Nahe am Wolf und an den Menschen
10.03.2026 Muri, NaturIn Zusammenarbeit mit dem Naturschutzverein Muri und Umgebung hat das Kino Mansarde «Lupi Nostri» gezeigt
In seinem Debütfilm dokumentiert Samer Angelone, der vom Wissenschaftler zum Filmemacher wurde, die letzten beiden Berufsjahre seines ehemaligen ...
In Zusammenarbeit mit dem Naturschutzverein Muri und Umgebung hat das Kino Mansarde «Lupi Nostri» gezeigt
In seinem Debütfilm dokumentiert Samer Angelone, der vom Wissenschaftler zum Filmemacher wurde, die letzten beiden Berufsjahre seines ehemaligen Doktorvaters. Im Kino Mansarde stellte er sich dem Talk mit Michèle Dobbertin.
Thomas Stöckli
«Lupi Nostri» heisst er, der Dokumentarfilm von Samer Angelone. Die deutsche Übersetzung «unser Wolf» werde dem italienischen Begriff allerdings nicht gerecht, schickt der Regisseur vorweg: «‹Lupi Nostri›» heisst mehr als das. Es sind die Wölfe, die wir wollen.»
Film über die Ambivalenz
Der Film beginnt mit eindrücklichen Bildern: Ein toter Wolf im Schnee. Dann eine Jagdszene. Und Wolfsgeheul in einem Herbstwald. Es sind eigentlich ruhige Szenen, denen trotzdem eine Dramatik innewohnt. Dazu passt die nächste Einstellung. Sie zeigt einen norditalienischen Schäfer, aus dem Grenzgebiet zu Frankreich, der davon spricht, wie ein Lamm, das er in seinem Wohnwagen von Hand aufgepäppelt hat, auf der Weide gerissen wird.
«Eine Landschaft aus Furcht und Liebe» – Der Untertitel des Films macht die Ambivalenz deutlich, die schon in den ersten Bildern zum Ausdruck kommt. «Lupi Nostri» ist denn auch nicht primär ein Film über Wölfe, sondern vielmehr über Menschen. Menschen, welche die Raubtiere erforschen und sich für ihren Schutz einsetzen einerseits, aber andererseits auch Menschen, die ihre Nutztiere durch das Raubtier gefährdet sehen und verteidigen wollen.
Hommage an den Doktorvater
Die Hauptrolle spielt Professor Luca Rossi. Ihn kennt Angelone seit einer gemeinsamen Forschungsreise im Rahmen seines Biologie-Doktoratsstudiums 2008 in Turin. «Während ich erwartete, mit einem datengetriebenen Wissenschaftler zusammenzuarbeiten, entdeckte ich in Luca einen fesselnden Geschichtenerzähler», so der Filmemacher über seinen ehemaligen Doktorvater.
Diesem Luca Rossi hat Angelone denn auch seinen Film gewidmet. Im Gespräch mit Michèle Kaennel Dobbertin vom Naturschutzverein Muri und Umgebung (Namu) versucht er die Faszination zu erklären. Erzählt vom Wissenschaftler, der so angesehen ist, dass ihm niemand dreinzureden wagt, wenn er die Wolfs-Nekropsien ohne Handschuhe durchführt. Vom über 60-Jährigen, der einen 30 Kilogramm schweren Wolfskadaver scheinbar mühelos auf über 2000 Meter Höhe durch halbmeterhohen Schnee schleppt, während ihm, der er deutlich jünger ist, die fünf Kilogramm Kameraausrüstung schon heftig zusetzt. Rossi war es auch, der die Kontakte zu den weiteren Protagonisten vermittelte. Etwa zum Hirten und Wolfsgegner Giorgio Bergero. Bei ihm im Wohnwagen hat Angelone sogar mehrere Nächte verbracht. An dieser Nähe dürfen schliesslich auch die Kinogänger teilhaben: Sie erleben die Menschen ganz wie sie sind.
Einmann-Filmteam
Der Film will nicht Partei ergreifen, nicht werten, sondern beobachten. «Ich fälle als Filmemacher kein Urteil», betont Angelone. Trotzdem spricht er nicht von Neutralität: «Ganz neutral ist man nie», sagt er. Schliesslich prägen nur schon die Auswahl der Protagonisten, der Kameraeinstellungen und das Zusammenschneiden der Szenen die Aussage des Films. Die Schnitte habe er deshalb bewusst knapp gehalten – soweit dies möglich war, sagt Angelone, der nicht nur Regie geführt hat, sondern auch Produzent, Kameramann und Editor war.
Eindrücklich ist die Bildsprache. Etwa wenn das Herdenverhalten der Schafe und Ziegen aus der Vogelperspektive gezeigt wird. Der Strom an Tieren scheint durch die Landschaft zu fliessen, hier durch eine Engstelle kanalisiert und zurückgestaut, da durch offene Flächen beschleunigt und aufgefächert. Oder wenn die Kinogänger durch auf den Rücken der Nutztiere montierte Kameras mittendrin in der Herde sind. Als sich die Forschenden in finsterer Nacht mit Wärmebildkamera an ein Wolfsrudel heranpirschen, scheint das Adrenalin spürbar. Und Wildkameras zeigen, wie die Fauna auf einen Wolfskadaver reagiert, von Steinadlern über sich balgende Füchse bis hin zu Artgenossen nähern sich die Aasfresser mit grosser Zurückhaltung an.
«Vor dem Film hatte ich Angst vor Wölfen», gesteht Angelone im Talk mit Michèle Dobbertin. Nur schon Hunde bereiteten ihm Unbehagen. Dieser Angst hat er sich gestellt. Und das Resultat ist beim Publikum im Kino Mansarde offenbar angekommen. Das legen zumindest die interessierten Fragen und der warme Applaus nach der Filmvorführung nahe.


