Ungewohntes Terrain
14.07.2026 WohlenPinsel statt Tastatur
Schreiben, Fotografieren, Interviews führen. Themen suchen, analysieren und einordnen. All dies gehört zu unserem Handwerk. Für einmal wagen wir uns in andere Berufe – und geben Einblick in die Erlebnisse. Stefan Sprenger ...
Pinsel statt Tastatur
Schreiben, Fotografieren, Interviews führen. Themen suchen, analysieren und einordnen. All dies gehört zu unserem Handwerk. Für einmal wagen wir uns in andere Berufe – und geben Einblick in die Erlebnisse. Stefan Sprenger versuchte sich als Kosmetiker.
--red
Sommerserie «Redaktoren schnuppern»: Als Kosmetiker im «The Skin Institute» in Wohlen
Exfoliation, Komedogen und Glykolsäure. So viele Fachbegriffe, die ich noch nie hörte. Die Kosmetikbranche ist für mich Neuland. Es ploppen bei dieser kurzen Schnupperzeit spannende Details hervor – als würde man einen Pickel ausdrücken.
Stefan Sprenger
«Redaktoren schnuppern». Die Sommerserie gibt uns Redaktoren die Chance, in ein anderes Metier zu schauen. Ich wollte mich in «The Skin» – gleich neben der katholischen Kirche in Wohlen – als Kosmetiker versuchen. Inhaberin Bettina Leuthold war dabei und hat mir den Beruf erklärt.
Leuthold sagt, sie sieht es einem Menschen sofort an, wie es der Haut geht. Und sie weiss als Profi auch gleich, was zu tun wäre. Ich frage sie, was sie denn bei mir im Gesicht erkennt. «Auf den ersten Blick: Es sieht gut aus. Männer haben durch das Testosteron mehr Talgproduktion – und deshalb mehr Schutz vor Falten und Feuchtigkeitsverlust.» Der Alterungsprozess bei Männern geht langsamer als bei Frauen. Ist dies der Grund, wieso 80 Prozent der Kundschaft bei «The Skin» weiblich ist? Leuthold lacht. «Nicht nur.» Das Bedürfnis nach äusserlicher Pflege ist bei Frauen grösser. «Und Frauen sind auch etwas eitler.»
Wer stellt sein Gesicht zur Verfügung?
Das merke ich auch, als ich ein Modell suche für meine «Schnupperlehre». Die Mitarbeiterinnen bei «The Skin» wollen nicht herhalten – und sind sowieso total ausgebucht. Auch im Umfeld ist es schwierig, jemanden zu finden, der bei einem Kosmetik-Grünschnabel sein Gesicht zur Verfügung stellt. Meine Redaktionskollegin Sabrina Salm lässt sich schliesslich überreden. Unter steter fachkundiger Betreuung durch Bettina Leuthold führe ich bei ihre eine Exfoliation durch, der Fachausdruck für ein Peeling.
Zuerst wird die Haut angeschaut und beurteilt. Ich habe die Aufgabe, meine Kundin zu fragen, ob sie Allergien hat oder Medikamente einnimmt. Nun müsste ich mir eigentlich Handschuhe anziehen. Da es in meiner Grösse keine hat, wasche ich mir die Hände gründlich. Und dann wasche ich das Gesicht meiner Kundin gründlich. Erst eine Oberflächenreinigung, dann wird es mit einem Tonic tonifiziert. Der PH-Wert der Haut muss neutralisiert werden. Anschliessend wird ein Fruchtsäure-Peeling vorbereitet. Währenddessen erklärt mir «The Skin»-Chefin Bettina Leuthold das Komedogen. Es sind die Eigenschaften von Inhaltsstoffen, die den Ausbruch von Pickeln begünstigen können, indem sie die Poren verstopfen. Ich verstehe ganz oft nur Bahnhof.
Es ist enorm ungewohnt, an einem fremden Gesicht zu «arbeiten». Eine Lotion mit Glykolsäure massiere ich Mithilfe eines Pinsels ein – und muss dabei unbedingt vermeiden, dass Flüssigkeit in die Augen kommt. Mit einem Pinsel in einem fremden Gesicht herumzustreichen, ist total ungewohnt, irgendwie unangenehm für mich. Aber auch spannend.
Warten und wirken lassen
Das Peeling entfernt die Hornschnuppen und regt die Kollagenfasern an, dadurch wird der Hauterneuerungsprozess angeregt. Normalerweise wäre jetzt der Zeitpunkt, wo man die oberflächlichen Pickel und Griesskörner mit einer sterilen Nadel rausdrückt und entfernt. Ein Pickelpiekser, wie ich ihn nenne. Wir lassen das. Und es sind wohl alle froh darüber – ich am meisten. Ich trage einen hoch konzentrierten Wirkstoff auf. Die Kundin muss nichts tun – ausser warten und einwirken lassen. Für mich der Moment, dass mir Leuthold ihr Unternehmen zeigt.
