Mehr als zum Schutz vor Feuer
06.02.2026 Muri, GewerbeBrot zu Ehren der Agatha
In der Bäckerei Kreyenbühl in Muri wurde gestern Brot gesegnet – ein jahrhundertealter Brauch
Sie starb den Märtyrer-Tod, beschützte Catania vor der Lava des Ätna und soll auch heute noch ...
Brot zu Ehren der Agatha
In der Bäckerei Kreyenbühl in Muri wurde gestern Brot gesegnet – ein jahrhundertealter Brauch
Sie starb den Märtyrer-Tod, beschützte Catania vor der Lava des Ätna und soll auch heute noch vor Feuer bewahren. Der 5. Februar ist der Tag der Heiligen Agatha – auch in der Backstube.
Annemarie Keusch
Tradition und Handwerk verbinden – das ist Alltag in der Bäckerei Kreyenbühl in Muri. Und trotzdem ist der 5. Februar immer speziell. Weil die Mitarbeitenden extra eine Stunde früher anfangen. Weil um 6 Uhr eine Seelsorgerin in der Backstube steht. Weil alle schon um 6.30 Uhr mit – natürlich alkoholfreiem – Weisswein miteinander anstossen.
Schützt vor Feuer
Es ist Agatha-Tag. Auf dem Tisch mitten in der Backstube liegen rund hundert Zopfkränze, die Jessica Zemp, Pfarreiseelsorgerin im Pastoralraum Muri und Umgebung, soeben gesegnet hat. Gegessen werden sie längst nicht alle. «Nach wie vor hängen viele Leute dieses Agatha-Brot zu Hause auf, um ihr Haus vor Feuer zu schützen», weiss Bäcker Buki Kreyenbühl. Eine Tradition, die viele Jahrhunderte zurückgeht und immer am 5. Februar in der Backstube der Kreyenbühls in Muri lebendig wird. «Auch aus Demut unseren vorangegangenen Generationen gegenüber wollen wir diese Tradition weitergeben», erklärt Kreyenbühl. Ein Brauch, der vor allem in der Innerschweiz noch gelebt wird. Von dort nahmen die Kreyenbühls die Tradition auch mit, als sie 2002 nach Muri kamen.
Der diesjährige Agatha-Tag war für die Bäckersleute zudem speziell, weil eine Reporterin der SRF-Musikwelle das Geschehen am frühen Morgen begleitete und damit die Geschichte der Heiligen Agatha und des lebendigen Brauchtums in Muri ins ganze Land trägt.
In der Bäckerei Kreyenbühl wird die Agatha-Tradition gelebt – mit über 100 Zopfkränzen
Ein Stück trockenes Brot – ob im Auto, beim Hauseingang oder auf dem Dachbalken. Es soll vor Feuer schützen. So sagt es die Geschichte der Heiligen Agatha, die auch Patronin der Bäckersleute ist. Entsprechend war der gestrige 5. Februar ein spezieller Tag in der Bäckerei Kreyenbühl.
Annemarie Keusch
So schön, dass sie Jahrhunderte überliefert werden müsste, ist die Geschichte eigentlich nicht. Brutal trifft es eher. Die Geschichte der jungen Agatha, die auf Sizilien als treue Christin lebte und sich für Keuschheit entschied. Auch die Tatsache, dass der römische Statthalter sie heiraten wollte, änderte daran nichts, sodass er sie festnahm und folterte. Unter anderem wurden ihr die Brüste abgeschnitten und schliesslich wurde sie zu Tode gefoltert – an einem 5. Februar. Just ein Jahr später brach der Ätna aus und Lavamassen bedrohten die Stadt Catania. Die Einwohner griffen in ihrer Not zum Grabtuch Agathas und als sie es auf den Boden legten, floss das Lava nicht weiter. Seit dem dritten Jahrhundert gilt sie dafür als Schutzpatronin Catanias und als Schutzpatronin der Feuerwehr und aller, die in Berührung mit offenem Feuer kommen – so auch die Bäckersleute.
