Zwiespältiges Jubiläum
20.12.2024 BremgartenHelp Now aus Bremgarten hilft seit einem Jahrzehnt Geflüchteten auf der Balkanroute
Stefan Dietrich reist im Namen seines Hilfswerks seit 10 Jahren rund um den Jahreswechsel an die EU-Aussengrenze, um den dort gestrandeten Flüchtlingen zu helfen.
...Help Now aus Bremgarten hilft seit einem Jahrzehnt Geflüchteten auf der Balkanroute
Stefan Dietrich reist im Namen seines Hilfswerks seit 10 Jahren rund um den Jahreswechsel an die EU-Aussengrenze, um den dort gestrandeten Flüchtlingen zu helfen.
Marco Huwyler
Während die meisten die Festtage für eine wohlverdiente Auszeit nutzen, pflegt Stefan Dietrich voll bepackt mit Hilfsgütern eine fast 1000 Kilometer lange Reise anzutreten. Daran hat er sich mittlerweile gewöhnt. Zum 14. Mal in den letzten 10 Jahren tritt er in diesen Tagen gemeinsam mit engagierten Mitstreitern den Weg an die EU-Aussengrenze an. Wenngleich es dieses Jahr aus privaten Gründen erst Ende Januar losgeht. Das Ziel des Bremgarters und seiner Gefährten heisst, wie schon oft, Bihac. Dort, ganz im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, sammeln sich die Flüchtlinge an der europäischen Grenze.
Sie sind auf der sogenannten Balkanroute dorthin gelangt – nach wie vor ein Symbol für den verzweifelten Versuch vieler Menschen, Krieg, Verfolgung und Armut zu entkommen. «Trotz eines Rückgangs der registrierten Grenzübertritte bleibt die Lage entlang der Route prekär», sagt Stefan Dietrich. Von Griechenland über Nordmazedonien und Bosnien-Herzegowina bis nach Kroatien seien nach wie vor Tausende Menschen unterwegs und harren in improvisierten Unterkünften aus, oft ohne ausreichende Versorgung und unter ständiger Angst vor gewaltsamen Zurückweisungen an den Grenzen der Europäischen Union. «Der Winter und die kalten Tage sind besonders hart für sie», sagt Dietrich.
Die Anzahl Flüchtlinge hat abgenommen …
Laut offiziellen Berichten wurden 2024 etwa 17 000 irreguläre Grenzübertritte auf der Balkanroute registriert, ein drastischer Rückgang von 79 Prozent im Vergleich zu 2023, als es noch 81 000 waren. «Die Verschärfung der Grenzüberwachung und die Verlagerung anderer Fluchtrouten haben diesen Rückgang beeinflusst», weiss Dietrich. Doch für die verbleibenden Geflüchteten sei die Situation weiterhin dramatisch. In Bosnien-Herzegowina, vor allem in der Region Una-Sana um Bihac, leben immer noch Hunderte gestrandete Menschen unter äusserst schwierigen Bedingungen in Grenznähe.
«Die meisten dieser Menschen sind junge Männer, aber auch Familien mit kleinen Kindern und unbegleitete Minderjährige sind vor Ort», berichtet Dietrich. Ihre Fluchtgründe reichen von Krieg und Verfolgung bis hin zu wirtschaftlicher Not und den Folgen des Klimawandels. Viele versuchen, die Grenze von Bosnien nach Kroatien zu überqueren, stossen dabei jedoch auf massiven Widerstand. Pushbacks, also die gewaltsame Zurückdrängung von Geflüchteten über die Grenze, sind gemäss Dietrich nach wie vor eine gängige brutale Praxis. «Berichte über Gewaltanwendung und die Zerstörung von Eigentum durch Sicherheitskräfte sind erschreckend häufig.»
… doch die Bedingungen sind schlechter denn je
In der Dekade, in der sich das Bremgarter Hilfswerk Help Now vor Ort engagiert, hat sich die Lage verändert. Die Balkanroute war zu Beginn des Engagements der Hauptweg für Geflüchtete gewesen, um nach Europa zu gelangen. Insbesondere 2015 bewegten sich Hunderttausende Menschen – vor allem aus Syrien – durch die Region, was damals eine grosse internationale Aufmerksamkeit auf sich zog. Heute ist die Lage vor Ort kaum mehr Thema in den Medien. Obwohl die Menschen vor Ort mehr denn je leiden. «Die Dynamik hat sich verändert. Die Routen sind zwar weniger frequentiert, doch die Bedingungen für die verbliebenen Geflüchteten haben sich deutlich verschlechtert», erzählt Dietrich. «Geschlossene Grenzen, verschärfte Asylgesetze und die Zunahme von illegalen Zurückweisungen machen die Flucht gefährlicher als je zuvor.»
Help Now leistet direkte und praktische Hilfe
Gemeinsam mit seinem Team wird Dietrich auch diesmal versuchen, etwas Linderung des Leids vor Ort zu bringen. Die Hilfe des Bremgarter Hilfswerk konzentriert sich auf direkte, praktische Hilfe. Von der Verteilung von Schlafsäcken, Winterkleidung und Hygieneartikeln bis hin zur Bereitstellung von Lebensmitteln. Was möglich ist, kaufen die Helfer vor Ort. Das macht Sinn, denn dank dem Preisniveau in Bosnien erhält man dafür mit den Schweizer Hilfsgeldern eine beträchtliche Menge. «Für 5000 Franken kann man hier fast einen ganzen Laden leerkaufen», erzählt Dietrich. Das sei nicht nur effizient – «wir können so auch die lokale Wirtschaft unterstützen».
Da die Region um Bihac mit grossen wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen hat, versucht Help Now in Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden jeweils auch, Lebensmittelpakete an einheimische armutsbetroffene Menschen vor Ort zu verteilen. In Bosnien-Herzegowina arbeitet der Bremgarter Verein auch immer wieder mit lokalen Partnern wie dem Roten Kreuz in Bihac zusammen. «Neben akuter Hilfe legen wir grossen Wert darauf, die Öffentlichkeit für die schwierige Lage der Geflüchteten zu sensibilisieren», sagt Dietrich.
Auch in der Ukraine tätig
Auch während der Ukraine-Krise 2022 engagierte sich sein Verein, indem er Hilfsgüter an die ungarisch-ukrainische Grenze lieferte und dort direkt Geflüchtete unterstützte. Im Herbst 2022 organisierte Help Now direkte Hilfe für Kinder und Jugendliche in der Westukraine, die vor dem Krieg aus dem Osten des Landes fliehen mussten (diese Zeitung berichtete). Nun, Ende Januar, geht es einmal mehr nach Bosnien-Herzegowina. Der 10-jährige Bremgarter Einsatz ist einerseits ein schönes Jubiläum, weil es beeindruckenden Durchhaltewillen, grosse Hilfsbereitschaft und Humanität zeigt. Aber andererseits auch ein überaus trauriges – weil der Einsatz vor Ort nach wie vor bitternötig ist.
Help-Now-Spendenkonto: IBAN CH79 8080 8004 2705 8732 1, Zweck: Balkanroute. Help Now Switzerland, Bremgarten. Homepage: www.helpnowswitzerland.ch.