Der schwarz-orange Star
14.08.2026 MuriMit dem Velomobil ans Nordkap
«North Cape 4000»: Der Murianer Heinz Loher erreicht nach gut zwei Wochen das Ziel
Start in Rovereto, Ziel am Nordkap. Durch acht Länder und viele Landschaften. Ein Abenteuer für Heinz ...
Mit dem Velomobil ans Nordkap
«North Cape 4000»: Der Murianer Heinz Loher erreicht nach gut zwei Wochen das Ziel
Start in Rovereto, Ziel am Nordkap. Durch acht Länder und viele Landschaften. Ein Abenteuer für Heinz Loher.
Annemarie Keusch
Extreme sportliche Herausforderungen sind für Heinz Loher nichts Neues. «Bisher war ich einfach rennend unterwegs», sagt Heinz Loher und lacht. Jetzt sass er in seinem Velomobil. 14 Tage und drei Stunden war er unterwegs. 4000 Kilometer, vom italienischen Rovereto bis ans Nordkap. «Rein körperlich tat mir überhaupt nichts weh», sagt Loher. Keine Schläge, wie es sie beim Rennen zu absorbieren gibt. Keine unnatürliche Körperhaltung, wie sie auf einem Rennvelo wäre. «Ich habe extra ein Sitzpolster mitgenommen, gebraucht habe ich es aber nie.» Die Herausforderung lag stattdessen in einem anderen Bereich. «Von der Technik abhängig zu sein, das war ein Stressfaktor für mich.» Zu Recht, wie sich bei zwei Defekten herausstellen sollte.
300 bis 350 Kilometer absolvierte Loher durchschnittlich pro Tag. «Kann ich mich während zweier Wochen jeden Tag aufs Neue motivieren? Diese Frage kann ich nun mit Ja beantworten.» Der Moment des Ankommens am Nordkap sei ein ganz spezieller gewesen. Mit Tränen. Der Erleichterung. Der Freude. Der Dankbarkeit. «Letzteres am meisten. Was ich während dieses Abenteuers alles erleben durfte, ist einfach unglaublich schön», sagt der Murianer.
4000 Kilometer bis ans Nordkap: Heinz Loher erzählt von seinem Abenteuer
Am 25. Juli gestartet, am 8. August angekommen. Dazwischen zwei Defekte, die je rund einen Tag Zeit in Anspruch nahmen. Heinz Loher ist Finisher des «North Cape 4000». Sein Velomobil fiel dabei auf. Als 60. von über 500 Teilnehmenden erreichte Loher das Nordkap.
Annemarie Keusch
Es sei die wohl am besten dokumentierte halbe Stunde seines Lebens. Heinz Loher lacht, als er davon erzählt, wie ein Filmteam ihn auf den letzten Metern zum Nordkap begleitete, ihn filmte, fotografierte. «Ich war schon fast ein Exot», sagt er. Nicht, weil er besonders langsam fuhr. Schliesslich war er als 60. im Ziel. Von über 500 Fahrerinnen und Fahrern. «Ohne Defekte wäre ich noch viel weiter vorne.» Abenteuerlust zum Trotz – der Ehrgeiz packte ihn zwischenzeitlich.
Vielmehr aber stach der Murianer wegen seines Gefährts ins Auge. Während fast alle anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Rennvelo unterwegs waren, setzte sich der Murianer in sein Velomobil. «Vereinfacht gesagt ist es ein Liegevelo mit Schale», sagt er. Mit schwarz-oranger Schale. «Gerade im Norden scheinen das kaum Leute zu kennen.» Auch im Freiamt fällt Loher im Strassenverkehr auf. Am «North Cape 4000» war er indes ein wahrer Exot. «Und schnell bei allen bekannt.»
Wie viele Leute ihn unterwegs fotografierten, das konnte Loher schlicht nicht zählen. Er weiss aber, dass sein Gefährt oft ein Türöffner war. «Nicht zuletzt, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen.» Er erzählt von vielen bereichernden und berührenden Begegnungen. Etwa mit einem Paar, das ihn am Nordkap ansprach und meinte, ihn auf dem Weg quer durch Finnland immer wieder gesehen zu haben.
20 Kilometer zu Fuss
Berührend sind aber vor allem die Geschichten, die entstanden, als es eigentlich nicht nach Plan lief. Rund um die zwei Pannen. Die erste ereilte Loher in Schweden. Es müsse wohl ein Fehler beim Schalten gewesen sein, der dazu führte, dass die Kette blockierte und das Schaltkabel riss. Stillstand. Im Nirgendwo. Bei Dauerregen. «Ans Reparieren direkt auf der Strasse war nicht zu denken.» Das Schlottern wegen des Regens, der auf den schweissnassen Körper prallte, war schlicht zu stark. Stattdessen zückte Loher sein Handy. «Um zu schauen, wo das nächste Haus ist.» 20 Kilometer entfernt. Also machte er sich zu Fuss auf, schob sein Velomobil. Bergauf. «Als es auf der anderen Seite bergab ging, konnte ich auch nicht reinsitzen und rollen lassen.» Zuerst waren die Kieselsteine auf dem Weg schlicht zu gross. Nachher kam ein Platten hinzu. Als er den Bauernhof erreichte, konnte er in der Scheune sein Mobil notdürftig reparieren. «Dank Werkzeug vom Bauern und samt feinem Nachtessen.» Das Schaltkabel ersetzte tags darauf der nächstgelegene Velomechaniker.