Die Stimmung bei «The Skin» ist stets harmonisch. Im Raum herrscht die perfekte Temperatur, nicht zu kalt, nicht zu warm. Es duftet dezent gut, es ist supersauber. Die Mitarbeiter sind superfreundlich und aufgestellt. Und die Räumlichkeiten am Kirchenrain 8, beim Verkehrsnadelöhr Wohlens (gleich oberhalb des «Sternen»), sind grösser, als es von aussen wirkt. Hier, wo früher der «Get Wild» Schallplatten und CDs verkaufte, ist nun auf 300 Quadratmetern (auf zwei Stockwerken) ein Ort des Wohlfühlens entstanden.
1500 Stammkunden
Seit 2016 ist das Unternehmen hier, vorher hiess es «Mint» und war acht Jahre in Dottikon. Bettina Leuthold (ursprünglich aus dem Kanton Luzern) hat hier als Geschäftsführerin aus «The Skin» eine Marke gemacht, die Kundinnen und Kunden (80 Prozent Frauen, 20 Prozent Männer) aus dem ganzen Kanton Aargau anzieht – und sich aus der Fülle von Beauty-Salons abhebt. Die acht ausgelernten Mitarbeiterinnen und die sechs Lernenden verwöhnen hier an neun Arbeitsplätzen rund 1500 Stammkunden.
Im vorderen, grossen Teil sind drei Stühle, die enorm beliebt sind. «Hier kann man sich gemeinsam verwöhnen lassen», sagt Leuthold und erklärt, dass Freundinnen oder auch Mütter und Töchter dies enorm schätzen, wenn sie während der Behandlung plaudern können. Fusspflege läuft mit Abstand am besten. Massagen oder die sogenannten «Facials», also Gesichtsbehandlungen, kommen auch gut an. HydraFacial, Microneedling, Mesopeel, auch das wird oft gemacht. Ich lerne an diesem Tag ganz viele neue Wörter.
Bettina Leuthold ist während meiner «Schnupperlehre» stets an meiner Seite. Und sie ist ein wahrer Profi. «All unsere Mitarbeiterinnen machen den Job mit viel Leidenschaft», sagt die 41-Jährige. Und der Job ist anspruchsvoll. Ein Beispiel: Bei der Lehrabschlussprüfung zur Kosmetikerin muss man über 100 verschiedene Wirk- und Inhaltsstoffe kennen. Biologie, Anatomie und Wirkung muss man verstehen. Man soll schliesslich wissen, was hilft und aufgetragen wird.
Vorsicht vor der Sonne
Meine Kundin liegt noch gemütlich und mit geschlossenen Augen auf dem Behandlungstisch. Das klingt unbequemer, als es ist. Mit nassen Schwämmen und Kompressen entferne ich das Peeling und neutralisiere es mit einer Lotion und Wattepads. Das Gesicht wird gesäubert. «Vorsicht vor der Sonne.
Durch das Peeling ist die Hornschicht nun dünner und damit der Sonnenschutz vermindert», sagt Leuthold. Und wie war es für Sabrina Salm, meine Redaktionskollegin, von einem absoluten Laien ein verkürztes Facial zu erhalten? «Überraschend gut», sagt sie.
Was hätte diese Behandlung bei einem Profi gekostet? Eine klassische Gesichtspflege dauert rund 1,5 Stunden. Massage, Maske, Augenbrauenzupfen. Das für 209 Franken. Die Behandlung durch mich ist natürlich kostenlos. Apropos Geld: Leuthold sagt, dass der Job als Kosmetikerin schlecht bezahlt ist. «Im Durchschnitt gibt es 4000 Franken Monatslohn», sagt sie.
Bei «The Skin» sind die Preise etwas teurer als an anderen Orten. So kann sie einerseits ihren grösstenteils langjährigen Mitarbeiterinnen mehr bieten und andererseits das Niveau der anspruchsvollen Kundschaft hochhalten. Der Erfolg gibt ihr Recht.
Männliche Kosmetiker sind die Ausnahme
Ich habe an diesem Tag ganz viel gelernt, Dutzende neue Begriffe und Wörter erfahren – und mehrere Dinge zum ersten Mal gemacht. Es war spannend, harmonisch, ungewohnt – und auch lustig. Leutholds Urteil über meine teilweise tollpatschige Arbeit: «Gut gemacht. Fürs erste Mal.» Ich würde mich grundsätzlich als Kosmetiker eignen, meint sie. Auch Bettina Leuthold würde sich mehr Männer wünschen, die den Job als Kosmetiker ausführen. Ob dies auch bei der Kundschaft der Fall wäre, ist zu bezweifeln. Leuthold sagt: «Eine weibliche Kundin würde sich beispielsweise eher weniger ein Brazilian Waxing von einem männlichen Kosmetiker durchführen lassen.» Ich frage Leuthold, was ein Brazilian Waxing denn genau ist. Ich glaube, Kosmetiker ist doch nichts für mich.


