«Das ist kein Wohler Phänomen»

  21.07.2026 Wohlen

Interview mit Corina Haller zu ihrer Masterarbeit «Der Niedergang der Stroh- und Hutgeflechtindustrie im Freiamt»

Die Strohindustrie erlebte Blütezeiten, aber auch den Niedergang. Lokalhistorikerin Corina Haller hat sich des Endes angenommen. «Unsere Gesellschaft erzählt viel lieber über Erfolg, Wachstum und Pioniergeist als über Bankrott und Verlust», sagt sie dazu.

Daniel Marti

Sie schreiben in Ihrer Arbeit: Die Entstehung der Strohindustrie im Freiamt kennt man nicht genau. Warum ist das so?

Corina Haller: Die Strohflechterei entwickelte sich schrittweise aus einem bäuerlichen Handwerk, das zu Beginn kaum schriftliche Quellen hinterliess. Geflochten wurde zunächst für den Eigengebrauch, etwa als Sonnenschutz bei der Feldarbeit. Erst als daraus ein regelmässiger Handel und später ein organisiertes Verlagssystem entstand, hinterliess die Tätigkeit schriftliche Quellen, beispielsweise in Geschäftsbüchern. Hinzu kommt, dass die älteren Erklärungen aus der Literatur bezüglich Herkunft voneinander abweichen: Die eine Geschichte besagt, Reisläufer hätten die Technik aus der Toskana mitgebracht; Hans Lehmann nimmt hingegen an, die Herstellung von Strohhüten sei aus dem Schwarzwald ins Freiamt gelangt. Keine der Thesen lässt sich laut meinem Wissensstand «beweisen» – aber das finde ich gerade das Spannende, dass es mehrere Versionen gibt.

Um welche Jahre konnte es am ehesten gewesen sein, ist eine Einordnung möglich?

Eine zeitliche Einordnung ist dennoch möglich: Um 1662 wurden in der Umgebung des Klosters Hermetschwil sogenannte «Schinhüte» als Zinszahlung akzeptiert. 1748 erschien in Unterlagen des Klosters Muri erstmals die Berufsbezeichnung «Strohhutflechter». Die Wurzeln der Strohflechterei reichen mindestens ins 17. Jahrhundert zurück; ein stärker organisierter Handelszweig entstand aber erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Es gab dann kurz die Handelsgesellschaft Wohler und Co mit dem Hauptsitz im «Bären» in den Jahren 1839/1840. Die wurde bald wieder aufgelöst. Worauf lässt das schliessen, waren die Wohler Strohunternehmen eher Konkurrenten oder legte man auch Wert auf Zusammenarbeit?

Bereits 1786 verpflichteten sich acht Geflechthändler, gemeinsam mit Geflechten, Strohhüten und weiteren Waren zu handeln. Verluste durch Diebstahl oder andere Schäden sollten gemeinsam getragen werden. Auch 1812 schlossen sich Jacob Isler und Wohler zusammen, zeitweise war auch Martin Bruggisser beteiligt. Kooperation gehörte demnach von Beginn an zur Geschichte der Branche, so auch das von Ihnen genannte Beispiel 1839/1840. Den konkreten Trennungsgrund nennen die von mir konsultierten Quellen nicht – dies wäre jedoch spannend herauszufinden.

Zu zwei verschiedenen Höhepunkten. Pfarrer Alois Röthelin hat in den 1830er-Jahren geschrieben: Die Fremden aus allen Nationen Europas kommen nach Wohlen. Er betitelte Wohlen als eine Weltstadt. Können Sie das ausführen, war Wohlen tatsächlich eine Weltstadt?

Wohlen als Weltstadt zu bezeichnen, würde aus demografischer sowie städtebaulicher Sicht natürlich zu weit gehen. Um 1800 lebten nur etwa 1400 Menschen hier in Wohlen ... Röthelins Formulierung ist natürlich von lokalem Stolz geprägt. Trotzdem trifft sie auf die Veränderung, die Wohlen durchgemacht hat, irgendwo durch dennoch zu: Wohlen veränderte sich vom «Bauerndorf» zu einem Dorf, in dem neue Gasthöfe entstanden, Geschäftsleute reisten nach Wohlen und Wohlen entwickelte sich als vernetzter Handelsplatz. «Chly Paris» war bezüglich der Dimensionen sicher etwas «Bluff». Solche «Bluffs» wurden ja immer wieder gerne gemacht, man denke beispielsweise an die Postkarte des Walser-Areals mit der überdimensionierten Parisstrasse. Was aber die wirtschaftliche Reichweite anging, war die Bezeichnung schon passend. Wichtig ist hervorzuheben, dass Wohlen nicht die einzige Metropole der Strohverarbeitung war.

