Gekocht für die kleinste Armee
05.06.2026 Bünzen, Muri, Region OberfreiamtAm Puls des Vatikans
Der einstige Bünzer Vizeammann Geri Müller kochte in der Küche der Schweizergarde
Abwaschen, Gemüse schnippeln und dabei einmalige Einblicke in den Alltag im Vatikan erleben. Genau das hat Geri Müller während eines Monats getan. Und in einem Jahr wagt er dieses Abenteuer wieder.
Annemarie Keusch
Menschen, überall Menschen. Rund 20 Sekunden dauert das Video, das Geri Müller auf seinem Handy zeigt. Zu sehen sind unendlich viele Menschen. Und eine Schlange, die scheinbar kein Ende nehmen will. Sie warten, um den Vatikan, die Basilika zu besichtigen. Stundenlang stehen sie in der Reihe. «Manchmal war es sogar schwierig, die Strasse zu queren», erzählt Geri Müller. Die Strasse, die die Kaserne der Schweizergarde vom Bistro trennt, wo er sich jeweils einen Apéro gönnte. «Die Menge an Menschen, an Gläubigen, das war enorm eindrücklich», erinnert sich Müller.
Seit seinem Einsatz im Oktober ist schon einige Zeit vergangen. Doch die Bilder aus der Stadt Rom sind präsent – nicht nur auf dem Handy. «Während des ganzen Monats war ich aber nicht ein einziges Mal beim Trevi-Brunnen», sagt der einstige Bünzer Vizeammann und lacht. Er genoss die Stadt abseits der grossen Touristenmassen. «Und in der ersten Woche des Einsatzes blieb am Abend kaum mehr Energie, die Stadt zu erkunden.» Denn Müller reiste nicht als Tourist nach Rom.
Idee via Gardist Lorenz Keusch aus Boswil
Für einen Monat half er in der Küche der Schweizergarde. «Wie das zustande kam? Über Lorenz Keusch.» Der
Boswiler ist seit Jahren mit zwei von Müllers Neffen befreundet. Und Keusch ist seit 26 Jahren Teil der Schweizergarde, mittlerweile im Dienstgrad des Hauptmanns. «Vor zwei Jahren war ich mit einem meiner Neffen in Rom. Natürlich besuchten wir auch den Vatikan und Lorenz Keusch», erzählt Geri Müller. Dessen Bemerkung, dass man immer wieder Leute suche, die in der Küche aushelfen, blieb dabei nicht unerhört.
Müller erinnert sich an eine aussergewöhnliche und eindrückliche Zeit. Gefallen hat es ihm derart, dass er in einem Jahr gleich wieder geht.
Geri Müller erzählt von seinem Einsatz für die Schweizergarde
Einen Monat in der Küche des Vatikans. Geri Müller hat das erlebt. Er spricht von interessanten Begegnungen und Gesprächen – mit Gardisten, mit Pilgern. Und er erzählt von seiner Beziehung zum Glauben und seinen Eindrücken aus dem Vatikan.
Annemarie Keusch
Eng sind die Verbindungen ins Freiamt nicht mehr. «Vor allem noch geschäftlich», sagt Geri Müller. Nach wie vor ist er bei der Brumma AG und bei der Estrahit AG berufstätig. «Immer reduzierter», meint er und lacht. Die Kontakte sonst ins Freiamt werden ausserhalb der Familie seltener. «Ich verfolge kaum mehr, was in Bünzen passiert. Mein Lebensmittelpunkt hat sich verschoben.» Einst war Müller Vize ammann von Bünzen, gründete und prägte den örtlichen Theaterverein. Seit sieben Jahren aber lebt er mit seiner Partnerin in Gränichen. «In der Zwischenzeit ist auch die pastorale Vertretung in Bünzen nicht mehr dieselbe.» Warum das wichtig ist? Weil Müller für seinen Einsatz in der Küche der Schweizergarde die Empfehlung eines Pfarrers brauchte.
Aber von vorne. Geri Müller bezeichnet sich weder als «Muster-Christ», noch als «Muster-Katholik». Aber der Glauben gehört zu ihm, «Von Anfang an.» Müller erinnert sich an die Zeiten als Ministrant in Bünzen. An Pfarrer Schmidlin und Pfarrhelfer Rast. Zweiterer sei Feldprediger im Militär gewesen. «Wenn wir die Hausaufgaben für die Christenlehre nicht gemacht hatten, musste nur jemand zu Beginn der Lektion eine Frage zum Militär stellen und wir waren gerettet.» Als Kind und Jugendlicher habe er nur positive Erinnerungen an den Glauben. Später gerieten diese ins Wanken, etwa durch die veröffentlichten Missbrauchsskandale. «Ich war zutiefst geschockt und enttäuscht. Und natürlich verurteile auch ich das.» Was Müller hingegen nie tat: der Kirche den Rücken kehren. «Weil ich auch weiss, wie viel Gutes sie tut.» In den Gassenküchen in der Schweiz, in den abgelegensten Dörfern des Kontinents Afrika, den er seit 1979 leidenschaftlich gerne bereist.
