Damit sich endlich etwas ändert
30.01.2026 Region Oberfreiamt, WaltenschwilDen Galgos eine Stimme geben
Die Auffangstation New Graceland in Waltenschwil beteiligt sich an internationaler Aktion
Die Jagdsaison in Spanien ist zu Ende. Viele Hunde werden entsorgt. Auf der ganzen Welt finden Galgo-Walks statt, um darauf ...
Den Galgos eine Stimme geben
Die Auffangstation New Graceland in Waltenschwil beteiligt sich an internationaler Aktion
Die Jagdsaison in Spanien ist zu Ende. Viele Hunde werden entsorgt. Auf der ganzen Welt finden Galgo-Walks statt, um darauf aufmerksam zu machen.
Annemarie Keusch
Klavier spielen wird es genannt. Was harmlos tönt, ist an Brutalität kaum zu überbieten. Ein Hund wird an einem Seil aufgehängt, ganz knapp erreichen seine Hinterläufe den Boden. Wenn er sich nicht mehr strecken mag, erhängt er sich. Es ist eine von vielen grausamen Arten, wie in Spanien Galgos nach der Jagdsaison sprichwörtlich entsorgt werden. Nach zwei bis drei Jahren sind sie zu langsam für die Hasenjagd und ihren Besitzern unnütz. 50 000 bis 60 000 Tiere erleiden dieses Schicksal – jährlich. Ganz wenige davon haben das Glück, via Organisationen vor Ort in Spanien nach Waltenschwil zu gelangen. Seit 25 Jahren hat sich der Verein «New Graceland» dem Tierschutz, speziell den spanischen Windhunden, Podencos und anderen Jagdhunden verschrieben. Seit zehn Jahren ist er mit seiner Auffangstation im Ortsteil Büelisacker zu Hause.
Auch wenn mittlerweile einige Jäger ihre ausrangierten Tiere direkt zu einer Auffangstation bringen, anstatt sie zu quälen: Das Leid der Hunde ist gross. Morgen Samstag, 31. Januar, machen weltweit Galgo-Walks darauf aufmerksam. «Die Tiere haben keine Stimme, wir wollen sie an ihrer Stelle erheben», sagt Sarah Hegi, Vizepräsidentin von New Graceland. Um 12 Uhr treffen sich alle Interessierten mit ihren Hunden in Zürich am Bellevue-Platz. Hegi hofft auch auf zahlreiche Unterstützung aus dem Freiamt.
Waltenschwil: Für die Hunde auf die Strasse – New Graceland organisiert Galgo-Walk in Zürich
Ausrangierte Jagdhunde. Ausgesetzt, verletzt, getötet. Bis ins spanische Königshaus ist die traditionelle Jagd unter anderem auf Hasen tief verankert. Dagegen, genauer gegen den Umgang mit den Jagdhunden, regt sich seit Jahren Widerstand. Dieser wird nun immer lauter, auch dank der Auffangstation New Graceland in Waltenschwil.
Annemarie Keusch
Gut zwei Wochen ist es her, dass wieder Hunde in Waltenschwil ankamen. Einige sind verängstigt, andere weisen Verletzungen auf, ganz viele aber haben den Zugang und das Vertrauen in die Menschen immer noch nicht verloren. «Das ist der Charakter dieser Rasse. Sie sind unglaublich treu und loyal gegenüber dem Menschen», weiss Sarah Hegi. Sie ist Vizepräsidentin des Vereins New Graceland, der die Auffangstation im Ortsteil Büelisacker führt. Und das wird ihnen nicht selten auch zum Verhängnis. Denn in der spanischen Jagdindustrie haben die meisten von ihnen kein schönes Leben. Ende Januar endet die Jagdsaison. Die Jäger brauchen sie nicht mehr. Ganz sicher nicht, wenn sie älter als zwei- bis dreijährig sind. «Weil sie dann weniger schnell rennen können.» Viele wollen die Galgos zudem nicht bis zur nächsten Jagdsaison durchfüttern. Sie aussetzen ist eine Variante, sie auf teils bestialische Art töten, eine andere. Immerhin bringen mittlerweile einige Jäger ihre Tiere gleich selbst in die Auffangstationen.
Bis zu 60 000 Tiere sind es jährlich, die auf irgendeine Art ausrangiert werden. «Hinzu kommt eine Dunkelziffer», weiss Sara Hegi. «Die Situation ist grausam.» Die Hasenjagd in Spanien ein Milliardengeschäft, verankert bis ins Königshaus. Und das, obwohl Hasen gezüchtet und ausgesetzt werden müssen, um sie nachher mit den Windhunden wieder zu fangen. «Spanien ist das einzige Land in Europa, wo der Hund noch als Jagdinstrument zugelassen ist», sagt Hegi. Als Instrument zum Töten von Tieren. Auch in der Schweiz werden Hunde auf der Jagd eingesetzt, aber nur zum Aufspüren der Tiere. «Das ist eine Situation, die überhaupt nicht verglichen werden kann.»
