Vor dem grossen Auftritt
21.04.2026 Wohlen, Kultur, Theater, Kommende EventsAm Samstag feiert im Sternensaal das Stück «Der Tribun» in einer neuen Form seine Premiere
Ein Politiker übt seine grosse Rede. Dazwischen erklingen zehn Märsche. Mehr passiert eigentlich nicht in Mauricio Kagels preisgekröntem Hörspiel ...
Am Samstag feiert im Sternensaal das Stück «Der Tribun» in einer neuen Form seine Premiere
Ein Politiker übt seine grosse Rede. Dazwischen erklingen zehn Märsche. Mehr passiert eigentlich nicht in Mauricio Kagels preisgekröntem Hörspiel aus dem Jahr 1978. Für ihre Bühnenfassung haben sich Werner Bodinek und Jonas Arnet aber einiges überlegt.
Chregi Hansen
Er hat diese Idee sehr lange mit sich herumgetragen. «Schon in meiner Zeit beim Theater M.A.R.I.A. haben Dodo Deer und ich uns überlegt, wie wir das auf die Bühne bringen könnten», sagt der Aargauer Schauspieler Werner Bodinek. Das war in den 80er-Jahren. Über 40 Jahre später ist es so weit. Am Samstag feiert seine Version von «Der Tribun» im Sternensaal Premiere.
Das liegt zum einen an den heutigen politischen Zeiten. Auch wenn «Der Tribun» keine Positionen bezieht, weder links noch rechts agiert, so hält er der Politik doch den Spiegel vor. «Je schlimmer es politisch wird, desto dringlicher wurde es, das Stück wieder aufzuführen», sagt Bodinek. Zum Zweiten hat er den idealen Mann für die Inszenierung gefunden: den Wohler Jonas Arnet. «Ich war überrascht von der Anfrage, ich komme von der Musik, habe noch nie Regie geführt», erzählt er. «Ich wusste, Jonas kann das», entgegnet Bodinek.
500 Floskeln gesammelt
«Vom Balkon seiner Residenz übt der erste Mann im Staat eine jener endlos dahinfliessenden Reden, die er häufig der versammelten Bevölkerung vorzutragen pflegt. Zur optimalen Ermunterung des Politikers werden die Reaktionen der nicht vorhandenen, jedoch weich dressierten Zuhörer vom Tonband über Lautsprecher eingespielt. In einer Ecke des Platzes steht die beste Militärkapelle des Landes parat.» So beschreibt Mauricio Kagel selber den Inhalt seines Hörspiels. «Für das Stück hat er 500 Floskeln von Politikern gesammelt. Und dann lange daran gefeilt, wie er sie aneinander reiht», erklärt Bodinek. «Diese Floskeln sind jetzt 50 Jahre alt. Aber wir hören heute immer noch dasselbe», ergänzt Arnet. Beispiele gefällig? «Eine einzige Nation. Eine Einheit.» Oder «Mein Volk, ich liebe euch.» Oder «Ich habe mit euch gelitten. Ich habe mich für euch gefreut. Ich habe euch das gegeben, was ich konnte.» Viel Pathos. Wenig Inhalt.
Neue Ebene geschaffen
Es ist ein immer fliessender Monolog von Zitaten. Und keine Geschichte, die erzählt wird. «Wir haben uns lange überlegt, wie wir das auf die Bühne verlegen können», erzählen die beiden. «Mir war es wichtig, dem Ganzen eine neue Ebene zu geben. Dafür brauchte es eine zweite Rolle. Eine Person, die wortlos kommentiert», sagt er. Die Wahl fiel auf die Wohler Sängerin Julia Frischknecht. «Ich kenne sie von früheren Projekten. Und sie kann ich auch in den musikalischen Teilen einbinden», erklärt der Regisseur und musikalische Leiter.
Von Beziehungen profitiert
«Ich spiele eine Rolle, die es gar nicht gibt», schmunzelt Frischknecht, Sie habe schon immer gerne Theater gespielt, und das Stück helfe ihr, den Horizont zu erweitern. «Ich probiere gerne Neues aus.» Weil das Hörspiel keine zweite Rolle vorsieht, musste ihr Part erst in einem Prozess entwickelt werden. «Und jetzt bin ich die Einzige, die das ganze Stück über auf der Bühne zu sehen ist», verrät die Wohlerin. Ihr gefällt die Rolle, «sie hält alles zusammen». Und als Einwohnerratspräsidentin ist ihr das Thema der politischen Floskeln nicht fremd.