Zweiter Höhepunkt. Die Firma Jacob Isler und Co gründete 1852 in New York eine Filiale – aus heutiger Sicht hätte das eine riesige Bedeutung. Wie war das damals, war man sich der grossen Bedeutung bewusst oder war man sogar neidisch?

Die Bedeutung des Auslands war – zumindest den Wohler Industriellen – schon bewusst. Sie sorgten dafür, dass ihre Nachkommen Fremdsprachen lernten, längere Zeit im Ausland verbrachten und persönliche Netzwerke aufbauten. M. Bruggisser & Co. unterhielt bereits 1845 ein Verkaufslager in New York, nach und nach waren alle grossen Freiämter Firmen in Amerika präsent. Ob andere Unternehmer neidisch waren, lässt sich aus den von mir konsultierten Quellen nicht beantworten.

Zu welcher Zeit war Wohlen tatsächlich der internationale Mittelpunkt der Strohindustrie? Wie gross war die Ausdehnung effektiv und womit ist das heute allenfalls vergleichbar?

Die stärkste internationale Stellung erreichte Wohlen vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die 1920er-Jahre. Um die Wende zum 20. Jahrhundert existierten im Kanton Aargau mehr als 100 Unternehmen der Hutgeflechtindustrie. In den 1920er-Jahren beschäftigten rund 30 Firmen zwischen 2500 und 3500 Personen. Die Dimension wird auch an den Exportzahlen sichtbar: Bis zu 98 Prozent der Produktion gelangten in den Export. Allein Georges Meyer & Co. verfügte über rund 70 Vertretungen in Europa und Übersee. Die Hutgeflechtindustrie stellte zeitweise fünf bis zehn Prozent des gesamten schweizerischen Textilexports. Trotzdem war Wohlen nicht das einzige Weltzentrum: Luton und Florenz bildeten beispielsweise weitere wichtige Standorte.

Verschiedene Firmen stellten in den 1970ern den Betrieb definitiv ein. Haben die Firmen selber den Niedergang gut dokumentiert oder haben das die Firmen eher stiefmütterlich behandelt?

Die Überlieferung ist ziemlich ungleich. Gut dokumentiert ist der Stolz der Firmen: Musterbücher, technische Entwicklungen, Auszeichnungen, Jubiläen – alles extrem spannende Quellen, die jedoch auch mit der notwendigen Quellenkritik betrachtet werden müssen. Deutlich schlechter dokumentiert ist jedoch das eigentliche Scheitern, wobei das kein ausschliessliches Wohler Phänomen ist. Auch die Geschichtsforschung zeigt, dass, wenn Betriebe liquidiert werden, dann vielfach auch deren Archive verloren gehen. Der Niedergang wurde zudem auch weniger systematisch dokumentiert als die Blütezeiten.

Über den Niedergang der Strohindustrie in Wohlen sprach man nicht so gerne. Er war aber Realität. Warum ist das so? Wollte man so den ehemaligen Erfolg nicht beeinträchtigen?

Eine eindeutige Antwort ist schwierig, weil diese Art von Motiven selten ausdrücklich festgehalten wurde. Die Quellen sprechen jedoch für eine selektive Erinnerung. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten, im Dorf sei kaum über den Niedergang gesprochen worden. Als Ursachen für den Niedergang nennen Artikel aus dem «Wohler Anzeiger» vor allem äussere Faktoren wie Absatzkrise, Weltwirtschaft und Mode. Firmeninterne Strukturen oder konkrete Verantwortlichkeiten blieben weitgehend ausserhalb der öffentlichen Diskussion. Wahrscheinlich wirkte eine Mischung verschiedener Faktoren: Die Strohindustrie war eng mit dem Selbstbild Wohlens und mit bekannten Familien verbunden. Eine offene Debatte über Fehlentscheide hätte nicht nur Unternehmen, sondern auch lokale Beziehungen und persönliche Lebensgeschichten berührt. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft von Erfolg, Wachstum und Pioniergeist lieber erzählt als von Bankrott, Verlust und beruflicher Unsicherheit.