Starke Jagd-Lobby in Spanien
Kommt hinzu, dass in der Schweiz Hunde, auch Jagdhunde, ganz oft Familienanschluss haben. «Das ist in Spanien ganz anders.» Die Galgos und auch die Podencos werden für die Jagd eingesetzt, weil sie Haken schlagen können wie die Hasen. Sie leben in Kellerverliesen. An Ketten. Fast ohne Futter. «Damit sie richtig hungrig sind, wenn die Jagd losgeht.» Es sind Zustände, die einen ohnmächtig verbleiben lassen. Gerade auch wegen der Tatsache, dass in Spanien 2023 zwar ein neues Tierschutzgesetz verabschiedet wurde, es die Jagd-Lobby aber kurze Zeit später schaffte, Jagd- und Arbeitshunde davon auszuschliessen. «Seither ist es noch schlimmer, für Tiermisshandlung droht höchstens noch eine Geldstrafe.»
Letztes Jahr ist Sarah Hegi einen Monat durch Spanien gereist, um Kultur und Geschichte vertieft kennenzulernen. «Erst nach dem Ende der Diktatur 1975 gibt es flächendeckende Bildung. Vorher machten alle immer alles, wie es eben schon vorher gemacht wurde», weiss Hegi, die in Geltwil lebt. Veränderungen seien auszumachen, aber nur ganz langsam. «Wir warten natürlich nicht, bis in zwei bis drei Generationen diese grausame Jagd vielleicht abgeschafft ist.» Aber die Entwicklung gebe Hoffnung. Und Motivation, sich weiterhin dafür einzusetzen. «Auch wenn es einem Tropfen auf den heissen Stein gleichkommt.»
Als Spaziergängerin angefangen
Rund alle drei Monate findet ein Transport von Spanien in die Schweiz statt, je nachdem, wie viel Platz New Graceland hat, kommen dann 10 bis 15 Hunde in der Schweiz an. Rund zwei bis vier Monate verbringen sie durchschnittlich in der Auffangstation. Natürlich werden sie medizinisch versorgt, bevor das Adoptionsverfahren mit Schutzvertrag angegangen wird.
Bevor also die Galgos, Podencos oder Mischlinge ein neues Zuhause bei einer Familie in der Schweiz finden. Seit über 25 Jahren engagiert sich der Verein dafür, seit zehn Jahren ist er in Waltenschwil zu Hause. Ausgebildete Tierpflegerinnen und -pfleger kümmern sich um die Tiere und den Betrieb der Station und bilden Lehrlinge aus, ein ehrenamtlicher Vorstand regelt das ganze Drumherum. «Wir sind rein spendenbasiert», sagt Sarah Hegi. Rund 400 000 Franken sind jährlich nötig, um den Betrieb am Laufen zu halten.
Hegi selbst war einst Spaziergängerin hier. Also Freiwillige, die mit den Hunden spazieren ging. Seit 2020 ist sie nun im Vorstand. «Anfangs kannte ich die Windhunde nicht, sie machten auf mich einen eher elitären Eindruck. Aber dieses Klischee wurde schnell widerlegt und ich habe mich in das Wesen der Windhunde verliebt.» Längst hat es ihr den Ärmel reingezogen. «Menschen richten dieses riesige Leid an, dann ist es auch an Menschen, das wieder in Ordnung zu bringen.» Das Engagement im Tierschutz ist längst zu Herzblut geworden. «Wenn ich sehe, wie viele Tiere wir retten und ihnen eine zweite Chance bieten können und wie viele Familien ein glückliches Leben mit einem Hund von uns haben, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl.» Mit jedem neuen Besitzer, jeder neuen Besitzerin wächst die Galgo-Familie und damit auch die Unterstützung im Kampf gegen den Umgang mit den Tieren in Spanien.
Galgo-Walk morgen Samstag
Denn den Tieren helfen und ihnen ein besseres Leben ermöglichen ist das eine. «Ideal wäre, wenn es uns in dieser Form gar nicht mehr brauchen würde.» Heisst, wenn mit Galgos gut umgegangen würde. Um hier Veränderungen zu erwirken, ist der Verein auch politisch aktiv – vernetzt mit anderen Organisationen im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. «Wir müssen laut sein», sagt Sarah Hegi. Laut auf das Elend dieser Tiere aufmerksam machen. Aufklären, informieren. Wie etwa mit dem Galgo-Walk.
Zum vierten Mal organisiert der Verein diesen morgen Samstag, 31. Januar, in Zürich. Knapp 500 Leute und noch mehr Hunde waren es im Vorjahr. Sarah Hegi hofft auf eine erneute Steigerung. Die Teilnehmenden treffen sich um 12 Uhr am Bellevue-Platz. Ob mit oder ohne Hund und welcher Rasse dieser Hund angehört, das ist sekundär. Am Bellevue-Platz und am Zürichhorn wird es Kundgebungen geben – unter anderem auch von Nationalrätin Meret Schneider, die kürzlich selbst einen Galgo aus Waltenschwil adoptiert hat. Das Ziel ist klar: «Wir wollen gehört werden und wir wollen immer mehr Leute werden. Damit der Druck grösser wird und endlich etwas gegen dieses immense Leid getan wird.»
Mehr Infos: www.newgraceland.org


