Carmen Bärtschi, Zürich, vormals Bremgarten und Wohlen.
Der Jahreswechsel liegt hinter uns, und mit ihm eine Flut an Vorsätzen: besser, fitter, schlanker, erfolgreicher und vor allem mehr wir selbst wollen wir sein. Doch was zum ...
Carmen Bärtschi, Zürich, vormals Bremgarten und Wohlen.
Der Jahreswechsel liegt hinter uns, und mit ihm eine Flut an Vorsätzen: besser, fitter, schlanker, erfolgreicher und vor allem mehr wir selbst wollen wir sein. Doch was zum Teufel ist dieses «Selbst» eigentlich?
Laut dem Buddhismus gibt es kein festes Ich, das durch einen Online-Kurs, eine Detox-Kur oder das nächste LinkedIn-Zertifikat optimiert werden müsste. Die Suche nach dem Selbst führt laut Buddha nur zu Leid, denn wir sind nur eine Ansammlung von fünf flüchtigen Zuständen: Form, Empfindung, Wahrnehmung, geistige Formationen (Prägungen) und Bewusstsein – die sich ständig verändern, wie ein Instagram-Feed auf Speed.
Unsere Vorstellung von einem Selbst entsteht durch Identifikation mit diesen Zuständen und je weniger wir an Ideen von einem Selbst festhalten, desto freier und glücklicher werden wir. In unserer westlichen Welt ist das «Selbst» jedoch zum Businessplan geworden.
Ein Projekt mit folgendem Pitch: perfekte Form? Sixpack und Botox. Empfindung? Likes und Dopaminkicks. Wahrnehmung? «The Story of success» inszeniert in unserem Insta-Feed. Geistige Formationen? «Just do it!» – «Wer rastet, der rostet». Bewusstsein? Ein leises Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt – schnell wegmeditiert mit einer 10-Minuten-App.
Während wir uns abmühen, unser «authentisches Selbst» in perfekten Storys zu inszenieren, f lüstert der Buddha uns ins Ohr: «Alles ist leer. Auch dein Feed.» Vielleicht ist dies die grösste Ironie unserer westlichen Mentalität, dass wir alle so verzweifelt versuchen, etwas zu werden – während die eigentliche Freiheit darin läge, nichts zu sein. Kein Projekt. Kein Produkt. Kein Inf luencer. Einfach nur da. Doch wer würde schon einen Online-Kurs kaufen mit dem Titel «Wie du lernst, dich selbst nicht mehr ernst zu nehmen?» Zu unsexy. Zu wenig marktfähig in unserer kapitalistischen Gesellschaft.
Also machen wir weiter. Optimieren. Posten. Vergleichen. Und wundern uns, warum wir uns trotzdem leer fühlen. Vielleicht, liebe Selbstverkäufer und Selbstverkäuferinnen, ist das «Selbst» gar nicht das Problem, sondern die Idee, dass wir es festhalten und besitzen können. «Haben oder sein?» würde Erich Fromm fragen.