Der doppelte Elefant

  21.06.2022 Region Unterfreiamt

Der Kulturkreis Villmergen lud zu einem spannenden Rundgang durch Hilfikon

Hilfikon ist vor allem bekannt für sein Schloss und für das jährliche Motocross. Doch der Ort hat auch sonst ganz viel Interessantes zu bieten, wie die vielen Teilnehmer und Teilnehmerinnen der 3. Villmerger «Kultour» erfahren haben.

Chregi Hansen

Theo Hagenbuch warnte gleich zu Beginn: «Es geht heute viel und steil nach oben. Aber zum Glück auch wieder abwärts», erklärte der Hilfiker, der neben Willy Brunner als zweiter Führer zum Einsatz kam. Und er hatte recht. Sowohl zum Schloss hoch wie auch auf der westlichen Talseite, die steil zum Rietenberg ansteigt, geht es teilweise ruppig aufwärts. Und so mancher fragte sich, wie diese Strassen mit dem Velo zu meistern sind. «Die Hilfiker haben sicher alle ein E-Bike», scherzte einer.

Die Führung durch Hilfikon war die bereits dritte «Kultour», welche der Villmerger Kulturkreis anbot. Und wie schon bei den früheren Veranstaltungen war das Interesse gross. Wobei Hagenbuch noch vor dem Start Kritik anbrachte. Dass die Veranstalter in ihrer Ankündigung vom Ortsteil Hilfikon sprachen, das gefiel ihm überhaupt nicht. «Wir sind kein Dorfteil. Hilfikon gibt es. Und zwar nur einmal», erklärte er. Zwar habe man vor etwas mehr als zehn Jahren fusioniert, aber als Ortsteil sieht man sich hier trotzdem nicht. «Damals haben wir Villmergen als starken Partner gewählt. Wenn wir heute die Entwicklung des Steuerfusses anschauen, hätten wir vielleicht besser in Sarmenstorf angefragt», scherzte der Hilfiker.

Ein Villmerger führt durch Hilfikon

Bei so viel Lokalpatriotismus fand es Willy Brunner fast schon verwegen, dass er als Villmerger eine der beiden Gruppen führen durfte. Immerhin: Hilfikon ist ihm nicht ganz unbekannt. Er habe als Kind oft bei den Hilfiker Bauern gearbeitet und wusste darum, dass die Kartoffeln, der Most und der Schnaps von hier kommen. Und natürlich weiss Willy Brunner auch ganz genau, dass die Geschichte des Ortes eng verknüpft ist mit derjenigen des Schlosses. «Das Schloss hat den Ort geprägt», machte er gleich zu Beginn deutlich.

Das Schloss war dann auch die erste Station, welche auf der Führung angesteuert wurde. Und dort konnte Brunner ein erstes Mal für eine Überraschung sorgen. Das heutige Wohngebäude vor dem Eingang zum Schlosspark beherbergte früher das Gasthaus zum Elefant. Doch stand die Beiz nicht an der Strasse von Villmergen nach Sarmenstorf? «Das stimmt», so Brunner, «aber früher führte die Hauptstrasse eben am Schloss vorbei. Darum befanden sich hier ein Gasthaus und die Stallungen, damit weitere Pferde vorgespannt werden konnten.» Die neue Hauptstrasse wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut. Dort wurde dann ebenfalls ein Gasthaus eröffnet. «Dieses hiess ursprünglich Pinte, erst später wurde es als Elefant bezeichnet», wusste Brunner zu berichten. So gab es den alten und den neuen «Elefant» sowie eine weitere Beiz auf einem Hof, sodass das kleine Hilfikon zeitweise drei Gasthäuser besass. Heute sind alle verschwunden.

Die Geschichte vom Flugplatz

Das Schloss hat baulich im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen erfahren. Und auch viele verschiedene Besitzer. Einen hob Brunner besonders hervor: Hermann Nabholz. Der Seidenfabrikant und Mitbegründer des Zürcher Fussballclubs GC erwarb das Schloss 1907. Der Hobbyflieger liess auf den Feldern neben dem Schloss gar einen Flugplatz errichten. Gleichzeitig engagierte er sich auch im Dorf, beispielsweise für die Schule. Und liess viele Hilfiker Kinder auch mal in seinem Flugzeug mitfliegen. Nabholz verlor während der Weltwirtschaftskrise sein Vermögen und musste das Schloss verkaufen. Der Flugplatz wurde im Zweiten Weltkrieg wieder zu Ackerland umgewandelt.

Wenn der Schnapsvogt kommt

Auch wenn Hilfikon ein eher armes Bauerndorf war, so hat die Nähe zum Schloss stets ausgestrahlt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde beispielsweise eine Theatergesellschaft gegründet, welche zu Vorstellungen in den alten «Elefant» einlud. Auch die Pferdezucht und das Reiten haben bis heute Tradition im Ort. Auf der Führung wusste Willy Brunner immer wieder Spannendes und Lustiges zu erzählen. So etwa vom ewigen Konkurrenzkampf der Bewohner des Oberen und des Unteren Sandbühl. Oder von den drei Brüdern, die im Sandbühl so fleissig Schnaps brannten und ausschenkten, dass die Alkoholverwaltung auf sie aufmerksam wurde. Doch vor deren Kontrolle wurden sie von der Gemeinde gewarnt, sodass sie sich im Wald verstecken konnten und der Kontrolleur vor verschlossenen Toren stand. «Das nennt man gute Nachbarschaftshilfe», erklärte Brunner schmunzelnd.

In Hilfikon hatten die Männer das Sagen

Brunner führte die Gruppe auch abseits der bekannten Pfade. Erzählte dabei vom Bau der ersten Wasserreservoirs, vom Einfluss der Wohlen-Meisterschwanden-Bahn auf den Ort, aber auch über das meist sehr konservative, bäuerlich geprägte Weltbild im Dorf. So stimmte Hilfikon 1971 mit 28 Nein zu 3 Ja gegen die Einführung des Frauenstimmrechts. Dafür besass man lange einen Gemeindeweibel, der an Neujahr allen Haushaltungen persönlich die Glückwünsche des Gemeinderates überbrachte. «Natürlich musste er überall auch anstossen. Spätestens nach dem fünften Haus war er nicht mehr ganz nüchtern und die Glückwünsche nicht mehr klar verständlich», weiss Brunner aus Erzählungen.

Anstossen konnten nach der Führung auch alle Teilnehmenden. Während sie die steilen Hänge rauf- und runterwanderten, hatte der Feuerwehrverein für ein grosses Feuer gesorgt. Bei Wurst und Getränken gab es beim ehemaligen Gemeindehaus noch viel zu diskutieren. Dass der Abend regenfrei blieb, war nach den drei Jahren Warten wohl der verdiente Lohn für den Kulturverein. Und zum Glück geht es kaum wieder drei Jahre bis zur nächsten Tour.


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