Auf Eis gelegt

  27.03.2026 Bob, Sport

Eiskönigin tritt ab

Melanie Hasler zieht sich aus Bobsport zurück

Nach Olympia musste sie sich entscheiden, wie es weitergeht. Das hat Melanie Hasler nun getan – und geht neue Wege.

Sie kann es selbst noch gar nicht richtig fassen, aber sie weiss, dass es das Richtige ist. Melanie Hasler aus Berikon verabschiedet sich aus der Bob-Welt. «Ich liebe den Bobsport. Aber es sind zu viele Dinge, die es schwierig machen. Jetzt, wo es raus ist und der Moment des Abschlusses gekommen ist, schmerzt es dennoch», so die 27-Jährige. Die nächste und übernächste Saison wird Hasler den Bobsport nicht betreiben. Ein Hintertürchen für die Zukunft lässt sie sich aber offen. «Ich beobachte die Entwicklung genau. Falls sich etwas tut, wer weiss, vielleicht wage ich es dann nochmals.» --red


Die Olympionikin Melanie Hasler beendet ihre Bob-Karriere

Geht die Karriere im Eiskanal weiter oder nicht? Melanie Hasler war hin- und hergerissen. «Aber eigentlich kannte ich innerlich die Antwort schon», sagt die Berikerin. Die erfolgreichste Schweizer Bobpilotin aller Zeiten hört nun auf. Die 27-Jährige nennt mehrere Gründe für diesen Entscheid.

Stefan Sprenger

Das Gespräch mit Melanie Hasler ist für einmal nicht locker, nicht fröhlich. Gefasst erklärt sie, dass sie den Bobsport aufs Eis legt. Sie hat eine Pround Kontra-Liste gemacht. «Und eine Seite war gewichtiger als die andere», sagt sie. Melanie Hasler war innerlich zerrissen, «doch ich wusste es tief in mir drin. Dennoch war der Entschluss schwierig, weil es mit einem Abschluss verbunden ist.»

Momente, die im Verborgenen geschehen

Einst war sie begnadete Volleyballerin, besuchte die Sportschule, war auf bestem Weg, eine Profispielerin zu werden. Vor rund acht Jahren wechselte sie die Sportart. Ihre gewaltige Sprungkraft und König Zufall führten sie in den Bobsport. Nach ihrer ersten Fahrt im Eiskanal war sie begeistert und entwickelte Träume. Die Teilnahme an Olympia, Medaillen an Grossanlässen. Heute darf sie zurückblicken auf eine sagenhafte Karriere. Im Mono- und Zweierbob schafft sie es im Weltcup mehrmals auf das Podest, sie nimmt zwei Mal an Olympia teil (2022 und 2026) und holt vier Mal ein Olympisches Diplom. Und es ist noch nicht lange her, da wurde sie in St. Moritz Doppel-Europameisterin. «Es gab ganz viele Dinge, die Spass machten. Aber es gab eben auch andere Momente. Mentale Punkte, interne Dinge, die einfach viel Kraft rauben», erklärt Hasler. Es sind Momente, die eher im Verborgenen geschehen.

Material, Finanzen und vielle

Mental ist der Bobsport eine grosse Herausforderung. Oft musste Melanie Hasler auch schwierige Momente überstehen. Sie hat ein Umfeld, das sie trägt. Ihre Familie, ihr Freund Michael Vogt (ebenfalls Bobpilot) und ihr Bobteam. Aber dennoch erlebt die Freiämterin in den letzten sechs Jahren im Weltcup Momente, auf die sie gerne verzichtet hätte. Hinzu kommt die sportliche Dominanz der USA und Deutschland. Aufgrund des Materialvorteils haben diese beiden Nationen immer einen Vorsprung, den Hasler mit Einsatz, Fahrgeschick und Physis versucht wettzumachen. Oftmals vergeblich. «Ich will mich nicht immer mit den Plätzen hinter dem Podest begnügen. Ich will nicht immer die Nummer 1 sein hinter Deutschland und den USA», sagt Hasler. Denn dies war sie in den letzten Jahren genug. «Das ist frustrierend.»

Nach Olympia in Italien hiess es, möglicherweise gibt es vermehrt einheitliche Teile bei allen Schlitten. So würde die Dominanz aufhören – oder zumindest stark eingeschränkt werden. Der internationale Bobverband will dies aber nun doch bis nach Olympia 2030 aufschieben. Und weil viele Sportler im Vier-Jahres-Rhythmus denken – wegen Olympia – ist nun der richtige Zeitpunkt, um sich zu entscheiden, wie es weitergeht. «Ob ich dies nochmals will oder nicht», sagt Hasler. In ihrem Fall lautet die aktuelle Antwort klar: Nein.