Zum Fazit betreffend Niedergang. Einleitend schreiben Sie in Ihrer Masterarbeit, dass der Niedergang massgeblich auf die Veränderungen in der Mode und die Vorlieben der Frauen zurückzuführen ist. Inwiefern stimmt das so?

Diese Aussage gibt die Wahrnehmung mehrerer Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wieder, darf aber nicht als vollständige Erklärung verstanden werden. Es wäre falsch, den Frauen die Verantwortung für den Niedergang zuzuschieben. Aus einer wirtschaftshistorischen Perspektive war der Niedergang multifaktorell: Steigende Produktionskosten, billiger produzierte Geflechte aus China und Japan, Weltwirtschaftskrisen, Kriege, Währungs- und Absatzprobleme sowie teilweise erfolglose Diversifizierungsversuche kamen dazu. Die Modeveränderung verkleinerte sicherlich den Markt, existenzbedrohend wurde sie aber erst im Zusammenspiel mit den übrigen Faktoren.

Ihr Fazit ist zehn Seiten lang. Wenn Sie dieses Fazit auf fünf, sechs Sätze reduzieren sollten, wie lautet es dann?

Aus einer zunächst bäuerlichen Heimarbeit entstand im Freiamt eine exportorientierte Industrie, die Wohlen mit den wichtigsten Mode- und Handelszentren der Welt verband. Ihr Erfolg beruhte auf handwerklichem Wissen, internationalen Familien- und Firmennetzwerken, technischer Anpassungsfähigkeit sowie einer grossen Zahl von Heim- und Fabrikarbeitenden. Gerade die starke Ausrichtung auf den Weltmarkt und die wechselhafte Hutmode machten die Branche jedoch krisenanfällig. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Hut seine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit, wobei zugleich steigende Kosten, internationale Konkurrenz, wirtschaftliche Krisen und teilweise ungenügende Diversifizierung den Druck auf die Unternehmen verschärften. Der Niedergang war kein einzelnes Ereignis, sondern ein jahrzehntelanger Prozess, den Firmen, Beschäftigte und Familien sehr unterschiedlich erlebten und der von den Schliessungen der 1970er-Jahre bis zum Ende der Otto Steinmann & Co. im Jahr 1996 reichte. Als Arbeitgeber ist die Industrie verschwunden, doch in Gebäuden, Begriffen, Erinnerungen, Museumsbeständen und einzelnen weiter bestehenden Betrieben bleibt sie im Freiamt präsent.

Wie wichtig war das Oral-History-Projekt mit den vielen Interviews? Da kam auch eher Unbekanntes ans Tageslicht …

Das Oral-History-Projekt war zentral für meine Arbeit, weil schriftliche Quellen zwar über Firmen, Umsätze, Exportzahlen und Produkte informieren, deutlich weniger aber über den Arbeitsalltag, familiäre Belastungen, Ängste und Anpassungen während des Niedergangs. Diese Einblicke in die Mikrogeschichte können mündliche Quellen bieten. Spannend finde ich die ambivalente soziale Wirklichkeit: Die Interviews berichten einerseits von starkem Maschinenlärm, kaum geschützten Arbeitsplätzen und dem Umgang mit scharfen Chemikalien. Andererseits wurde erst durch die Gespräche deutlich, dass beispielsweise Georges Meyer & Co. eine Betriebskrankenkasse für die ganze Familie anbot und Pensionskassenbeiträge vollständig bezahlte, bevor die zweite Säule obligatorisch wurde.

Dann noch zu den Ausdrücken «Strauschnitt» und «Strohfüür». Sie erwähnen diese Bezeichnungen in Ihrem Vorwort. Beide sind mitverantwortlich, dass das Stroh noch nicht vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden ist. Aber die Gefahr, dass der Ausdruck Stroh aus Wohlen verschwindet, gibt es kaum …

Ich glaube nicht, dass der Ausdruck «Stroh» in absehbarer Zeit aus Wohlen verschwindet, denn dafür sind die Spuren in Wohlen viel zu vielfältig. Jedoch empfinde ich persönlich es so, dass diese Begriffe zwar weiterverwendet werden, während ihr «historischer» Inhalt teilweise verblasst, also die Geschichten dahinter verloren und vergessen gehen. Um dies zu verhindern, haben wir auch die Oral-History-Interviews durchgeführt.


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