Weiterhin in Würde leben
13.03.2026 Region Unterfreiamt, VillmergenAbendstunde in der Oberen Mühle Villmergen zum Thema Demenz
Was mit leichter Vergesslichkeit im Alter beginnt, kann zur völligen Pflegebedürftigkeit führen. Immer mehr Menschen erkranken an Demenz, ein Mittel dagegen gibt es nicht. Wie Betroffene ...
Abendstunde in der Oberen Mühle Villmergen zum Thema Demenz
Was mit leichter Vergesslichkeit im Alter beginnt, kann zur völligen Pflegebedürftigkeit führen. Immer mehr Menschen erkranken an Demenz, ein Mittel dagegen gibt es nicht. Wie Betroffene trotzdem Lebensqualität bewahren können, dies war ein Thema des Abends.
Chregi Hansen
Wer kennt es nicht. Plötzlich findet die eigene Mutter oder der Grossvater das Hörgerät nicht mehr, vergisst die Einladung zum Essen oder erlebt starke Stimmungsschwankungen. Später findet man vielleicht die Lebensmittel im Geschirrspüler statt im Kühlschrank, wird mit dem Namen des Bruders angesprochen oder findet der Betroffene den Heimweg nicht mehr. Schleichend lässt die Leistung des Gehirns nach – bis es irgendwann gefährlich wird. Für den Erkrankten selber. Aber auch für die Umwelt.
Demenz ist in der Schweiz eine der häufigsten Erkrankungen im Alter, aktuell geht man von rund 160 000 Fällen aus. Tendenz steigend – bis im Jahr 2050 könnten schon 300 000 Personen betroffen sein. Die Abendstunde der Oberen Mühle Villmergen nahm sich darum des Themas an. «Wir wollen dem Thema Raum geben. Wir wollen keine Angst machen, aber auch nicht verharmlosen. Es geht darum, die Krankheit zu verstehen und zu wissen, wie man mit den Betroffenen umgehen soll», erklärt Geschäftsleiter Walter Cassina. Wichtig sei dabei die Botschaft, dass niemand diesen Weg allein gehen muss, weder die Patienten noch die Angehörigen.
Das Fortschreiten verlangsamen
Das Thema Demenz wurde aus unterschiedlichster Sicht beleuchtet. Andreas Breunig, Facharzt mit Schwerpunkt Geriatrie, war für die medizinischen Aspekte zuständig. Er erklärte, wie Demenz entsteht und welche Stadien die Betroffenen durchlaufen. Auch wenn die Ursachen verschieden sein können, führt die Demenz immer zu einem Abbau der Hirnfunktionen. Die bekannteste Form von Demenz ist Alzheimer, sie macht rund zwei Drittel aller Fälle aus. «Es ist eine chronische und fortschreitende Krankheit. Sie beginnt mit leichten kognitiven Störungen und weitet sich immer mehr aus. Sie lässt sich nicht heilen. Umso wichtiger ist es, die Betroffenen möglichst früh zu erreichen, weil durch gezielte Massnahmen das Fortschreiten verlangsamt werden kann», so der Facharzt.
Dies kann beispielsweise erreicht werden, indem man das Hirn trainiert. Dabei gehe es nicht um Kreuzworträtsel oder Ähnliches. «Wichtig ist, dem Gehirn immer wieder neue Impulse zu geben. Rausgehen, unter Menschen sein, singen oder Ähnliches», so der Ratschlag des Mediziners. Zwar gibt es seit Kurzem auch Medikamente, welche die Ursache angehen und die Ablagerungen im Gehirn bekämpfen. Doch Breunig warnt vor zu viel Euphorie. Zum einen gibt es noch keine Langzeitstudien, zum anderen sei «der Behandlungsaufwand hoch und die Kosten teuer, vergleichbar mit einer Krebserkrankung». Und wirklich geheilt werde man so auch nicht.