Hintertür bleibt offen

Die nächste und übernächste Saison wird sie den Bobsport nicht betreiben. Ein Hintertürchen für die Zukunft lässt sie sich offen, falls beim Verband ein Sinneswandel passiert. «Ich beobachte die Entwicklung genau. Falls sich etwas tut, dann wer weiss, vielleicht wage ich es nochmals. Sag niemals nie», meint Hasler.

Auch die finanziellen Aspekte sind ein Grund zum Aufhören. Hasler darf aufgrund ihrer Erfolge mittlerweile auf einige treue Sponsoren zählen, «und es wäre in Zukunft sicherlich möglich gewesen», wie sie erklärt.

Doch auch dies ist ein steter Kampf. Ebenfalls in ihre Entscheidung reingespielt hat die Situation ihrer Anschieberin Nadja Pasternack, die eine Pause will. Mit Muswama Kambundji hätte sie zwar eine zweite starke Anschieberin, «doch leider überwiegen die vielen negativen Punkte, die mich zum Entschluss bringen, dass ich aufhöre».

«Vielleicht studiere ich bald»

Nach Olympia in Italien liess sie sich bewusst etwas Zeit um nachzudenken. «Es hat sich so entwickelt. Doch jetzt, da der Zeitpunkt des Abschlusses gekommen ist, schmerzt es trotzdem. Ich würde eigentlich gerne weitermachen, ich liebe den Bobsport, ich liebe es, mit dem Bob den Eiskanal runterzufahren.

Aber zu viele Dinge machen es zu schwierig. Das Verhältnis stimmt nicht.»

Melanie Hasler möchte sich auch weiter- und umbilden. Sie will an die Zürcher Kunsthochschule und ihre gestalterische Ader ausleben. Als aktive Pilotin wäre dies nicht möglich. «Vielleicht studiere ich bald, das wäre cool», blickt sie positiv voraus.

Traum von Sommer-Olympiade

Hasler wäre bald im Besitz der höchsten Karte von Swiss Olympic, zudem ist sie im Zeitmilitär angestellt. Eigentlich beste Voraussetzungen, um sportlich weiterzumachen. «Ich weiss, dies war auf der Pro-Seite meiner Liste», sagt sie – und lächelt doch ein wenig. Dennoch ist sich Hasler sicher, dass sie die richtige Entscheidung trifft. Melanie Hasler wird aber weiterhin Sport treiben. «Ich bin und bleibe eine Athletin.» Ein wenig geheimnisvoll lässt sie verlauten, dass sie davon träumt, «einmal an einer Sommer-Olympiade zu starten». In welcher Sportart, das behält sie für sich. Nach dem Volleyball und Bob wäre es die dritte Sportart, bei der sie sackstark unterwegs ist. Und wer Melanie Hasler kennt, der weiss, dass man ihr dies allemal zutrauen kann. Denn falls sie die Entscheidung fällt, hat sie auch den eisernen Willen und Fleiss, dies durchzuziehen und ihre Träume zu verfolgen.


Die Erfolge von Hasler

Sie war auf dem Weg zur starken Volleyballerin, doch wechselte 2017 in den Bob. In der ersten Saison als Anschieberin, ab 2018 als Pilotin. Nach Podestplätzen im Weltcup und der Bronzemedaille an der U23-WM startete sie erstmals 2020 in einem Weltcup-Rennen. Danach etablierte sie sich immer mehr als feste Grösse im internationalen Bobsport. Ihre Weltcup-Bilanz: Im Monobob holte sie drei Mal den 2. Rang, im Zweierbob war es zwei Mal der 2. Rang und fünf Mal der 3. Rang. In der Saison 2023/24 holte sie die Kristallkugel (3. Rang) in der Kombi-Gesamtwerung (Mono- und Zweierbob).

An Europameisterschaften holte Melanie Hasler zudem zahlreiche Medaillen: Bronze, zwei Mal Silber und 2026 krönte sie sich zur Doppel-Europameisterin. Hasler nahm 2022 in Peking und 2026 in Milano/Cortina an den Olympischen Spielen teil und holte sich in jedem Rennen ein Olympisches Diplom (total 4). Durch all diese Erfolge krönte sich die Berikerin zur besten Pilotin der Geschichte des Schweizer Bobsports. --red


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