Ein Auge weint, eines lacht
20.01.2026 Muri, GewerbeEine Ära geht zu Ende
Zuerst die Gärtnerei und Ende Monat schliesst nun auch der Blumenladen der Wanningers
Über 50 Jahre Wanninger – lange mit einer Gärtnerei, zuletzt ist der Blumenladen geblieben. Nun ist ...
Eine Ära geht zu Ende
Zuerst die Gärtnerei und Ende Monat schliesst nun auch der Blumenladen der Wanningers
Über 50 Jahre Wanninger – lange mit einer Gärtnerei, zuletzt ist der Blumenladen geblieben. Nun ist Schluss.
Annemarie Keusch
Noch wenige Tage bleiben. «Wir versuchen, die Normalität möglichst hochzuhalten», sagt Miriam Wanninger.
Noch gelinge es gut. Und trotzdem, der Abschied rückt immer näher. Mit der Schliessung der Bluemestruss AG endet die Geschichte der Wanningers in Muri. Udo und Miriam Wanninger führten diese 30 Jahre lang, Udos Vater weitere 24 Jahre. «Natürlich macht das auch traurig», gesteht Udo Wanninger. Zum weinenden Auge kommt aber auch das lachende hinzu. «Der Druck, die Verantwortung, das fällt ab, und darauf freuen wir uns», sagt Miriam Wanninger. Ende Monat schliessen die Türen der Bluemestruss AG. Dann geht eine Ära zu Ende.
Keine einfachen Jahre hinter sich
Leicht fiel der Entscheid nicht. «Ich bin eine leidenschaftliche Floristin, aber ich komme an meine Grenzen.» Der Aufwand nimmt auch ohne Gärtnerei nicht merklich ab. Kommt hinzu, dass die letzten Jahre für die Familie sehr herausfordernd waren – vor allem in gesundheitlicher Hinsicht. Udo und Miriam Wanninger erzählen offen, was sie zur Schliessung bewogen hat, und blicken mit Zuversicht auf ihren neuen Lebensabschnitt.
Ende Monat ist die «Bluemestruss AG» Geschichte und damit die Ära Wanninger in Muri
Einen neuen Lebensabschnitt wagen? Es ist eine von vielen Fragen, die sich Udo und Miriam Wanninger stellten. Am Schluss stand der Entscheid, die über 50-jährige Geschichte der einstigen Gärtnerei und des jetzigen Blumenladens zu beenden. «Wir blicken auf eine schöne Zeit zurück», sagen sie.
Annemarie Keusch
Wehmut ist noch keine spürbar. Im Gegenteil, im Laden der «Bluemestruss AG» riecht es trotz tiefen Temperaturen nach Frühling. Die ersten Tulpen sind da. Die Boten wärmerer Temperaturen. Am Telefon nimmt Elsbeth Julmi eine Bestellung entgegen. Fabienne Hintermann schaut im Verkaufsladen zum Rechten, giesst Wasser, entfernt hie und da ein Blatt. Alles normal also. Aber nur noch knapp zwei Wochen. «Wir werden bis zum Schluss gewohnte Qualität und gewohnte Vielfalt bieten», sagt Miriam Wanninger. Ende Monat ist dieser Schluss Realität. «Noch ist es im Hintergrund. Wir versuchen die Normalität beizubehalten und das gelingt ziemlich gut.»
Normalität herrschte in den letzten Jahren bei der Familie Wanninger aber kaum. Zuerst fällten sie vor rund fünf Jahren den Entscheid, die Gärtnerei zu schliessen. «Einfach war das nicht», gesteht Udo Wanninger. 24 Jahre lang führte sein Vater den Betrieb, 30 Jahre er selbst. «Der Druck wurde immer grösser.» Vor allem seitens der Baumärkte, die immer mehr auf den Pflanzenmarkt drängten. «Wir wollten aufhören, solange wir dies aus eigenem Willen tun, und nicht, wenn es rote Zahlen verlangen.» Das Ende der Gärtnerei markierte den Anfang der «Bluemestruss AG». Während der Realisierung der Überbauung Hortensie im Provisorium und seit zwei Jahren zurück im Zentrum. Wie damals betonen die Wanningers auch heute: «Der Grund für die Schliessung ist nicht finanzieller Natur.»