«Wir kannten uns nicht gut. Aber es ist schön, mit so jungen und kreativen Leuten zu arbeiten, das ist eine tolle Erfahrung», sagt der 78-jährige Schauspieler. Und man profitiere auch von Jonas Arnets grossen Beziehungen. Denn im Stück werden auch zehn Märsche gespielt. «Uns war es wichtig, dass diese live gespielt werden», sagt der Regisseur. Dafür hat er ein Quintett zusammengestellt mit lauter hervorragenden Musikern und Musikerinnen. Und die sind durchaus gefordert. Komponiert hat sie ebenfalls Mauricio Kagel, er bezeichnete sie als Märsche, um den Sieg zu verfehlen. «Es sind absichtlich falsch komponierte Märsche, zu denen man gar nicht marschieren kann», erklärt Arnet. Und auch sehr schwierig zu spielen sind. «Ich habe gestaunt, als wir erstmals mit den Musikern geprobt haben. Sie haben die Noten erhalten. Und das hat von Anfang an geklappt», lobt Bodinek.
Zu diesen Märschen kann man nicht marschieren
Der Musik kommt eine grosse Bedeutung zu. «Die Musiker spielen nicht nur, sie bewegen sich auch durch den Raum», sagt Arnet. «Uns war es ein Anliegen, die Bühne zu sprengen und nicht einfach frontal vor dem Publikum zu spielen», ergänzt Bodinek. Dazu kommt der Applaus des Volkes, der per Lautsprecher eingespielt wird. Das passt – schliesslich steht der Politiker noch nicht vor seinem Volk, sondern übt den Auftritt. Dafür haben sich die Macher ein spezielles Setting ausgedacht. Das aber hier nicht verraten wird.
Sternensaal als Probelokal und Co-Produzent
Derzeit übt das Trio intensiv im Sternensaal. Der ideale Ort, wie Julia Frischknecht findet. «Der Saal hat etwas Altehrwürdiges, aber wirkt auch etwas aus der Zeit gefallen. Ganz so wie der Politiker im Stück», sagt sie. Schauspieler Bodinek wiederum ist enorm dankbar, dass er sein neues Projekt hier einstudieren kann. «Es ist toll, wie der Sternensaal mich unterstützt, das ist nicht selbstverständlich.» Zusammen mit der Stanzerei Baden tritt der Sternensaal auch als Co-Produzent in Erscheinung. Unterstützung gab es auch vom Aargauer Kuratorium, der Gemeinde Wohlen und verschiedenen Stiftungen. «Das ist ein schönes Zeichen in einer Zeit, in welcher der Kultur immer Gelder gestrichen werden», so der Initiant.
Jonas Arnet wiederum ist dankbar, dass er hier sein Regie-Debüt feiern kann. «Ich spüre viel Vertrauen von Werner. Er lässt mich ganz viel ausprobieren», sagt er. Trotzdem sei das Ganze auch anspruchsvoll. Noch gibt es viel zu tun bis zur Premiere am Samstag. «Wir feilen derzeit an den Details», so der Neo-Regisseur. Aber alle drei freuen sich extrem auf die Vorstellung. Trotz seiner fast 50 Jahre auf dem Buckel und Kagels Verbot, die Floskeln dem Zeitgeist anzupassen, sei «Der Tribun» noch immer aktuell. Gerade auch in diesen Zeiten. Die Politiker heute nutzen teilweise die gleichen Worte. Und wie der Darsteller im Stück üben sie wohl auch vor dem Auftritt, wie sie die Worte richtig klingen lassen können. Wie es im Sternensaal klingt, sollte man nicht verpassen. Wenn es dann heisst: «Mein Volk!»
«Der Tribun – Die Macht der politischen Rede»: Samstag, 25. April, 20 Uhr, Sternensaal. Informationen und Tickets: www.sternensaal-wohlen.ch

