Musikalische Liebeserklärung
28.04.2026 Region Oberfreiamt, Musik, WaltenschwilDas Jahreskonzert der Musikgesellschaft Waltenschwil stand unter dem Motto «Made in Waltenschwil»
Was macht Waltenschwil unverwechselbar? Die Musikgesellschaft ist dem nachgegangen. Das Ergebnis zeigt die Verbundenheit zum Dorf ebenso deutlich auf wie das ...
Das Jahreskonzert der Musikgesellschaft Waltenschwil stand unter dem Motto «Made in Waltenschwil»
Was macht Waltenschwil unverwechselbar? Die Musikgesellschaft ist dem nachgegangen. Das Ergebnis zeigt die Verbundenheit zum Dorf ebenso deutlich auf wie das vielfältige Potenzial der «Musig».
Thomas Stöckli
Eigentlich hätte er am kantonalen Musiktag in Sulz geehrt werden sollen. Doch just zum feierlichen Höhepunkt zog dort Anfang Juni letzten Jahres ein Sturm auf. Die Ehrung musste abgebrochen werden. «Er sass da wie ein begossener Pudel», beschreibt Daniel Meier, Präsident der Musikgesellschaft Waltenschwil, den unwürdigen Moment. Die Rede ist von seinem Vater Paul Meier, seit 70 Jahren aktives Mitglied der Musikgesellschaft.
Gedächtnis der Musig
Die Ehrung wurde inzwischen an der Delegiertenversammlung des Aargauischen Musikverbands nachgeholt. Am Jahreskonzert bekommt Paul Meier nun auch noch in Waltenschwil die verdiente Würdigung: Kurz vor der Pause wurde für ihn ein Stuhl ins Zentrum gerückt. Hier darf er Platz nehmen und geniessen. Geniessen, wie ihm die Musikantenkolleginnen und -kollegen «Ein Leben lang» von den «Fäaschtbänklern» spielen. So sitzt er da, lauscht, lächelt und nippt gelegentlich an dem Weinglas, das ihm für diesen besonderen Moment gereicht wurde.
1941 geboren, wurde Paul Meier bereits 1955 – als 14-Jähriger – in die Musikgesellschaft aufgenommen, erst als Flügelhornist, später Trompeter und mittlerweile Kornettist. Er habe sich als jahrelanges engagiertes Mitglied der Musikkommission verdient gemacht, zudem als pflichtbewusster Probenbesucher, würdigte ihn Daniel Meier. Weiter verkörpere sein Vater so etwas wie das Gedächtnis der Musig Waltenschwil: «Er hat jedes Programm der Jahreskonzerte, die er gespielt hat, abgelegt.»
Start mit dem Nachwuchs
Das diesjährige Programm bekommt in der Erinnerung sicher einen Ehrenplatz. «Made in Waltenschwil» heisst es. In Anlehnung an den Song «Made in Switzerland», mit dem die Moderatorinnen Hazel Brugger und Sandra Studer im Rahmenprogramm des Eurovision Song Contest für Furore gesorgt hatten, lud die Musikgesellschaft zu einem musikalischen Dorfspaziergang. Als roter Faden führte ein Jingle, arrangiert von Colin Waltenspül, Musiktalent aus den eigenen Reihen, durchs Programm – oder vielmehr: «durch unser wunderschönes Waltenschwil», wie es Moderatorin Nelly Stöckli formuliert.
Den Auftakt machte – wie bereits gewohnt – die Nachwuchsformation Brass Gang. Am Jugendmusiktag in Dagmersellen wird sie erstmals ausserkantonal in Aktion treten. Mit dem Kauf von selbst gebastelten «Glückswürmli» kann man sie dabei unterstützen. Am Jahreskonzert begeisterte die WBG unter der Leitung von Raphael Stutz etwa mit ihrer Interpretation eines Seilziehduells, bei dem sich zwei Posaunen-Solisten gegenüberstanden und das Seilziehen bildhaft als Zugstossen darstellten. Das Publikum würdigte den hoffnungsvollen Musikantennachwuchs mit lange anhaltendem Applaus. So lange, bis Stutz ihm eine Zugabe zugestand.