Hamsterrad drehte schnell wieder
Denn Udo und Miriam Wanninger haben nicht nur beruflich intensive und herausfordernde Zeiten hinter sich. Miriam Wanninger verunfallte 2024 schwer mit dem Velo und fiel fast ein halbes Jahr aus. «Das war natürlich nicht einfach. Dank unserem tollen Team konnten wir das stemmen», erzählt sie. Sie, zwei Mitarbeiterinnen und eine Aushilfe bilden dieses. Udo Wanninger ist im Hintergrund präsent und produzierte Pflanzen für den Sommer- und Herbstverkauf. «Ich muss gestehen, dass ich den Aufwand unterschätzt habe», sagt Miriam Wanninger. Nach der Schliessung der Gärtnerei nur noch den Blumenladen weiterzuführen, war mit dem Ziel verbunden, mehr Zeit für sich zu haben. «Dem war nicht so.» Das Hamsterrad drehte schnell wieder.
Und es stoppte abrupt – mit dem Fahrradunfall das erste Mal. Ein zweiter Stopp folgte vor einem Jahr. Um Udo Wanningers Gesundheit stand es nicht gut. Die Prognosen waren eher pessimistisch. «Heute geht es mir gut. Aber das sind Momente, die einem die Augen öffnen», sagt er. «Was soll uns das Leben noch bringen? Was wollen wir noch erleben? Wie wollen wir unser Leben gestalten? Es waren solche Fragen, die wir uns stellten», erzählt er. Eine weitere erschütternde Diagnose im nahen familiären Umfeld der Wanningers bezeichnet Miriam Wanninger als i-Tüpfelchen. «Uns wurde bewusst, dass noch anderes wichtig ist im Leben. Dass wir künftig nicht mehr so viel arbeiten wollen, wie das der Blumenladen verlangen würde.»
Nachfolgelösung gesucht, aber nicht gefunden
Leicht machten sich die Wanningers diesen Entscheid nicht. «Ich war leidenschaftliche Floristin und bin es immer noch», sagt Miriam Wanninger. Dass der Laden nun per Ende Januar geschlossen wird, hängt auch damit zusammen, dass sie keine Nachfolge fanden. «Wir haben gesucht, leider vergebens.» Öffnungszeiten zu verringern, Selbstbedienung einzuführen – das kam für sie nicht infrage. «Wir ziehen lieber einen klaren Schlussstrich.» Viele Gespräche führten zum Entscheid. Mal ging die Tendenz dahin, weiterzumachen, mal schlug sie für eine Schliessung aus. Der definitive Entscheid fiel dann schliesslich im Herbst. «Insgeheim wussten wir es schon vorher, dann konnten wir es uns eingestehen.» Dass damit die Ära Wanninger in Muri zu Ende geht, das stimmt die beiden schon traurig. «Ganz allgemein, als ich die Gärtnerei übernahm, gab es noch 28 ähnliche Betriebe im Aargau, mittlerweile sind es noch acht. Das lässt uns schon nicht kalt.»
Miriam Wanninger spricht vom berühmten lachenden und weinenden Auge. «Es ist auch eine Erleichterung», sagt sie. Der Druck entschwindet. Seit der Lehre trägt sie Verantwortung, für den Laden, für die Lernenden. «Leider wissen wir, wie schnell sich alles verändern kann, darum wollen wir die verbleibende Zeit intensiver nutzen», sagt die bald 55-Jährige. Entsprechend weiss sie noch nicht, wie es bei ihr weitergeht. «Zuerst liegt der Fokus auf dem Abschluss und darauf, nachher mal einen oder zwei Gänge herunterzuschalten.» Udo Wanninger wird dieses Jahr 60 Jahre alt und wird weiterhin den parkähnlichen Garten der Überbauung Hortensie pflegen und im Nebenamt bei der Kantonsarchäologie tätig sein.
Gar Freundschaften sind entstanden
Noch bleiben also knapp zwei Wochen, auch um allfällige Gutscheine noch einzulösen. Froh sind Udo und Miriam Wanninger darüber, dass die Kundschaft ihren Entscheid mit Verständnis aufnimmt. «Wir durften in all den Jahren viele schöne Begegnungen erleben. Es sind gar Freundschaften entstanden. Natürlich blicken wir voller Dankbarkeit zurück», sagt Miriam Wanninger. Nun beginne aber bald ein neuer Abschnitt.
Das gilt auch für die beiden Mitarbeiterinnen Fabienne Hintermann und Elsbeth Julmi. «Auch von ihnen durften wir viel Verständnis erfahren.» Beide haben bereits eine berufliche Anschlusslösung gefunden. «Gutes Personal ist eben gefragt», sagt Miriam Wanniger stolz. Noch bis Ende Monat geben sie aber alle im Laden in Muri Vollgas.


