«Wir müssen uns nicht verstecken»
10.07.2026 Sport, FussballWie einst, nur anders
Sforza ordnet die Schweizer Nati an der WM ein
Gleicher Kontinent, gleicher Gegner. Der Wohler Ciriaco Sforza war dabei, als die Schweiz an der Weltmeisterschaft 1994 in den USA gegen Kolumbien spielte. Und er verfolgte, wie die Nati am Dienstag Historisches schaffte: den ersten Viertelfinal-Einzug seit 1954. Der ehemalige Nationalspieler blickt zurück und spricht darüber, was er der Nati nun zutraut. --red
Weltmeisterschaft: Die Schweiz steht im Viertelfinal, der Wohler Altinternationale Ciriaco Sforza ordnet ein
Die Schweizer Fussballnationalmannschaft erreicht zum ersten Mal seit 1954 einen WM-Viertelfinal. Der Sieg gegen Kolumbien im Penaltyschiessen macht es möglich. Der Wohler Ciriaco Sforza traf 1994 an der WM in den USA ebenfalls auf Kolumbien. Er erinnert sich an das damalige Spiel und sieht im aktuellen Erfolg vor allem das Ergebnis einer langen Entwicklung.
Josip Lasic
Die Schweiz hat es geschafft: Sie steht im WM-Viertelfinal. Nach 120 torlosen Minuten besiegt die Nati Kolumbien im Penaltyschiessen 4:3. Die Schweiz jubelt, als Ruben Vargas den entscheidenden Penalty verwandelt. Zum ersten Mal seit der Heim-WM 1954 gehört sie zu den letzten acht.
Auch 1994 fand die WM in Nordamerika statt. Ciriaco Sforza stand damals im Schweizer Kader. Einer der Gegner hiess ebenfalls Kolumbien. «Klar erinnert man sich daran», sagt Sforza. «Aber es waren zwei völlig verschiedene Spiele.» Damals trafen die Teams am letzten Spieltag der Gruppenphase aufeinander. Für Kolumbien ging es um alles, während die Schweiz bereits sicher im Achtelfinal stand. Der 2:0-Sieg der Südamerikaner änderte nichts mehr: Kolumbien schied trotzdem aus. Für Sforza und seine Teamkollegen folgte der Achtelfinal gegen Spanien. Nach dem 0:3 war Endstation.
Zwei Spiele, zwei komplett verschiedene Ausgangslagen
Diesmal stand alles auf dem Spiel. Eine Niederlage hätte das Aus bedeutet. Wieder wäre im Achtelfinal Schluss gewesen – wie 2022, 2018, 2014, 2006 oder 1994. «Es war nicht ganz einfach für das Team. Alle sprechen vom Viertelfinal. Dann steht es 0:0, du musst in die Verlängerung. Dort kommen die Kolumbianer noch zu einigen guten Gelegenheiten. Und ein Penaltyschiessen bleibt Glückssache. Am Ende lief es super für das Team.» Es habe auch andere Jahre gegeben, in denen die Schweiz nur knapp gescheitert sei und mit etwas mehr Glück hätte weiterkommen können. «Dass es diesmal eingeschlagen hat, ist für mich dennoch das Resultat der Entwicklung der letzten Jahre.»
Am deutlichsten zeigt sich diese Entwicklung im Vergleich der damaligen Teams. Kolumbien habe 1994 mehr Qualität besessen als heute, sagt Sforza. Gleichzeitig nahm die Schweiz damals zum ersten Mal seit 1966 wieder an einer WM teil. Dem Team fehlte die Turniererfahrung der heutigen Generation. Auch der Kader war anders: Fast alle Schweizer spielten in der heimischen Liga. Heute stehen die meisten bei Vereinen in europäischen Topligen unter Vertrag. «Das Team konnte über Jahre wachsen und hat jetzt eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern. Die Schweiz geniesst Anerkennung auf der grossen Fussballbühne. Mit dem Viertelfinal dürfte diese Anerkennung weiter wachsen.» Den Einwand, das Duell gegen die Südamerikaner sei offensiv kein Meisterwerk gewesen, ordnet der 56-Jährige nüchtern ein. «So viele andere Teams hätten den Viertelfinal gern erreicht. Die Schweiz hat es geschafft. Das ist bereits eine grossartige Leistung.» Man könne überall kritisieren, wenn man wolle. «Aber die Schweiz hat in der K.-o.-Runde bisher kein Gegentor kassiert. In der Vorrunde waren es wenige. Offensiv hat die Nati an dieser WM ebenfalls starke Auftritte gezeigt», sagt der Wohler. «Tatsache ist, dass das Nationalteam ein stabiles Turnier spielt – offensiv wie defensiv.» Dass nicht in jedem Spiel alles perfekt laufe, gehöre dazu. «An einer WM hängen viele Spiele von der Tagesform ab. Man soll nicht alles gleichzeitig einfordern. Erst nach dem Turnier lässt sich beurteilen, was besser hätte laufen können und wo sich das Team noch verbessern kann. Jetzt zählt die Leistung: Die Schweiz steht im Viertelfinal.»
Jetzt wartet Messi
Dort trifft die Schweiz auf Titelverteidiger Argentinien mit Lionel Messi. Damit wartet erstmals ein Gegner von internationalem Spitzenformat. «Wenn man mit der Einstellung in die Partie geht, dass man mit dem Viertelfinal genug erreicht hat, wird man ausscheiden. Als Spieler wollte ich jedes Spiel gewinnen. Die Schweiz wird auch gegen Argentinien mit Leidenschaft spielen.» Kleinere Teams haben an dieser WM gezeigt, dass sie Favoriten schlagen können. Gerade die Argentinier waren gegen Kap Verde und Ägypten nahe am Straucheln. «Wieso sollte es der Schweiz nicht möglich sein, da etwas zu holen?» Für Sforza wird das Spiel zur Standortbestimmung. Die Schweiz gehört zu den letzten acht Mannschaften des Turniers. Nun zeigt sich, wo sie im Vergleich mit den übrigen Viertelfinalisten steht – spielerisch, taktisch und kämpferisch.
Sforza redet die Schweiz nicht grösser, als sie ist. Er redet sie aber auch nicht kleiner. «Wir müssen uns nicht verstecken», sagt er mit Blick auf die grossen Fussballnationen. «Wir müssen unseren Fussballern Zeit und Vertrauen geben», sagt er. «Die Entwicklung ist sichtbar.»



