Lebensraum für den Eisvogel
10.02.2026 Kelleramt, NaturNeue Brutwände in der Reussebene für den gefährdeten «Vogel des Jahres»
Der schillernde Eisvogel ist ein besonderer Hingucker in der hiesigen Vogelwelt. Die Reussebene mit ihren vielen klaren Gewässern dient dem aktuellen «Vogel des ...
Neue Brutwände in der Reussebene für den gefährdeten «Vogel des Jahres»
Der schillernde Eisvogel ist ein besonderer Hingucker in der hiesigen Vogelwelt. Die Reussebene mit ihren vielen klaren Gewässern dient dem aktuellen «Vogel des Jahres» als idealer Lebensraum. Bezüglich Brutwand bietet die kantonale Abteilung Landschaft und Gewässer in Rottenschwil Unterstützung.
Thomas Stöckli
Mit seinem blau-türkisen Rücken und der orange-rötlichen Brust ist er einer der auffälligsten Vögel Europas. Doch Vogelbeobachter wissen: Sehen tut man den Eisvogel selten. «Er ist eher heimlich unterwegs», erklärt Fredi Hintermann, Facharbeiter Landschaft und Gewässer des kantonalen Werkhofs der Abteilung Landschaft und Gewässer in Rottenschwil. Sitzt der Eisvogel über einem klaren Gewässer an, um auf Beute zu lauern, tarnt ihn seine Bewegungslosigkeit. Im Vorbeiflug ist er so schnell, dass man kaum mehr sieht, als dass etwas Blaues niedrig über dem Wasser aufblitzt. Schliesslich ist er kaum grösser als ein Spatz. Und weiter ist sein Revier mit rund einem Kilometer Radius gross und wird aggressiv verteidigt, die «Besiedelungsdichte» ist entsprechend dünn. Die Experten orientieren sich denn auch eher nach seinem lauten, hohen, langgezogenen Ruf als nach Sichtungen.
Offene, klare Gewässer gefragt
Die Anforderungen, die der Vogel an seinen Lebensraum stellt, sind sehr spezifisch. Für die Jagd nach kleinen Fischen, Amphibien, Wasserinsekten und Libellen braucht er offene, klare Gewässer. An solchen mangelt es nicht in der Reussebene um Rottenschwil. Hilfreich sind insbesondere die «Giessen», Stillgewässer in Vertiefungen von früheren Flussarmen. Gespeist durch Grundwasser, sind sie besonders klar und drohen im Winter weniger zu vereisen. Ferner ist der Eisvogel als Stosstaucher auf einen Ansitz angewiesen, von wo er das Treiben im Wasser beobachten kann. Dazu eignen sich Bäume und Buschwerk, die übers Wasser ragen.
Nebst dem Nahrungsangebot muss auch ein geeigneter Brutplatz vorhanden sein. Der Eisvogel baut seine Höhlen mit Vorliebe in Steilwände aus Sand-Lehm-Gemisch. Solche Steilwände entstanden früher natürlich, wenn sich ein frei mäandrierender Fluss seinen Lauf suchte. Heute muss der Mensch nachhelfen. Und genau das hat das Team des kantonalen Werkhofs in Rottenschwil kürzlich wieder getan: Auf einer Länge von rund 80 Metern hat es die natürliche Uferböschung an einer «Giesse» senkrecht abgestochen. Für den Baggerführer sei das insofern herausfordernd, dass er gar nicht sehen könne, wo seine Schaufel ansetze, veranschaulicht Fredi Hintermann.
Stabilisierende Wurzeln
Die senkrechten, offenen Wände ermöglichen es dem Eisvogel, seine Bruthöhle in den Grund zu graben, geschützt vor Nesträubern. Der Bau besteht aus einem Gang, der leicht ansteigend rund einen Meter in den Hang hineinführt und in einer Höhle mündet. Der Gang ist so angelegt, dass der Kot, den die Jungvögel «ausschiessen», nach draussen ablaufen kann. Rund zehn Tage dauert es, bis eine solche Bruthöhle neu erstellt ist. Zuweilen werden bestehende Bauten allerdings auch wiederverwendet, nach einer gründlichen Putzaktion.
Die natürliche Erosion setzt den Uferböschungen zu, die lotrechten Hänge flachen entsprechend mit der Zeit ab und müssen neu abgestochen werden. Um die Nutzungsdauer zu erhöhen, wurden die neuen Brutwände so angelegt, dass eine überhängende, durch Wurzelwerk stabilisierte Schicht Schutz bietet. Das abgetragene Material dient – vor Ort abgelagert – dann wieder als Lebensraum für Wildbienen, Echsen und allerlei Krabbeltiere.
Vor Hochwasser geschützt
Die neu erstellten Steilwände im Naturschutzgebiet haben im Vergleich zum Reussufer den grossen Vorteil, dass den Höhlen auch bei Hochwasser keine Überschwemmung droht. Das ist eine der grossen Gefahren, mit denen sich der Eisvogel konfrontiert sieht. Zu dramatischen Bestandseinbrüchen können erfahrungsgemäss auch sehr kalte Winter führen. «Da können bis zu 90 Prozent sterben», veranschaulicht Edi Weibel vom kantonalen Werkhof in Rottenschwil.
Umso wichtiger sind «krisensichere» Lebensräume, wie sie das Reusstal bietet und zu denen die neuen Brutwände nun ihren Teil beitragen. Mit bis zu vier Bruten pro Jahr von März bis September vermag der «Vogel des Jahres» so auch drastische Einschnitte zu kompensieren. Bei gutem Nahrungsangebot baut der Vogel dabei auch auf «Schachtelbrut», eine spezielle Strategie, bei der sich zwei Bruten zeitlich überlappen: Noch bevor die Jungen der ersten Brut flügge sind, paart sich das Weibchen erneut, legt Eier und beginnt zu brüten, während das Männchen die Erstbrut allein weiterfüttert. Ein Leben auf der Überholspur.
Vogel des Jahres
Der Vogel des Jahres wird seit 2001 in der Schweiz alljährlich vom Schweizer Vogelschutz (SVS) / Bird-Life Schweiz gekürt. Seit letztem Jahr findet die Wahl durch die Bevölkerung statt. Über 18 000 Personen haben ihre Stimme abgegeben. Der Eisvogel wird nach 2006 bereits zum zweiten Mal gekürt. Vor ihm hat das noch keiner geschafft.



