Aus der Optik der Geflüchteten
23.06.2026 Kunst, MuriAnders entdecken
Integration beginnt dort, wo Menschen einander begegnen. Die Ausstellung «Durch ihre Augen» erinnert daran, dass hinter jeder Fluchtgeschichte ein menschliches Schicksal steht. Sie lädt dazu ein, vertraute Dinge und bekannte Orte neu zu ...
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Integration beginnt dort, wo Menschen einander begegnen. Die Ausstellung «Durch ihre Augen» erinnert daran, dass hinter jeder Fluchtgeschichte ein menschliches Schicksal steht. Sie lädt dazu ein, vertraute Dinge und bekannte Orte neu zu sehen. Die blühende Magnolie vor einem neoklassizistischen Haus steht in der Perspektive der in die Schweiz geflüchteten Fotografin symbolhaft für Ordnung, Schönheit und ein fast makelloses Leben. So sind die Geschichten neben den Bildern die wahren Augenöffner.
--red
Spezielle Vernissage zum Nationalen Flüchtlingstag im Gemeinschaftszentrum
Ein Velo wird zum Zeichen von Sicherheit. Eine Magnolie erinnert an die Heimat. In der Ausstellung «Durch ihre Augen» zeigen Geflüchtete der Unterkunft in Muri ihren Blick auf die Region und machen sichtbar, was hinter Zahlen und Fluchtgeschichten steht.
Unter dem Motto «Menschlich bleiben, Geflüchtete schützen» wird das Gemeinschaftszentrum Muri zum Treffpunkt. Im Zentrum steht die Fotoausstellung «Durch ihre Augen». Die Bilder stammen von geflüchteten Menschen aus dem Asylzentrum Muri. Unter der Leitung von Ioannis Xypolitidis halten sie mit der Kamera fest, wie sie Muri, das Freiamt und ihren neuen Alltag wahrnehmen.
Zwischen Sicherheit und Heimweh
Die Ausstellung beginnt mit einfachen Motiven: einem Baum, einem Haus, einem Velo. Beim genauen Hinschauen merkt man schnell, dass diese Bilder mehr bedeuten als schöne Orte und Gegenstände. Sie zeigen, was es heisst, anzukommen und eine neue Welt mit dem Blick durch die Kamera zu entdecken.
Eine Fotografie zeigt eine blühende Magnolie vor einem neoklassizistischen Haus. Für viele Einheimische ist es ein vertrautes Frühlingsbild. Für die Person hinter der Kamera wird es zu einem Symbol für Ordnung, Schönheit und ein fast makelloses Leben in der Schweiz. Im Text beschreibt die Fotografin, wie sehr sie die Harmonie von Architektur und Natur beeindruckt. Gleichzeitig löst der Anblick Heimweh aus. Die Äste der Magnolie wachsen in verschiedene Richtungen, ähnlich wie die Gedanken, die von der neuen Welt immer wieder in die Heimat kreisen.
Ein weiteres Bild zeigt ein Velo auf einem Pflastersteinweg vor dem Hotel Adler. Es steht draussen, in gutem Zustand, und offenbar hat der Besitzer keine Angst, dass es gestohlen wird.
Was hier alltäglich wirkt, ist für den Fotografen ein Zeichen von Sicherheit und Vertrauen. Schutz ist in diesem Bild kein abstrakter Begriff, sondern widerspiegelt sich im Alltag: sich frei zu bewegen, Dinge stehen zu lassen, durch Strassen zu gehen und dabei keine ständige Gefahr im Rücken zu spüren.
Verschiedene Organisatoren spannen zusammen
Organisiert wird der Tag von der Regionalen Integrationsfachstelle Oberes Freiamt, dem Gemeinschaftszentrum Muri und zahlreichen Freiwilligen. Für Ioannis Xypolitidis, den Leiter der Unterkunft Muri, ist die Ausstellung ein Versuch, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. «Diese Ausstellung möchte Brücken bauen», sagt er. Anna Rotzetter von der Regionalen Integrationsfachstelle Oberes Freiamt beschreibt seinen Einsatz als besonders engagiert. Er sei «mit Herzblut dabei».
Zahlen erhalten Gesichter
Die persönlichen Bilder und Texte stehen neben Fakten, die beim Quiz im Gemeinschaftszentrum vermittelt werden. Ohne die aus der Ukraine geflüchteten Menschen liegt das Verhältnis zwischen Menschen, denen Asyl gewährt wird, und der Schweizer Wohnbevölkerung bei 1 zu 60. Von den Schutzsuchenden sind im Jahr 2025 knapp 40 Prozent Kinder und Jugendliche. Von 100 Jugendlichen, die mit 16 oder 17 Jahren in die Schweiz kommen, haben 87 nach fünf Jahren eine Ausbildung begonnen oder abgeschlossen. Solche Zahlen ordnen die Debatte ein. Die Ausstellung zeigt dazu die Menschen hinter diesen Zahlen.
Sabiha ist eine der Fotografinnen. Seit knapp einem Jahr befindet sie sich mit ihrer Familie in der Schweiz. «Flüchtling zu sein, bedeutet nicht nur, dass ich mein Land verlassen musste. Es ist auch ein schmerzlicher Abschied. Ich musste alles zurücklassen: eine vertraute Umgebung, eine vertraute Kultur, ganz viele Menschen. Und hier muss ich meine Rolle finden und mich eingliedern», sagt das junge Mädchen aus Afghanistan. Für Sabiha bedeutet Schutz deshalb mehr als eine Unterkunft. Schutz bedeute Sicherheit, Respekt und das Gefühl, als Mensch gesehen zu werden. Es bedeute auch, lernen und arbeiten zu können sowie Vertrauen aufzubauen. Damit wird das Motto des Nationalen Flüchtlingstags konkret: Menschlich bleiben heisst, Geflüchtete nicht nur als Zahlen oder Fälle zu sehen, sondern als Menschen mit Erfahrungen, Fähigkeiten und Zukunftsplänen.
Brücken bauen durch Begegnung
Der Nationale Flüchtlingstag in Muri zeigt, dass Integration dort beginnt, wo Menschen einander begegnen. Die Ausstellung «Durch ihre Augen» lädt dazu ein, vertraute Orte neu zu sehen. Sie erinnert daran, dass hinter jeder Fluchtgeschichte ein menschliches Schicksal steht. Wer sich mit den einzelnen Geschichten auseinandersetzt, entdeckt auch die eigene Umgebung aus einer neuen Perspektive.
So, wie die Asylsuchenden ihre neue Heimat durch die Kamera entdecken, können auch Besucherinnen und Besucher einen neuen Blickwinkel finden und das Schicksal dieser Menschen für einen Moment mit anderen Augen sehen.
--abi



