«Gefühle sind zum Fühlen da»
03.09.2024 Region Bremgarten, Zufikon«Nackt – meine Reise zum Ich» ist das dritte Buch der Zufikerin Anina Gepp
Wer bin ich? Was will ich? Mit solchen Fragen beschäftigte sich die gebürtige Zufikerin Anina Gepp in den letzten Jahren ausführlich. Auf der Suche nach dem, was sie ...
«Nackt – meine Reise zum Ich» ist das dritte Buch der Zufikerin Anina Gepp
Wer bin ich? Was will ich? Mit solchen Fragen beschäftigte sich die gebürtige Zufikerin Anina Gepp in den letzten Jahren ausführlich. Auf der Suche nach dem, was sie ausmacht, hat sie begonnen, Tagebuch zu schreiben. Diese Einträge teilt sie nun mit der Öffentlichkeit. Und will anderen Mut machen, es ihr gleichzutun.
Sabrina Salm
«Ich bin ein sensibler, kreativer Mensch», sagt die 30-jährige Anina Gepp über sich selber. «Ich bin sehr naturverbunden, bewege mich gerne draussen und ich liebe Yoga.» Kochen und Schreiben sind zwei ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Und diese beiden Hobbys hat sie miteinander verbunden. Mit 80 ihrer rein pflanzlichen Lieblingsrezepte und praktischen Tipps, wie man sich nachhaltig und saisonal ernähren kann, begann der Erfolg für Anina Gepp. Ihr Buch «Iss dich grün» besetzte eine Woche lang den ersten Platz der Schweizer Sachbücher-Bestseller. Es folgte ihr zweites Kochbuch «Vantastic Kitchen». Es entstand während der Zeit, als sie in einem umgebauten Van lebte und Europa bereiste. Ihr Instagram-Profil fütterte sie vorwiegend mit Themen zu Veganismus, Vanlife und Nachhaltigkeit. Sie hat sich rund um die Uhr dafür eingesetzt und es gelebt.
Doch dieser Einsatz forderte seinen Tribut. Sie wurde depressiv. Ihre Essstörung, Orthorexie (zwanghafte Fixierung auf den ausschliesslichen Verzehr von gesunden Nahrungsmitteln) und Sportsucht nahmen überhand. Anina Gepp zog die Reissleine und zog ohne jeglichen Plan nach Teneriffa. War lange Zeit offline und nahm sich sehr viel Zeit für sich, um sich zu reflektieren und sich neu kennenzulernen. Auf der kanarischen Insel war das Tagebuchschreiben ihr Anker. «Das Schreiben heilt mich», sagt sie. «Wenn ich mich im geschriebenen Wort ausdrücke, fühle ich mich sehr nah bei mir.» Sie hat ihren Neubeginn, mit den schönen wie auch den unschönen Dingen, festgehalten. Und sich dazu entschlossen, ihre Geschichte zu veröffentlichen.
Von allem befreien
Das Buch mit dem Titel «Nackt – meine Reise zum Ich» entstand in einer schweren Zeit. Es beinhaltet auch heftige Themen, womit sich Gepp auseinandersetzen musste. Auch vieles, was sie niemandem anvertraut hat. Beispielsweise wusste ihr Umfeld lange nichts von ihrer Essstörung. «Ich war eine Meisterin des Selbstbetrugs», teilt sie offen ihren 84 300 Followern mit. «Es hat mir enorm geholfen, darüber zu schreiben.» Ebenfalls ein schreckliches Kapitel aus ihrem Leben schildert sie in ihrem Buch. Erstmals berichtet sie von der Vergewaltigung, die ihr widerfahren ist. Es fällt ihr nicht leicht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. So viel Scham, Schmerz und Wut sind in ihr. «Doch ich tue es für alle weiteren Betroffenen von sexualisierter Gewalt.» Sie möchte allen eine Stimme geben. Das erfordert sehr viel Mut. «Ich wünsche mir, dass ich den Menschen diesen Mut vermitteln kann, dass sie durch meine Geschichte in ihre eigene Geschichte eintauchen können.» Sie möchte ihnen die Hand ausstrecken und sagen: «Es gibt keine Emotionen, die falsch sind. Und es gibt nichts, wofür man sich schämen oder wovor man Angst haben muss. Alle Gefühle sind zum Fühlen da.» Wie sie in einem ihrer Beiträge schreibt: «Meine Geschichte zeigt, dass wir uns von allem befreien können. Von ungesunden Beziehungen, einer Essstörung, dem Trauma einer Vergewaltigung, der Selbstsabotage, einem Leben im Dauerstress. Ist es leicht? Gewiss nicht. Ist es das wert? Auf jeden Fall.»
Im zweiten Teil ihres Buches sind daher auch 150 Fragen zur Selbstreflexion. Journaling-Workshops bietet sie ebenfalls an. «Mit anderen die Welt des Tagebuchschreibens zu teilen, ist für mich ein grosses Geschenk.»
Bereit, die Welt wieder zu entdecken
Ihre Gedanken, ihr Leben mit Followern teilen. Dies macht auch verletzlich und angreifbar. Anina Gepp hat das selber auch schon erlebt. «Als ich für mich beschlossen habe, wieder Fisch und Eier in meine Ernährung zu integrieren, wurde ich von einigen angefeindet.» Hassnachrichten und gar Morddrohungen musste sie sich anhören. Dies ging nicht spurlos an ihr vorbei. «Inzwischen kann ich besser damit umgehen und nehme nicht mehr alles persönlich.» Sie könne nun besser auf sich selber hören und erlaube es sich, sich zurückzuziehen, wenn es zu viel wird. Sie habe sich eine gute Toolbox geschaffen mit Dingen, die ihr helfen, damit umzugehen. Zum Glück gebe es aber auch die andere Seite des Influencer-Daseins. «Ich finde den Austausch mit meiner Community unglaublich wertvoll. Genauso, wie sie von mir lernen, lerne ich auch ganz viel von ihnen.» Seit einem Jahr dürfe sie auch viele von ihnen persönlich kennenlernen, im Rahmen der «Retreats», die sie zusammen mit ihrem Partner Alex gibt. «Das bereichert enorm.» Die Richtung ihres Kanals hat sich weiterentwickelt und wird das weiterhin tun. Heute postet sie das, was in ihr vorgeht, sowie von ihren Projekten über Workshops bis hin zum Podcast. Ihr persönliches Tagebuch. Und natürlich dürfen Rezepte weiterhin nicht fehlen. Denn die Leidenschaft zum Kochen und Geniessen ist geblieben. Sie sei ruhiger und weicher zu sich selber geworden. Anina Gepp ist gestärkt aus ihrer Selbstreflexion herausgekommen.
Teneriffa hat sie mittlerweile «Tschüss» gesagt und sie wagt sich mit ihrem Partner in einen neuen Abschnitt. Den September über weilen sie noch in Mallorca, bevor es weiter nach Indien geht. Wohin der Weg sie noch führen wird, lassen sie offen. «Irgendwann im Frühling kommen wir zurück.» Sie könnte sich vorstellen, den Sommer in der Schweiz zu verbringen. «Der Kontakt zu Familie und Freunden tut mir gut.» Und was ihr guttut, soll auch weiterhin die erste Priorität in ihrem Leben haben.

