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03.03.2026 Muri, NaturDer Naturschutzverein Muri und Umgebung hat die Begrünung von Siedlungsflächen thematisiert
Die Verdichtung als ökologische Herausforderung – dazu lieferte der Namu wertvolle Inputs. Erich Steiner, Gebäudebegrüner aus dem Berner Oberland, ...
Der Naturschutzverein Muri und Umgebung hat die Begrünung von Siedlungsflächen thematisiert
Die Verdichtung als ökologische Herausforderung – dazu lieferte der Namu wertvolle Inputs. Erich Steiner, Gebäudebegrüner aus dem Berner Oberland, referierte im Atelier Ars Anima vor rund 40 Interessierten. Im Vordergrund stand das Wohlbefinden.
Thomas Stöckli
«Grüne Stadt der Zukunft» steht unter der Zeichnung, die Erich Steiner, Landschaftsarchitekt und Geschäftsführer der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung, auf die Leinwand projiziert. Die Skizze zeigt eine Stadtansicht mit unversiegelten Böden und Wasserrückgewinnung, mit vertikal angeordneten Nutzgärten und Solitärbäumen. Vor allem aber ganz viele begrünte Dächer und Fassaden, bis hin zu Pflanzvorhängen für Glasflächen. Seine Tochter Amelie, sagt Steiner, habe die Zeichnung am Zukunftstag vor gut vier Jahren angefertigt. Wobei der eine Tag nicht gereicht habe, sie deshalb spontan noch einen zweiten Zukunftstag anhängten.
Vorteile der «Schwammstadt»
Beim Referat im Atelier Ars Anima steht diese Begrünung von Dächern und Fassaden im Fokus. Zum Anlass eingeladen hat der Naturschutzverein Muri und Umgebung (Namu). «Damit treffen wir das Motto des Namu, sich für mehr Natur vor unserer Haustür einzusetzen, ziemlich genau», begründet Michèle Kaennel Dobbertin die Themenwahl. Der Referent begrüsst sein Publikum in Muri in Oberländerberndeutsch. Da sie auf lokaler Ebene keine kompetente Fachperson finden konnte, habe sie sich an die Schweizerische Fachvereinigung Gebäudebegrünung gewandt. «Erfreulicherweise hat sich Herr Steiner bereit erklärt, diesen Vortrag zu halten.»
Wenn Siedlungen sich nach innen entwickeln, also baulich verdichten müssen, sind kreative Ansätze gefragt, um die Naturvielfalt zu fördern. «In einer Stadt kann die Biodiversität höher sein als in den Bereichen intensiver Landwirtschaft ringsum», stellt Steiner klar. Allerdings erst, nachdem er die Wohnqualität und das Wohlbefinden angesprochen hat. Begrünung leistet da einen immer wichtigeren Beitrag.
Schattenwurf und Verdunstung helfen, Hitzeinseln durch Asphalt- und Betonwüsten zu vermeiden. Der Referent spricht von einer «Schwammstadt», die Niederschläge dort speichert, wo sie anfallen. Das bewährt sich bei Trockenheit, aber auch bei Starkniederschlägen, indem die Kanalisation entlastet und Hochwasser vermieden wird. Darüber hinaus schlucke Begrünung Lärm und fördere ein Gefühl von Geborgenheit, argumentiert Steiner weiter – und schliesst den Kreis zur «Grünen Stadt der Zukunft», wie sie seine Tochter zu Papier gebracht hat.
Isolierende Wirkung
Auf der Skizze von Amelie Steiner sind auch Solaranlagen zu sehen. Sie spielen allerdings nicht die Hauptrolle. Grossen Wert legt der Referent darauf, auszuführen, wie sich Solarstrom und Begrünung kombinieren lassen. Das «EnergieGrünDach» dient als Idealmodell, das die natürliche Kühlung durch Verdunsten mit nachhaltiger Stromgewinnung kombiniert. Damit das funktioniert, braucht es eine sorgfältige Planung. Es braucht eine flache, vielfältige Begrünung und hoch aufgeständerte PV-Systeme, wobei letztere genügend Abstand aufweisen müssen, um den Unterhalt zu ermöglichen. Bewährt habe sich etwa die Anordnung «Butterfly», wobei jeweils zwei Pannel-Reihen in V-Form zusammengefügt werden. Oder aber die Pannels werden vertikal montiert. Das hilft gleich noch, den mittäglichen Sonnenstrom-Überschuss zu reduzieren.
Die Begrünung von Dächern ist mit zusätzlichem Pflegeaufwand verbunden. Es gilt, potenzielle Problempflanzen frühzeitig zu erkennen und zu entfernen. Das gilt nicht nur für invasive Neophyten, sondern auch für Weiden und Haseln. Richtig ausgeführt, bringt eine Begrünung aber auch Mehrwert. Indem die Dachfolie vor grossen Temperaturschwankungen geschont wird, bleibt sie länger dicht. Der isolierende Effekt wirkt sich auch auf die Solarpanels aus: «Mit Begrünung liefern sie zwei bis vier Prozent mehr Leistung», so Steiner.
Aufwand, der sich lohnen kann
Begrünt wird aus ökologischen Überlegungen mit einheimischen Pflanzen. Angesichts des Klimawandels müsse man da künftig weiterdenken, findet der Referent. So empfehle es sich, nebst den genügsamen Alpenkräutern vermehrt auf trockenheitsresistente Gewächse aus dem mediterranen Raum zu setzen.
Dass sich auch Fassaden begrünen lassen, ist keine neue Idee. Erich Steiner verweist auf die Spalierbäume an alten Bauernhäusern. Das Fassadengrün mindert die Hitze und schützt im Idealfall die Fassade. Der Fachmann unterscheidet zwischen bodengebundenen Methoden – wie der bei Tieren beliebte Efeu, die Rebe oder der Hopfen, direkt an der Fassade oder an Rankhilfen davor – und wandgebundenen Modulen, die eine schnelle Begrünung ermöglichen, aber aufwendiger zu erstellen und zu pflegen sind. Zu berücksichtigen gelte es in der Planung etwa das Gewicht der Pflanztröge und die Möglichkeit des Unterhalts sowie der Bewässerung.
«Ein schönes Bild hat seinen Preis», hält Erich Steiner fest: «Pflege, Pflege und nochmals Pflege.» Wobei sich der Aufwand durchaus lohnen kann: «Wirkungsvoll begrünt sind Flächen der Gebäudehülle nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich – wenn Planer und Begrüner frühzeitig zusammenarbeiten», so das Fazit von Erich Steiner. Die Skizze von Emelie Steiner bleibt als Idealbild im Hinterkopf. Auf dem Weg dorthin sind auch kleine Schritte willkommen.



