«Ja, Wohlen ist ein Hotspot»
13.09.2024 WohlenGesprächsrunde und Fragen aus dem Publikum an die beiden Experten
Gewaltprävention muss früh erfolgen, Zivilcourage sollte fast immer gezeigt werden und Wohlen ist betreffend Jugendkriminalität ein heisses Pflaster. Das sind die Ergebnisse aus der ...
Gesprächsrunde und Fragen aus dem Publikum an die beiden Experten
Gewaltprävention muss früh erfolgen, Zivilcourage sollte fast immer gezeigt werden und Wohlen ist betreffend Jugendkriminalität ein heisses Pflaster. Das sind die Ergebnisse aus der Fragerunde mit Beatriz Gil und Josef Sachs.
«Ganz ehrlich», sagte Jugendanwältin Beatriz Gil, «wir wissen nicht, warum jeweils die Jugendkriminalität sinkt oder steigt.» Man könne nicht immer jeden Trend erklären. Die Risiko- und Schutzfaktoren kennt die Jugendanwaltschaft des Kantons Aargau ganz genau. Die Migration könne zwar eine Rolle spielen bei der Jugendkriminalität, aber sie sei bei Weitem nicht der einzige Faktor. Dies zeigt, dass die Jugendanwältin und Gutachter Josef Sachs nicht jede Frage von Moderator Harry Lütolf schlüssig beantworten konnten. Aber die Themen sind auf grosses Interesse gestossen – auch amtierende Grossratsmitglieder waren beim Podium anwesend oder auch die beiden Wohler Gemeinderätinnen Ariane Gregor und Denise Strasser.
Relativ viel Jugendkriminalität in Wohlen
Die Gewaltdelikte der Jugendlichen in Wohlen in der nahen Vergangenheit «lösen schon eine Alarmierung in der Bevölkerung aus», meinte Sachs. Und das Tötungsdelikt im Juni, offenbar von einem Jugendlichen verübt, hinterlässt jetzt noch tiefe Spuren. «Das ist aussergewöhnlich», betonte Beatriz Gil. Und rein schon deshalb nimmt sie eine klare Wertung vor: «Ja, Wohlen ist ein Hotspot.» Und in Wohlen gebe es relativ viel Jugendkriminalität, fügte sie noch an. Es habe eine Zunahme an Jugendkriminalität gegeben, sagte auch Sepp Sachs. Aber erstens sei ein einziger Fall natürlich nicht repräsentativ, man müsse auch hier vorsichtig sein «und das bitte langfristig betrachten». Und Jugendkriminalität verschiebt sich laufend. Momentan sei der Bahnhof in Brugg ein Hotspot. «Dort, wo viel Drogen konsumiert werden, gibt es viele Probleme.»
Was man denn an den Schulen besser machen könne, wollte ein Besucher wissen. «Es ist nicht so, dass das Problem der Jugendkriminalität an den Schulen liegt», relativierte Sachs. «Den Schulen wird sonst schon genug aufgebürdet.» Oft werde Gewaltprävention an der Oberstufe gemacht, «das ist aber zu spät». Ein Kind müsse spätestens zwischen zehn und zwölf Jahren damit konfrontiert und «geformt» werden.
Sie habe Mühe damit, dass die Migration immer schöngeredet werde, kritisierte SVP-Grossrätin Nicole Heggli-Boder. «Es gibt doch bei der Jugendkriminalität Zusammenhänge mit dem Ausländeranteil.» Man müsse das schon differenziert anschauen, konterte die Jugendanwältin. Man sollte das auch auf verschiedenen Ebenen betrachten. «Keine Migration und die Kriminalität ist gelöst – das ist zu kurz gedacht.» Zudem gibt es laut Sachs zwischen der ersten, zweiten und dritten Generation von Einwanderern deutliche Unterschiede. «Die erste Generation ist um Anpassung bemüht. Und bei der zweiten geht es darum, dass man es zu etwas bringt.»
Die Leiterin der Jugendanwaltschaft erinnerte zudem an wichtige Fakten: «Sicherheit entsteht durch Verbundenheit. Die Abwertung der Jugendlichen ist Gift.» Zudem sei Jugendkriminalität mehrheitlich männlich. Das Verhältnis liegt bei 80 Prozent Männer zu 20 Prozent Frauen. Und noch etwas liegt beiden Referenten am Herzen.
Immer Zivilcourage zeigen
Im internationalen Vergleich «macht es die Schweiz gut», so Sachs. «Wir investieren mehr Geld und sind gut ausgerüstet.» Das Schweizer Jugendstrafrecht wird von Beatriz Gil als «sehr gut» deklariert. «Bei uns wird es als sinnvoll erachtet, erzieherisch einwirken zu können.» Und noch etwas stellte sie klar: «Ein Straftäter fragt vor dem Delikt nicht, werde ich zwei oder vier Jahre Gefängnis kriegen. Der fragt sich nur, werde ich erwischt oder nicht?» Eine höhere Strafe sei eben nicht abschreckend.
Ob man denn einschreiten soll, wenn Grenzen überschritten werden? «Immer», findet die Jugendanwältin, «Jugendliche brauchen und suchen Grenzen. Aber man darf sich nicht selber in Gefahr bringen, sondern besser zwei, drei Passanten ansprechen, die Unterstützung leisten.» Aber Zivilcourage sei immer gut. «Keine Reaktion zu zeigen», so Sachs, «ist wie eine Aufforderung zum Weitermachen.» --dm


