauert das Bauvorhaben. Scavelli dankt im Namen der Gemeinde für das Verständnis und die Geduld.
Grundsätzlich ein zufriedenes erstes Fazit zieht auch Simon Bachmann, Chef Regionalpolizei Muri. «Die Baustelle ist derzeit gut organisiert, die signalisierten Umleitungen sind klar ersichtlich, und wir nehmen wahr, dass seitens der Bauverantwortlichen grosse Anstrengungen unternommen werden, die Situation für alle möglichst sicher und geordnet zu gestalten», sagt er. Bachmann spricht von einem ruhigen Verlauf, gemessen an der Grösse der Baustelle.
Eine einzelne polizeiliche Intervention sei aufgrund des Verkehrsflusses nötig gewesen. Bachmann betont die enge Zusammenarbeit mit der Abteilung Bau und Planung der Gemeinde und sagt: «Sofern sich neue Erkenntnisse oder Handlungsbedarf ergeben, werden wir miteinander entsprechende Massnahmen prüfen und umsetzen.» --ake