Demenz gefährdet Beziehung
Ist jemand an Demenz erkrankt, so ist er auf eine gute Behandlung angewiesen. Dazu gibt es ganz viele Angebote – sei es durch die Spitex, die Pro Senectute oder auch durch stationäre Angebote. So bietet die Pro Senectute Demenzberatung an, die sich besonders auch an Angehörige richtet. «Denn Demenz ist mehr als nur Vergessen. Eine Demenz verändert eine Beziehung oder Partnerschaft», weiss Susanne Briellmann von der Pro Senectute Aargau. Ziel der Beratung sei es, Halt zu geben und die Faktoren der Belastung zu mindern, etwa durch das Angebot des Entlastungsdiensts oder durch finanzielle Unterstützung. «Es braucht viel Geduld im Umgang mit Dementen. Der ganze Alltag wird verlangsamt. Das kann bei Angehörigen zu Stress und Erschöpfung führen», erklärt die Beraterin. Darum versuche man, mit den Angehörigen zusammen ein Helfernetz aufzubauen. «Auch mit einer Demenzerkrankung ist eine gute Lebensqualität möglich, wenn dieses Netz funktioniert.»
Auch die Spitex leistet viel Unterstützung, wie Karin Lachenmeier berichtet. «Unsere Mitarbeiterinnen sind geschult zu diesem Thema», betont die Geschäftsführerin der Spitex am Puls in Villmergen. Das betreffe besonders auch den Umgang. Mit den Betroffenen, die unter Umständen aggressiv und laut auftreten. «Das darf man nicht persönlich nehmen, dieses Verhalten ist der Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses.» Aber auch im Umgang mit den Angehörigen, «denn diese nehmen eine sehr wichtige Rolle ein», so Lachenmeier. Das zeigen auch die Zahlen des Bundes. Demenz verursacht jährliche Kosten von 11,8 Milliarden Franken, fast die Hälfte davon umfasst unentgeltliche Pflegeleistungen.
Wichtig sei, dass jeder Fall individuell angeschaut werde, denn jeder Fall sei anders, so die Leiterin der Spitex. Darum sei es enorm wichtig, die Biografie des Betroffenen zu kennen. «Demente Personen brauchen einen Rahmen, Strukturen und Rituale. In vielen Fällen auch eine reizarme Umgebung», erklärt Lachenmeier. Eine Wohnung, in der dauernd der Fernseher laufe, sei da Gift. Nicht immer sei aber eine Betreuung zu Hause möglich. Dies etwa, wenn Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt, ein Betroffener immer wegläuft oder keine Angehörigen in der Nähe wohnen. In solchen Fällen kann die Spitex beratend und abklärend zur Seite stehen.
Obere Mühle prüft Aufbau einer Demenzabteilung
Oft kommt es dann zu einem Heimeintritt. Etwa in die Obere Mühle in Villmergen. «Ein Heimeintritt bedeutet aber nicht, dass man zu Hause versagt hat», machte Brankica Dubravac deutlich. Sie ist Bereichsleiterin Pflege in der Oberen Mühle und kennt sich bestens aus im Umgang mit Betroffenen. «Oft wird die Demenz erst nach dem Eintritt festgestellt. Unser Ziel ist es, die noch vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen möglichst lange zu erhalten», sagt sie. Dabei gehe es um Sicherheit, Stabilität und Orientierung im Alltag. «Unser oberstes Credo ist, die Betroffenen mit Würde zu behandeln», so die Leiterin Pflege. Dies auch, wenn Situationen schwierig werden. «Menschen mit Demenz reagieren emotional, nicht rational. Das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten», erklärte Dubravac.
Aktuell verfügt die Obere Mühle über keine Demenzabteilung. Das kann zu Problemen im Alltag einer Wohngruppe führen. «Da der Anteil der Betroffenen zunimmt, müssen wir uns überlegen, eine spezialisierte Abteilung zu schaffen», machte Dubravac deutlich. Diese unterliege aber heute klaren Vorgaben – so braucht es etwa einen direkten Zugang zum Garten. Auch in anderen Bereichen prüft das Alterszentrum neue Angebote, etwa im Bereich der Tagesbetreuung. «Wenn wir den Angehörigen Entlastung bieten, können die Betroffenen länger zu Hause bleiben.»
Eines betonen alle vier Referenten. Je früher die Krankheit entdeckt wird, desto mehr kann noch getan werden. «Wir müssen früher hinschauen und im Austausch sein», betonte Geschäftsleiter Walter Cassina. Und: Auch demente Menschen haben ein Anrecht auf ein Leben in Würde. Auch dann, wenn sie zur Belastung werden. Ein Abend wie dieser kann dabei helfen.