Dröhnende Posaunen
Auch bei der Musikgesellschaft sollten die Posaunen für ein humoristisches Highlight sorgen. Diesmal allerdings nicht visuell, sondern akustisch: Zum Thema Kartbahn, die nur dem Namen nach eine Wohlerin ist, aber eigentlich auf Waltenschwiler Boden liegt, interpretieren die Posaunen-Solisten den Klang vorbeirasender Boliden, derweil das hohe Blech die Ventile wie Kolben in hochgetunten Motoren immer rasanter auf und ab treibt. Das Publikum quittiert die sympathische Interpretation des «Formula One Theme» von Brian Taylor mit Lachen und Applaus.
Die Musikgesellschaft hat sich für ihr besonderes Programm auch sonst einiges einfallen lassen. Dass da auch die berühmteste Süssspeise des Dorfs und der ganzen Region eine Rolle spielen musste, versteht sich von selbst.
Wohin man auch komme: «Dort, wo die feinen Dubler-Mohrenköpfe herkommen», reiche – und das Gegenüber wisse, wo Waltenschwil liegt, veranschaulicht Nelly Stöckli. Die Musikantinnen und Musikanten würdigen dies mit dem «Sugar Blues» von Clarence Williams. Gleich darauf gibt es zu erfahren, dass Waltenschwil über genau sieben öffentlich zugängliche Bünz- Brücken verfügt. War da nicht mal etwas mit Peter Maffay? Dessen berühmtes «Über sieben Brücken» beinhaltet eigentlich ein Saxofonsolo. Da die Musikgesellschaft nun mal keine Harmonie-, sondern eine Brassband ist, wurde dieses Solo kurzerhand auf ein Es-Kornett uminterpretiert. Mit Erfolg: Die Solistin sorgt für einen Hühnerhautmoment im positiven Sinn und bringt gemäss dem Liedtext tatsächlich den «hellen Schein» in die Bannegghalle.
Jobsharing am Dirigentenpult
Mit «Nothing Else Matters», der Powerballade der US-Metalband Metallica, wagten sich die Waltenschwiler in für Blasmusik ungewohnte Gefilde, was vom Publikum allerdings ebenso gewürdigt wurde wie der Marsch «Schwyzer Soldaten», mit dem der erste Konzertteil abschloss.
Den Platz am Dirigentenpult teilen sich in Waltenschwil Hanspeter Weiss und Raphael Stutz. Während Weiss vor der Pause den Taktstab schwang, übernimmt danach Stutz. Er führt die musikalische Reisegruppe unter anderem noch zu den «Schwingerlüüt im Schwizerland» und zum Sagenweg. Zur mythischen Umgebung vom Erdmannlistein passt das Thema von «The Lord of the Rings», von den Musikanten episch-pompös umgesetzt. Gegen Ende des Programms dürfen sich die Konzertgänger nochmals auf eine moderne Powerballade freuen. «Set Fire to the Rain» der britischen Soul-Ikone Adele widmet die Musikgesellschaft der hiesigen Feuerwehr.
Das Programm endet stilecht mit einem Bier aus der lokalen Waltin-Brauerei – musikalisch verkörpert durch die «Beer Barrel Polka» von Jaromir Vejvoda. Auch wenn das Publikum den eingängigen Refrain «Rosamunde …» nicht wirklich mitsingen will, so klatscht es doch rhythmisch mit und fordert vehement die in Aussicht gestellte Zugabe ein. Diese schlägt denn auch nochmals richtig heimatliebend ein, inklusive Örgeli und Holzlöffel.
Generationen verbinden
Die Musikgesellschaft Waltenschwil hat es einmal mehr verstanden, ihrem Publikum einen tollen Abend zu bescheren. Einen Abend voller Lokalpatriotismus, aber ohne Berührungsängste, von Ländler und Polka über Schlager bis hin zu Pop und Rock. Dabei bewiesen die Musikantinnen und Musikanten eindrücklich ihre Vielseitigkeit und ihr Können. Und nicht zuletzt auch ihre Fähigkeit und ihr Bestreben, Generationen zu verbinden. Als Beispiel sei nochmals die Familie Meier erwähnt: Nebst Präsident Daniel und dem nationalen Ehrenveteranen Paul ist mit Luca an der Posaune bereits die dritte Generation an Bord. Und im zweiten Konzertteil konnten sogar zwei Jugendmusikanten aus der Brass Gang bei den «Grossen» mittun.




