«Die Schweizer lieben den ÖV»
19.05.2026 Wohlen, Kultur, VerkehrInterview mit Peter Füglistaler: Der gebürtige Wohler hat das Buch «Die Schweiz fährt vor» geschrieben
Peter Füglistaler, aufgewachsen in Wohlen, ist der absolute ÖV-Experte der Schweiz. Nun hat er sein Wissen im Buch «Die Schweiz ...
Interview mit Peter Füglistaler: Der gebürtige Wohler hat das Buch «Die Schweiz fährt vor» geschrieben
Peter Füglistaler, aufgewachsen in Wohlen, ist der absolute ÖV-Experte der Schweiz. Nun hat er sein Wissen im Buch «Die Schweiz fährt vor» zusammengefasst. Er beschreibt und analysiert den «langen Weg zum besten ÖV-System».
Daniel Marti
Er war in den Jahren 2010 bis 2024 Direkter des Bundesamtes für Verkehr. Dabei hat er die wesentliche Entwicklung des öffentlichen Verkehrs der Schweiz miterlebt und mitgeprägt. nach seiner Pensionierung machte er sich ans Werk, und das Buch «Die Schweiz fährt vor» entstand. Rund ein Jahr dauerte die Arbeit als Autor. Es war sein erklärtes Ziel, aufzuzeigen, was es braucht, damit der öffentliche Verkehr funktioniert und wie es dazu gekommen ist.
Warum haben Sie den Einstieg als Autor gewagt, welches sind die Gründe für dieses Buch?
Peter Füglistaler: Wenn man Informationen zu irgendeiner Schweizer Lokomotive sucht, so findet man viele Berichte und ganze Bücher. Das ÖV-System Schweiz wurde jedoch noch nie umfassend beschrieben. Diese Lücke wollte ich schliessen. Ziel war ein leicht verständliches Buch, das zeigt, was es braucht, damit der öffentliche Verkehr funktioniert und wie es dazu gekommen ist.
Ein Scheitern wurde zum Ausgangspunkt, 1988 lehnte das Schweizer Volk die koordinierte Verkehrspolitik ab. Trotzdem kam es Jahre später zum Erfolg – also auch ein Glücksfall?
Das grosse Glück ist, dass die Schweizer den ÖV lieben. Das hat vieles einfacher gemacht. Das ÖV-System wurde nicht von einem Mastermind erfunden, sondern hat sich über viele Reformschritte entwickelt. Mit Volksabstimmungen und politischen Vorstössen wurde das System weiterentwickelt. Heute würde man dem Schwarmintelligenz sagen. Dazu gehört auch das Scheitern einzelner Vorlagen. Strukturbereinigungen bei den allzu vielen Transportunternehmen oder Wettbewerb unter den Bahnen waren nie mehrheitsfähig.
Die Schweiz hat eines der besten und ein vorbildliches ÖV-System, so Ihre Folgerung. Können Sie das mit ein paar wenigen Sätzen begründen?
Im Unterschied zu vielen anderen Ländern dominiert in der Schweiz der Gedanke des «Service public»: Der ÖV ist da, um den Menschen und der Wirtschaft zu dienen und dies auch in Bergund Randregionen. Und nicht, um möglichst viel Gewinn zu erzielen. Mit der Alpeninitiative von 1994 wurde die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene festgeschrieben. Diesbezüglich sind wir den Nachbarländern weit voraus. Dank dem grossen Rückhalt in der Bevölkerung konnten wir Grossprojekte wie die Bahn 2000 oder Neat finanzieren und haben dadurch ein sehr dichtes und qualitativ hochstehendes ÖV-Angebot.
Sie waren von 2010 bis 2024 Direktor des Bundesamtes für Verkehr. Wie kann man Ihren Anteil am Erfolg und an der Entwicklung des Schweizer ÖV-Systems deklarieren?
Nun wird es etwas peinlich! Selbstverständlich sind viele Ideen von mir eingeflossen. Aber es war nie das Werk eines Einzelnen. Zum Bahninfrastrukturfonds oder zum Verbot lärmiger Güterzüge habe ich sicher wesentlich beigetragen. Oder dass Schulklassen weiterhin günstige Billette beziehen können. Auch die Neat-Eröffnungsfeier habe ich mitgeprägt. Hingegen bin ich mit der Idee, dass Fussballclubs für Schäden im ÖV haften, gescheitert.
