Wohnraum für Luftakrobaten
17.03.2026 Kelleramt, Natur, RottenschwilIn Rottenschwil finden die gefährdeten Mehlschwalben Bedingungen, die ihnen zusagen
Sie kündigt traditionell den Frühling an. Allerdings wird die Mehlschwalbe in der Schweiz immer seltener. Eine erfreuliche Ausnahme stellt die Kolonie in Rottenschwil dar. ...
In Rottenschwil finden die gefährdeten Mehlschwalben Bedingungen, die ihnen zusagen
Sie kündigt traditionell den Frühling an. Allerdings wird die Mehlschwalbe in der Schweiz immer seltener. Eine erfreuliche Ausnahme stellt die Kolonie in Rottenschwil dar. Hier wächst die Population. Vor der Rückkehr der Langstreckenzieher wurden ihre Kunstnester nun gereinigt und ergänzt.
Thomas Stöckli
Ausgerüstet mit Handschuhen, Schutzbrille und Schutzmaske fahren Roland Temperli, Fachspezialist Naturschutzunterhalt und Lukas Rupp, Praktikant, mit der hydraulischen Arbeitsplattform unter das Vordach des Werkhofs des kantonalen Departements Bau, Verkehr und Umwelt in Rottenschwil. Hier werden ab Anfang April wieder Mehlschwalben erwartet. «In einer der grössten Kolonien in der Region», wie Temperli betont.
Beeindruckende Flugmanöver
Schwalben gelten als Frühlingsboten und zuweilen als Glücksbringer. Die kalten Monate haben die Langstreckenzieher mit der dekorativen Schwarz-Weiss-Musterung weit im Süden verbracht, jenseits der Sahara. Nach dem kräftezehrenden Retourflug werden sie auf dem Werkhof-Areal in Rottenschwil wieder ihre Nester beziehen und mit ihren akrobatischen Flugmanövern erfreuen. «Es ist beeindruckend, wie sie im Flug abrupte Richtungswechsel vornehmen und auch mit Schwung an ihr Nest fliegen», sagt Roland Temperli.
Die Mehlschwalben brüten in Kolonien. Die Nester bauen sie nach Möglichkeit selbst, Stück für Stück aus rund 700 bis 1500 einzelnen Lehmklümpchen. Dazu erleichtern ihnen Leisten im Freien unter dem Vordach die ein- bis zweiwöchige Arbeit. Fehlt es an zugänglichem lehmig-feuchtem Baumaterial, nutzen sie allerdings auch gerne die eigens bereitgestellten Kunstnester. Wichtig sind dabei der Witterungsschutz und eine freie Anflugschneise.
Bis zu 50 Nester besetzt
Im Gegensatz zu den Naturnestern, die mit der Zeit austrocknen und herunterfallen, halten die Kunstnester aus dauerhaftem Holz-Beton über Jahrzehnte. Damit sich darin nicht zu viele Parasiten ansammeln, müssen sie deshalb alle paar Jahre gereinigt werden. Dieses Jahr war wieder Schwalbennest-Putzete angesagt. Die beiden Männer beschränken sich auf eine mechanische Reinigung mit Bürste und Stab. Zum Vorschein kommt ein verfestigtes Gemisch aus Federn, Sand und Kot. «Zuweilen findet man auch mal einen toten Jungvogel», sagt Temperli.
Mehlschwalben können über zehn Jahre alt werden, wobei rund 50 Prozent der Altvögel das Winterhalbjahr nicht überleben. Entgegen den nationalen Trends – die Mehlschwalbe figuriert auf der Roten Liste potenziell gefährdeter Arten – sind die Bestände in Rottenschwil konstant bis leicht steigend. Hier finden die Vögel noch den Brutplatz, der sonst rar geworden ist. Dazu eine offene, naturnahe Umgebung mit einheimischen Bäumen und Sträuchern, vielfältigen Wiesen und offenen Gewässern. «In den letzten beiden Jahren hatten wir bis zu 50 besetzte Nester. «Ich hoffe, das bleibt so und geht weiter aufwärts», sagt Temperli.
Gewusel unter dem Vordach
Bald wird es wieder wuseln am Vordach des Werkhofs in Rottenschwil. Für eine Brut von vier Jungvögeln müssen die Elterntiere rund 200 000 Fluginsekten fangen, was rund einem Kilogramm entspricht. Dazu fliegen sie das Nest über 200-mal pro Tag an. «Ich habe keinen Lieblingsvogel, aber die Mehlschwalbe ist sicher unter meinen Top Ten», sagt Roland Temperli und schwärmt von der besonderen Atmosphäre, welche die hübschen Flugakrobaten an seinem Arbeitsort erzeugen. Und nicht nur da: An der Scheune neben dem Wohnhaus seiner Schwiegereltern hat er die Mehlschwalben erfolgreich wieder mit Kunstnestern angesiedelt. Dort wo Spuren von Lehmklümpchen darauf hinwiesen, dass da früher mal gebrütet wurde.
Doch zurück zum Werkhof in Rottenschwil. Auf diese Saison hin hat Roland Temperli mit Lukas Rupp hier acht zusätzliche Kunstnester montiert. «Ich bin gespannt, was der Frühling bringt und bin zuversichtlich, dass aus den zusätzlichen Nestern schon bald einmal hungrige junge Mehlschwalben zu hören und zu sehen sein werden.»
Weitere Infos zur Mehlschwalbe und wie man diese Flugakrobaten unterstützen kann, sind auf der Website der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach zu finden: www.vogelwarte.ch/mehlschwalbe.



