Das Ende eines Lebenstraums
05.06.2026 Muri, KunstDie Galerie «See & Tal» in Muri ist Geschichte – die Räumung stand im Zeichen des Loslassens
So viel wie möglich vor der Mulde retten – darum ging es am Räumungsverkauf an der Seetalstrasse 12. Die verbliebenen Bilder standen zu ...
Die Galerie «See & Tal» in Muri ist Geschichte – die Räumung stand im Zeichen des Loslassens
So viel wie möglich vor der Mulde retten – darum ging es am Räumungsverkauf an der Seetalstrasse 12. Die verbliebenen Bilder standen zu symbolischen Beträgen zum Verkauf, anderes wurde gar verschenkt.
Thomas Stöckli
Sie gehörte 18 Jahre lang zum Ortsbild von Muri, die Galerie See & Tal, zwischen dem Café Stern und dem Restaurant Ochsen an der Seetalstrasse. Kunstmaler Ernst Hunziker hat sich damit einst einen lange gehegten Traum erfüllt. Auf rund 50 Quadratmetern konnte er hier Bilder aus seiner ganzen Laufbahn zeigen. Es ist ein vielseitiges Œuvre, geprägt von der Auseinandersetzung mit verschiedenen Stilen und Techniken.
Landschaftsmotive aus der Region
Schon als Teenager hat Ernst Hunziker erste Anläufe unternommen, seine Kreativität mit Farben auszudrücken. Seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, das schien ihm allerdings keine realistische Option. Trotzdem blieb er dran, griff in seiner Freizeit zu Stift oder Pinsel, wann immer er in «entsprechender Gemütslage» war, wie er es selbst bezeichnete. Nicht, um eine Botschaft zu vermitteln, sondern einfach, um Wahrnehmungen festzuhalten, die ihm gefielen. Hauptsächlich sind es Landschaftsmotive aus der Region, zuweilen auch Erinnerungen an Auslandsreisen.
Zeugnis dieser tiefgreifenden Leidenschaft legte die Galerie an der Seetalstrasse ab. Auch über den Tod des Kunstmalers vor über zehn Jahren hinaus. Fortan kümmerte sich nämlich seine Witwe mit viel Herzblut um den Betrieb der Galerie und den Verkauf des künstlerischen Nachlasses ihres Mannes. Zuerst fuhr Edith Hunziker dazu täglich von ihrem Wohnort Buttwil nach Muri, später noch von Mittwoch bis Samstag, zuletzt musste sie sich chauffieren lassen. Im Dezember öffnete die Galerie letztmals regulär ihre Tür. Im Januar verstarb Edith Hunziker im Alter von 90 Jahren ebenfalls.
Der Tag, an dem Ruth Hunziker 91 Jahre alt geworden wäre
Nun stand die Räumung der Galerie an. «Alles muss raus» hiess es in einem entsprechenden Print-Inserat. «Die Bilder werden zu Ihrem Gebot verkauft, Bücher, Malerbedarf und alles andere wird verschenkt.» Weil es der kinderlosen Edith Hunziker ein Anliegen war, die Bilder ihres Mannes unter die Leute zu bringen, hat sie einen jahrelangen Freund und Reisegefährten beauftragt, einen letzten Ausverkauf durchzuführen. Und dieser fand nun mit Einwilligung des Notars statt – just am Tag, an dem Edith Hunziker 91 Jahre alt geworden wäre.
Es geht an diesem Tag ums Loslassen. Nicht nur von Gegenständen. Die Tür der Galerie an der Seetalstrasse ist schon einige Minuten vor dem publizierten Beginn des Räumungsverkaufs offen. Die Kundschaft tröpfelte stetig herein. Menschen, die Edith Hunziker kannten, teilen ihre Erinnerungen und Geschichten. Jemand sichert sich eine Staffelei, andere suchen nach Rahmen. «Wäre schade, wenn das in der Mulde landen würde», hört man immer wieder. Und so finden eine Miniaturkrippe und ein mit Blumenmotiven verziertes Schneidebrett, verschiedene Pinsel und Farbtuben neue Besitzerinnen und Besitzer. Ein kleiner Junge entdeckt eine blaue Holzschatulle als Schatzkiste und darf sie mitnehmen. Die Möbel aus den 70er-Jahren hat bereits zuvor ein Händler abgeholt.
Schwermut – und doch auch Hoffnung
Hauptsächlich geht es allerdings um die Bilder von Ernst Hunziker. Die eigentlichen Perlen sind bereits weg, wie der Vergleich mit früheren Ansichten der Galerie zeigt. Und doch entdeckt noch die eine oder der andere ein Bijou, das ihn oder sie persönlich anspricht. So finden insgesamt noch etwa 20 Bilder neue Besitzer. Erst als um 15 Uhr der Regen einsetzt, wird es stiller an der Seetalstrasse 12.
Der Endgültigkeit des Ausverkaufs wohnt etwas Bedrückendes inne. Die übrig bleibenden Bilder werden ohne Rahmen verpackt, abtransportiert und erst mal eingelagert, für künftige weitere Verkaufsversuche über Online-Plattformen. Alles andere landet tags darauf in der Mulde, die wiederum einen Tag später abgeholt wird. Die Galerie See & Tal, die Erfüllung des Traums von Ernst Hunziker, ist damit definitiv Geschichte. Bei aller Schwermut hat die Situation doch auch etwas Hoffnungsvolles. Gemäss dem Wunsch der Witwe fanden manche Bilder doch noch ein neues Zuhause. In ihnen lebt der Traum der Hunzikers weiter.


