«Wie eine Passstrasse»
13.03.2026 BremgartenDie AEW realisiert eine neue Fischaufstiegshilfe beim Flusskraftwerk
Seit gut einer Woche wird rund um das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon emsig gearbeitet. In den nächsten eineinhalb Jahren entsteht hier eine rund 350 Meter lange Fischaufstiegshilfe. Kosten: Rund 10 ...
Die AEW realisiert eine neue Fischaufstiegshilfe beim Flusskraftwerk
Seit gut einer Woche wird rund um das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon emsig gearbeitet. In den nächsten eineinhalb Jahren entsteht hier eine rund 350 Meter lange Fischaufstiegshilfe. Kosten: Rund 10 Millionen Franken.
Marco Huwyler
Wer in diesen Tagen irgendwo rund um das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon unterwegs ist, merkt unvermeidlich, dass hier etwas Grösseres angegangen wird. Die neue Baustelle ist weder zu überhören noch zu übersehen. Abschrankungen allenthalben, Fussgänger werden umgeleitet, Böschungen sind gerodet, die Bagger aufgefahren, die Vibrohammer in Betrieb – und etwaiger Schiffsverkehr wird per Kran in Empfang genommen, da die Ausbootstelle nicht mehr zugänglich ist.
Drei Eingänge zur Treppe
Am 2. März haben sie begonnen, die Bauarbeiten des schätzungsweise 10 Millionen Franken teuren Projekts der AEW – das letztendlich durch einen Bundesfonds finanziert wird. Ziel: In den nächsten eineinhalb Jahren, bis im September 2027, soll hier beim Bremgarter Flusskraftwerk eine neue Fischaufstiegshilfe nach modernsten Standards entstehen. 350 Meter lang und durchgehend 2,25 Meter breit.
Auf diesem Stufen-Korridor werden die Fische künftig das «Hindernis Kraftwerk» komfortabel umschwimmen können. «Wie auf einer Passstrasse», wie Kraftwerkleiter Marcel Bieri lächelnd erklärt. Denn die neue Fischaufstiegshilfe ist in Serpentinen angelegt, um die rund 12 Meter Höhendifferenz ohne abrupte Steilhänge zu überwinden. Damit sie von ihren künftigen Nutzern nicht verfehlt wird, hat die neue Fischwasserstrasse zudem gleich drei Eingänge. Einen beim Mittelpfeiler und zwei beim westlichen Ufer. «Mit unterschiedlichen Abständen zur Turbine», erklärt Bieri. «So finden sowohl schwimmschwache als auch schwimmstarke Fische einen für sie adäquaten Einstieg.» Denn diese haben die Tendenz, so nahe wie möglich zum Kraftwerk zu schwimmen – und das Mögliche ist naturgemäss nicht für alle gleich weit.
Dimensionen mehr als verdoppelt
Zwar hat bereits bisher eine Fischtreppe beim 1975 erbauten Kraftwerk existiert, doch für die Fische ist die geplante Neuerung dennoch ein Quantensprung. Im Vergleich zur bisherigen ist die neue Aufstiegshilfe über doppelt so lang und doppelt so breit. «Das ermöglicht dem gesamten Fischartenspektrum der Reuss den Aufstieg, von den kleinen bis zu den grossen», erklärt Bieri.
Durch die zusätzliche Breite der Becken zwischen den einzelnen Stufen haben die grossen Fische nun genügend Platz, während die schwächeren durch den geringeren Anstieg nun ebenfalls in der Lage sind, die einzelnen Stufen zu erklimmen. Und diese Kombination führt dazu, dass die Vielfalt der Fische, welche die Reuss durchwandern, langfristig deutlich ansteigt.
Seit vielen Jahren in Planung
Bereits 2011 hat der Bund durch eine Anpassung des Gewässerschutzgesetzes die Rahmenbedingungen für die Neuerung geschaffen, wie sie nun, 15 Jahre später, in Bremgarten umgesetzt wird. «Es ist ein komplizierter und langwieriger Prozess von der Gesetzgebung bis zur konkreten Umsetzung», begründet Bieri diese lange Zeitspanne.
