Eine Zahl bewegte das Dorf
30.12.2025 Muri, AbstimmungenJahresrückblick: Tempo 30 erhitzte die Gemüter in Muri – an der «Gmeind» und vor der Urnenabstimmung
Am Schluss waren es gut hundert Stimmen, die entschieden. Hundert Leute mehr, die ein Ja zur flächendeckenden Einführung von Tempo 30 ...
Jahresrückblick: Tempo 30 erhitzte die Gemüter in Muri – an der «Gmeind» und vor der Urnenabstimmung
Am Schluss waren es gut hundert Stimmen, die entschieden. Hundert Leute mehr, die ein Ja zur flächendeckenden Einführung von Tempo 30 in Muri in die Urne legten. Was in Quartieren längst gilt, wird nun auch auf den Sammelstrassen realisiert. Dem Entscheid ging aber ein langer Weg voraus.
Annemarie Keusch
Die Erleichterung, die Freude. Beides ist an diesem Sonntag in der Pflegi in Muri spürbar. Stefan Staubli, Präsident Muri Energie Forum, fasst es in Worte. «Ich bin ausserordentlich glücklich», sagt er. 1470 Ja- zu 1360 Nein-Stimmen. Es ist knapp geworden. Die Befürworter von flächendeckend Tempo 30 auf den Murianer Gemeindestrassen haben gewonnen. «Es ist uns gelungen, genügend zu mobilisieren», sagt Staubli. Das Muri Energie Forum bildete zusammen mit den Ortsparteien der SP, der GLP und der Mitte und der Vereinigung Wohnliches Muri-Dorf ein Komitee. Ihre Plakate waren omnipräsent. Gut mobilisiert hat aber auch die Gegnerschaft, die SVP-Ortspartei. Dass die Stimmbeteiligung bei 52 Prozent lag, dürfte für beide Seiten als Erfolg gelten.
Mit dem Ja an der Urne wurde der Entscheid von der «Gmeind» Ende Juni gestützt. Schon da zeigte sich, dass dieses Thema bewegt. 361 Stimmberechtigte zwängten sich damals in den Festsaal. Überrascht dürfte das niemanden haben. Schliesslich hat Tempo 30 in Muri eine lange Geschichte. 2006 wurde die flächendeckende Einführung an der Gemeindeversammlung abgelehnt. Stattdessen forcierte die Gemeinde sicherheitsfördernde und geschwindigkeitsdrosselnde Massnahmen – Schwellen, Rechtsvortritte, verkleinerte Radien. Zwischen 2011 und 2014 wurde vereinzelt Tempo 30 eingeführt, an neuralgischen Punkten, etwa in der Nähe von Schulhäusern. 2017 folgte ein Gesamtkonzept und fortan galt Tempo 30 in allen Quartieren, ausgenommen den Sammelstrassen Bach-, Grindel- und Spitalstrasse sowie allen Strassen im Industriegebiet.
Befürworter appellierten an Sicherheit
Um ebendiese Sammelstrassen drehte sich die Diskussion in diesem Jahr darum hauptsächlich. Der Gemeinderat brachte das Thema erneut aufs Parkett, weil immer wieder entsprechende Anträge und Rückmeldungen aus der Bevölkerung eingingen. Durch private Initiative wurden knapp 125 Unterschriften für Tempo 30 an der Bachstrasse (inklusive Aettenberg-, Gammerstall- und Schweielstrasse) eingereicht, über 110 für die Tempodrosselung an der Grindelstrasse.
Die Befürworter nannten schon damals ihre wichtigsten Argumente: erhöhte Verkehrssicherheit, siedlungsorientierte Verkehrswege, reduzierter Lärm. Und sie fanden damit an der «Gmeind» eine deutliche Mehrheit – 259 Ja- zu 92 Nein-Stimmen. Die Debatte wurde aber emotional geführt. Die Gegner warnten vor Bussen-Abzocke, vor immer mehr Einschränkungen, vor Bevormundung. Und SVP-Ortspartei-Präsident Roman Roth kündigte schon vor der Abstimmung an: «Bei einer Annahme werden wir das Referendum ergreifen.»
Gegner befürchten immer mehr Einschränkungen
Das tat die Volkspartei denn auch. Und mit 649 gültigen eingereichten Unterschriften hatten sie auch kein Problem, die nötige Anzahl zu erreichen und eine Urnenabstimmung zu erwirken. Präsident Roman Roth betonte nach Einreichung der Unterschriften, dass es auf den Sammelstrassen keine Tempobeschränkung brauche. «Wenn nun Tempo 30 flächendeckend eingeführt wird, fliesst der Verkehr aus den Quartieren schlechter ab», betonte er. Zudem äusserte er die Befürchtung, dass das Pro-Lager immer mehr fordern werde. «Dass auf Tempo-30-Strassen parkiert werden darf, zum Beispiel.» Schliesslich gebe es immer genügend Argumente, den Verkehr noch mehr zu beruhigen. «Aber das braucht es nicht, das beweisen Verkehrskontrollen in Muri immer wieder.»
Dass es für keines der politischen Lager einen Erdrutschsieg geben würde, das prophezeite Roman Roth damals. «Wir gehen nicht von einem Kantersieg aus.» Dass sie die für ein Referendum nötigen Unterschriften schnell beisammenhatten, euphorisierte sie auch nicht. «Es wird eine Frage der Mobilisierung.» So betonte es auch das Komitee «Pro Tempo 30» bei dessen Gründung Mitte Oktober. Und so kam es auch. Hundert Stimmen entschieden. Ausser in der Industrie, auf Kantonsund auf Privatstrassen wird in Muri das Tempo künftig überall auf 30 km/h beschränkt. Dass die Reaktionen auf dieses Ja gemischt ausfielen, liegt auf der Hand. Die grosse Freude, das grosse Glück auf der einen, Enttäuschung auf der anderen Seite. «Wir wollten die bestehende Kluft in der Bevölkerung nicht weiter vertiefen und fuhren deshalb eine verhaltene Kampagne, vielleicht zu zurückhaltend», sagte Roman Roth, SVP-Präsident, am Abstimmungssonntag Ende November.
Budmiger spricht von einem starken Zeichen
Gemeindepräsident Hans-Peter Budmiger freute das Resultat. Einerseits, weil die Mehrheit der Bevölkerung damit, wie schon an der «Gmeind», dem Antrag des Gemeinderates folgte. Andererseits betonte er: «Ich bin froh, haben wir jetzt Klarheit, und gleichzeitig ist es ein starkes Zeichen dafür, dass wir in Muri Lebensqualität und ein solidarisches Miteinander hoch gewichten.» Mit «wir» meine er die Bevölkerung und die Behörden gemeinsam.
Schon vor der «Gmeind» im Juni und bis nach der Urnenabstimmung Ende November – Tempo 30 beschäftigte in Muri in diesem Jahr intensiv und emotional.