Von der abgetrennten Brust zur Brotsegnung. «Ja, das mag heute mysteriös, gar absurd wirken», gesteht Jessica Zemp, Pfarreiseelsorgerin des Pastoralraums Muri und Umgebung. Sie erzählt, dass diese Tradition im Mittelalter aufkam, erstmals datiert ist sie aus dem Jahr 1466. «In einer Zeit, als längst nicht alle Leute lesen und schreiben konnten», weiss Zemp. Symbole halfen, etwa Brote in Brustform, um der Heiligen Agatha zu gedenken. «Schreckliches wurde in etwas Heilsames umgewandelt – süsse, runde, teils gar gefüllte Brötchen.»
Einfach nicht wegwerfen
Brustform haben die Agatha-Brote der Bäckerei Kreyenbühl längst nicht mehr. Es sind Kränze, mit rotem Band, um sie aufhängen zu können. Denn gegessen werden sie längst nicht alle. Früher legte man in vier Ecken des Hauses ein Stück gesegnetes Brot, um das Haus vor Feuer zu schützen. Noch heute hängen viele Leute den Brotkranz auf. Der Agatha-Brauch lebt. Das zeigen die verkauften Zopfkränze der Bäckerei. Das zeigen aber auch die Leute, die in Gottesdiensten ihr eigenes Brot mitbringen und segnen lassen. Am Wochenende finden im Pastoralraum verschiedene solcher Anlässe statt. Zum Schutz aufgehängt werden übrigens auch Salzteig-Produkte. Dafür werden keine Lebensmittel gebraucht. Wobei Regula Kreyenbühl betont: «Auch ganz trocken gewordene Agatha-Kränze müssen später nicht weggeworfen werden. Sie faulen nicht, sie trocknen einfach und sind für Tiere noch bestens essbar.»
Buki und Regula Kreyenbühl sind mit viel Herzblut Berufsleute. Sie pflegen das Handwerk. Und die Traditionen. Der Agatha-Tag ist ein gutes Beispiel dafür. «In der Region wissen wir keine anderen Bäcker, die das Brot an diesem Morgen segnen lassen», sagt Buki Kreyenbühl. Er habe diesen Brauch in der Innerschweiz kennengelernt und ihn mit nach Muri genommen, als er und seine Frau 2002 die Bäckerei der Familie Stöckli übernahmen. «Das Freiamt gilt schliesslich als schwarzer und damit katholischer Erdteil im Aargau», sagt er und lacht.
An die Jungen weitergeben
Dass die Tradition nach wie vor gelebt werde, sei ihr Ausdruck von Bodenständigkeit und Demut. Und entspreche ihrem Wunsch, solche Bräuche an die nächste Generation weiterzugeben. An die jungen Bäckersleute, die auch an diesem Morgen in der Backstube stehen. Das kommt nicht nur bei den Mitarbeitenden an, sondern auch bei der Kundschaft. «Gerade ältere Leute schätzen es und kommen extra deswegen am 5. Februar zu uns», weiss Buki Kreyenbühl. Mit dem Brot geben sie ihnen einen Flyer mit, auf dem die Geschichte der Heiligen Agatha kurz erklärt ist.
Natürlich freut sich auch Jessica Zemp ob der gelebten christlichen Tradition. «Deswegen am frühen Morgen in die Backstube zu kommen, das macht mir nichts aus. Ich mache das gerne», sagt sie und lacht. Schliesslich spiele das Brot gerade im katholischen Glauben eine zentrale Rolle. «Es ist wichtig, hin und wieder an die Heiligen zu erinnern. Auch wenn diese Geschichte tragisch ist, ist Agatha ein Vorbild in Sachen Treue zum Glauben», ist Zemp überzeugt.
Bis zur Stiftung «Denk an mich» in Zürich
Den Teig für die Agatha-Brote anfertigen, sie zöpfeln, formen, backen und verkaufen. Dass das eine Tradition ist, die nicht mehr üblich ist, zeigt auch der Aufmarsch einer SRF-Musikwelle-Redaktorin an diesem Morgen. Zustande gekommen dank Joe Weibel, eines treuen Kunden der Bäckerei. Weibel selbst konnte aber nicht lange bleiben. Er fuhr einige Agatha-Kränze nach Zürich, um damit die Stiftung «Denk an mich» zu beglücken. Eine jahrhundertealte Tradition, die auch heute noch für viel Gutes sorgt. Wenn das Brot auch noch vor Feuer schützt, umso besser.