Die Entwicklung und die Zusammenhänge werden im Buch ausführlich beschrieben. Das Buch sollte deshalb Pflichtlektüre sein für alle Politmitglieder (national, kantonal, regional). Oder kriegen bedeutungsvolle Politiker ein Gratis-Exemplar?
Alle, die im öffentlichen Verkehr Verantwortung tragen oder sich dafür interessieren, sollten das Buch lesen. Einzelne Politiker haben ein Gratis-Exemplar erhalten und ich hoffe, dass es nicht ungelesen im Bücherregal landet. Den Glauben daran, dass sich Politiker eine eigene Meinung bilden, habe ich in den letzten Jahren jedoch etwas verloren. Allzu viele reichen einfach die Anträge der Lobbyorganisationen ein. Von daher würde ich eine Pflichtlektüre des Buches begrüssen.
«Die Schweiz fährt vor» kann auch ein Ratgeber sein für andere Nationen. Beispielsweise für Deutschland, das mit etlichen Problemen kämpft. Bitte Ihre Meinung dazu.
Die Schweiz ist im ÖV in vielen Bereichen ein Vorreiterland. Wir haben bessere und pragmatischere Lösungen. Im Buch verweise ich in Einschüben auf die Situation in Deutschland und in der Europäischen Union. Diese Vorschläge dürfen gerne kopiert werden. In Deutschland macht nicht einfach die Deutsche Bahn einen schlechten Job, sondern hier fehlt das Geld für eine gute Bahn. Der Staat muss die Voraussetzungen schaffen, damit die ÖV-Unternehmen erfolgreich sein können.
Gemäss ETH-Studie braucht es bis 2045 rund 24 Milliarden Franken für den Bahnausbau in der Schweiz. Wie realistisch ist das?
Dank der gesicherten Finanzierung des Bahnsystems wird das Geld für den Ausbau zur Verfügung stehen. Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Projekte auszuwählen und diese zeit- und kostengerecht umzusetzen. Die Ausbauwünsche sind jedoch viel höher als die 24 Milliarden Franken. Viele werden deshalb enttäuscht sein, dass wir nicht noch mehr machen. So erlebe ich den Kanton Aargau als eher zurückhaltend, wenn es darum geht, wichtige Projekte wie die neue Verbindung zwischen Aarau und Zürich einzufordern. Dieses Projekt wäre viel wichtiger für das ÖV-System als ein Grimseltunnel.
Und wie soll denn das ÖV-System, das heute schon top ist, im Jahr 2045 aussehen?
Das ÖV-Angebot wird weiter ausgebaut und noch dichter. Es wird aber immer schwieriger, sprunghafte Erfolge zu erzielen. Auch 2045 wird der Grossteil des Verkehrs über die Strasse laufen, dann aber hoffentlich elektrifiziert. Entwicklungen wird es im digitalen Bereich geben: Ein Billett brauchen wir nicht mehr zu lösen. Das macht alles das Handy für uns.
Ist bereits ein weiteres Buch in Planung?Beispielsweise «Bahn 2045»?
Nein, ich habe geschrieben, was ich über das ÖV-System weiss. Es liegt nun an der nächsten Generation, den ÖV noch besser zu machen.
Informationen: nzz-libro.ch
Der Inhalt
Die Schweiz verfügt über eines der besten Systeme des öffentlichen Verkehrs, das über die letzten 30 Jahre aus dem Zusammenspiel der staatlichen Instrumente mit leistungsfähigen ÖV-Unternehmen entstanden ist. Es brauchte den faktischen Bankrott der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), nicht finanzierbare Grossprojekte wie die Neue Eisenbahn-Alpentransversale Neat sowie eine legendäre Volksabstimmung, die Alpeninitiative von 1994, damit sich das Schweizer ÖV-System über viele Reformschritte entwickeln konnte.
Das Buch «Die Schweiz fährt vor» zeigt, wie das ÖV-System seit Beginn der 1990er-Jahre gewachsen ist und immer mehr zu einem wirkungsvollen Instrument wurde, um die Mobilität und Logistik eines Landes effizient und ökologisch zu bewältigen.