Nach dem Regierungsratsbeschluss von 2014 wurde die AEW dazu verpflichtet, Massnahmen zur ökologischen Sanierung der Wasserkraft beim Kraftwerk Bremgarten-Zufikon umzusetzen. Dazu gehören auch die Kiesumlagerungen, die seit 2019 zweijährlich stattfinden und Kies – der von den Fischen zum Laichen gebraucht wird – aus dem Fluss über dem Kraftwerk in Hunderten Lastwagenfahrten in den Flussabschnitt darunter befrachten. «Die neue Fischaufstiegshilfe ist nun ein weiterer Schritt», sagt Bieri.
Seit rund acht Jahren wird nun am Projekt gearbeitet. «Es ist ein in vielerlei Hinsicht kompliziertes Vorhaben», sagt Bieri. Einerseits muss der laufende Betrieb des Kraftwerks sichergestellt sein, andererseits gibt es viele Sicherheitsaspekte zu beachten. «Denn das Projekt ist auch geologisch anspruchsvoll.» Einfach mal drauflosbohren rund um einen Staudamm ist keine gute Idee. «Deshalb gibt es zu Recht strenge Auflagen, wie man das macht», sagt Bieri. Und schlussendlich wollen selbst bei der Umsetzung eines Projekts, das der Fauna zugute kommt, die Umweltschutzrichtlinien beachtet sein. «Beispielsweise müssen wir die Fischschonzeiten bei den Bauschritten im Auge behalten», sagt Bieri.
Wehrbrücke sechs Monate gesperrt
Über insgesamt vier verschiedene Etappen wird sich die Bauzeit der Fischaufstiegshilfe in den nächsten eineinhalb Jahren erstrecken – Oberund Unterwasser. Neben zeitweilig erhöhtem Lärm bringt dies für Anwohner und Passanten des Kraftwerks auch sonstige Einschränkungen mit sich. So wird im Bereich der Ringstrasse während der Bauzeit vermehrt Baustellenverkehr auftreten. Zudem wird die gut frequentierte Wehrbrücke zeitweilig unpassierbar für Fussgänger sein. «Zum Glück weniger lang als ursprünglich befürchtet», betont Bieri. Wurde zu Beginn von einer Vollsperrung von März bis Dezember 2026 ausgegangen, konnte bis im Juni dank einem Umweg eine provisorische Lösung gefunden werden, welche die Brücke bis dann weiterhin begehbar macht. «Voraussichtlich ab Juli bis Dezember ist die Wehrbrücke dann aber ganz gesperrt», kündigt Bieri an.
Mit ein Fernziel – der Lachs
All dies zugunsten der lokalen Fischpopulation in der Reuss. «Es ist davon auszugehen, dass die neue Aufstiegshilfe langfristig einen positiven Effekt sowohl auf die Vielfalt als auch auf die Quantität des Fischbestandes im Fluss haben wird», sagt Bieri. Für solcherlei nimmt der Betriebsleiter des Kraftwerks Bremgarten-Zufikon gar eine Einbusse der Leistung seines Kraftwerks in Kauf – die breiteren Fischwege neben den Staumauern und Turbinen bedeuten auch eine grössere Wassermenge, die dem Kraftwerk zur Stromproduktion verloren geht.
Letztlich ist solcherlei aus Sicht der Entscheidungsträger aber gerne vernachlässigbar – wenn im Gegenzug dereinst wieder Fische wie der Lachs vor Bremgarten heimisch werden können.
Ungelöst – Fischabstieg
Während mit der neuen Fischaufstiegshilfe ein wichtiger Schritt zur Durchgängigkeit der Reuss flussaufwärts geleistet wird, ist dies in die andere Richtung nicht ganz einfach. Denn wie die Fische auf sicherem Wegen flussabwärts geleitet werden, ist schweizweit ein ungelöstes Problem bei grösseren Wasserkraftwerken. Das Grundproblem liegt darin, dass für Fische die stärkste Strömung der natürliche Weg ist – und dieser führt oft direkt zu den Turbinen. Mit sogenannten Leitrechen-Bypass-Systemen kann das Problem bei kleineren Kraftwerken schon gelöst werden, doch bei einem grösseren Kraftwerk wie dem Kraftwerk Bremgarten-Zufikon mit einer hohen Ausbauwassermenge und grossen Mengen an Schwemmgut, ist eine solche Lösung schwierig. Die Forschung arbeitet mit Hochdruck daran. Denn eigentlich sollte der sichere Fischabstieg ebenfalls bis 2030 national sichergestellt sein. --huy