Empfehlung von Gardist und von Seelsorgerin
Geri Müller ist diese Einordnung wichtig. Denn unkritisch ist er nicht. Dennoch bedeutet ihm der Glauben etwas, fasziniert ihn der Vatikan. Fast zwei Jahre sind vergangen, seit er mit drei Kollegen beschloss, dort einen ganz speziellen Einsatz zu leisten. Zwei Wochen als Cantinieri und einen Monat in der Küche. «Wir mussten ein offizielles Bewerbungsverfahren durchlaufen», erzählt Müller. Samt Bewerbungsschreiben. «Das habe ich zuletzt wohl vor 40 Jahren gemacht.»
Und eben, samt Empfehlungen. Jene von einem Gardisten war einfach. Schliesslich besuchte Müller den langjährigen Gardisten Lorenz Keusch aus Boswil schon mehrmals in Rom. Aber es musste auch die Empfehlung eines Seelsorgers oder einer Seelsorgerin her. «Via Kontakte meiner Partnerin, die einst im Vorstand eines Frauenbundes mitwirkte, gelang auch das.»
Bei der Vereidigung der neuen Gardisten
Ende September letzten Jahres reisten die vier Männer dann nach Rom. Zwei Tage, mit dem Auto, samt Cervelat, Käse und Mohrenköpfen im Gepäck. «Wir waren bestens vorbereitet», sagt Geri Müller und lacht verschmitzt. Schliesslich stand im Vertrag, dass ein Anzug mitzubringen sei, samt unauffälliger Krawatte. Müller merkte schnell warum. Schliesslich war wegen des Todes des Papstes im Frühjahr die Vereidigung der neuen Schweizer Gardisten in den Oktober verschoben worden. «Ein einmaliges Erlebnis. Die Kaserne platzte aus allen Nähten.» Dass er während zwei Tagen das Zimmer teilen musste, ist für ihn bloss eine Randbemerkung. «Auch der Papst war bei der Vereidigung dabei, zum ersten Mal seit 57 Jahren. Es war förmlich spürbar, wie speziell dies war.» Die Ansprache von Bundesrätin Karin Keller-Suter an die Gardisten hörte er später via Zimmerfenster mit.
Primär aber war Geri Müller zum Helfen im Vatikan. Der Einsatzort: die Küche. Seit einigen Jahren führen fünf polnische Schwestern dort das Zepter.
Vier von ihnen sind immer im Einsatz, hinzu kommen zwei Helfer. «Ich habe gehört, dass das Team bald um einen professionellen Koch ergänzt werden soll», sagt Müller. Als er im Oktober im Vatikan war, war dem aber noch nicht so. Von 8.30 bis 14.30 Uhr war er jeweils im Einsatz. «Eigentlich wäre noch eine Abendschicht eingeplant gewesen, aber wir waren jeweils so schnell, dass diese gar nicht notwendig war», sagt er und lacht. Platten fürs Frühstück vorbereiten, das tägliche Salatbuffet, Menüs für das Mittag- und das Abendessen. Alles wird vor Ort gekocht. «Wie viele Kilogramm Fleisch ich geschnitten und Gemüse ich gerüstet habe, weiss ich nicht.» Müller erzählt vom gesunden Appetit der Gardisten. Und von der Dankbarkeit, die seitens der jungen Männer deutlich spürbar gewesen sei.
Neue Kaserne ist ein stetes Thema
Assistieren, das war das eine. Aber Geri Müller konnte auch selbst Ideen einbringen. Aus den Cervelats und dem Käse wurde beispielsweise ein Wurstsalat. Risotto oder Kartoffelgratin waren weitere seiner Kreationen. Was er aber noch viel mehr schätzte als das Kochen, war der Austausch. Innerhalb der Küche, vor allem aber mit den Gardisten. Über ihre Motivation, ihre Pläne, ihre Herausforderungen.
Letztere liegen einerseits in der in die Jahre gekommenen Kaserne. Müller erzählt von grauen Wänden, auch in seinem Zimmer. Von wenig Platz, auch in der Küche. Von Infrastruktur, die in die Jahre gekommen ist. Nur, zahlen will eine neue Kaserne weder der Vatikan noch die Schweizer Kantone. «Dabei braucht es diese Investition unbedingt. Es muss dringend etwas passieren. Die Gardisten sind längst top ausgebildete Personenschützer, die unser Land tagtäglich vor einem riesigen Publikum repräsentieren.» Die Kaserne genüge den Anforderungen einfach nicht mehr. Fortsetzung diesbezüglich folgt.
Gleiches gilt für Geri Müllers Einsatz in der Küche der Schweizergarde. In einem Jahr wird er weitere zwei Wochen dort verbringen. «Ich freue mich. Die Kombination von Ordnung, Disziplin und Lockerheit ist einzigartig.» Der Alltag im Vatikan ebenfalls.