Es war der erste Zwischenfall. «Davor lief alles wie am Schnürchen», erzählt Loher. Schlafen, essen, fahren
– sein Alltag war auf diese drei Tätigkeiten reduziert. «Und geniessen.» Heinz Loher spricht damit vor allem die Landschaften an. Das war auch einer der Hauptgründe, weshalb er sich überhaupt für das «North Cape 4000» anmeldete. «Von Rovereto zum Nordkap. Italien, Österreich, Deutschland, Polen, Tschechien, Finnland, Norwegen. Durch acht Länder und einzigartige Landschaften. Das reizte mich.» Und das faszinierte ihn auch unterwegs. «Langsam unterwegs zu sein, lässt einen die Natur ganz intensiv erleben.»
Bis nach Mitternacht gefahren – je nach Lust
Wobei langsam vielleicht der falsche Ausdruck ist. Mit seinem Velomobil war Heinz Loher durchaus schnell. «Wenn es eben ist, erreicht man problemlos 50 km/h», erzählt er. Anstrengender wird es bergauf, weil das Velo schwerer ist, weil in der Schalung mehr Stauraum ist – für Werkzeuge, für Lebensmittel, für das Zelt. Darin geschlafen hat Loher, wenn keine andere Unterkunft in der Nähe war. «Oder wenn ich Lust hatte, bis um Mitternacht durchzufahren», erzählt er. Mit der nordischen Mitternachtssonne wollte er dies unbedingt erleben. Es gab aber auch unbequeme Momente. Als es regnete und Loher sich schon damit abfand, in einem Bushäuschen zu schlafen. «Mit der Skijacke hätte ich nicht gefroren.» Zehn Minuten später aber kam ein anderer «North Cape 4000»-Teilnehmer, hielt an. «Ich war unglaublich hungrig. Als er mir sagte, dass keine zehn Minuten entfernt noch ein Kebabstand geöffnet war und dass ich bei ihm im Hotel am Boden schlafen könne, war ich enorm erleichtert.» Dieses Miteinander unter den Fahrerinnen und Fahrern – auch das hat Heinz Loher Eindruck gemacht.
Die seltenen Nächte in den Hotels waren es auch, nach denen er sich so richtig am Frühstücksbuffet stärken konnte. «Normalerweise lag nur ein Halt an einer Tankstelle oder bei einem Einkaufszentrum drin. Da füllte ich die Reserven auf, stopfte irgendetwas in mich hinein und weiter gings.» Per Tracker fand Loher den richtigen Weg. Von Rovereto via München, Berlin, Gränna und Rovaniemi bis ans Nordkap. 14 Tage und drei Stunden brauchte er, um die 4000 Kilometer zurückzulegen. Lange gehörte er zu den 30 schnellsten. «Das wusste ich durch Nachrichten von zu Hause», sagt Loher. Und das weckte den Ehrgeiz in ihm. «Die Defekte brachten mich dazu, diesen Ehrgeiz abzulegen und wieder mehr das Abenteuer und das Geniessen in den Vordergrund zu stellen. Insofern hatten diese auch ihr Gutes.»
Mittlerweile auf dem Rückweg
Der zweite grosse Defekt ereilte ihn nur 350 Kilometer nach dem ersten. Die Kette war wieder kaputt. «Ich hatte sie wohl beim ersten Mal nicht wirklich richtig repariert.» Wieder musste er zum nächstgelegenen Haus laufen und dort anklopfen. «Weil es auch nachts hell ist, war mir gar nicht bewusst, dass es 22.30 Uhr war.» Der Anwohner öffnete die Tür, fuhr ihn ins bereits reservierte 35 Kilometer entfernte Bed and Breakfast, holte ihn am nächsten Morgen dort wieder ab und half ihm beim Flicken seines Velomobils. «Ich wollte ihm dafür etwas geben. Aber er nahm nichts an. Ich solle zum Nordkap fahren, das reiche.» Es sind solche Geschichten, die die erlebten Emotionen auch durch das Telefon spürbar werden lassen.
Mittlerweile ist Heinz Loher auf dem Rückweg in die Schweiz. «Gar nicht einfach», sagt er und lacht. Sein Velomobil kann nicht mit dem Flugzeug transportiert werden. Auch im Zug ist es schwierig. Einige Abschnitte legt er mit der Fähre zurück. Wenn das Wetter stimmt, tritt er wieder in die Pedalen. In spätestens zwei Wochen will er zurück sein. «Ich freue mich, dass mein Alltag dann nicht mehr nur aus Fahren, Essen und Schlafen besteht», sagt er und lacht.
Viel Motivation von zu Hause
Loher blickt auf erfüllende 14 Tage beim «North Cape 4000» zurück. Erfüllt ob der Begegnungen. Ob der Landschaften. Ob der Unterstützung – durch andere Teilnehmer, durch Anwohnende, durch das private Umfeld zu Hause. Via Status hielt er dieses auf dem Laufenden. «Es erreichten mich bis zu 99 Nachrichten. Eine enorme Motivation.» Und eine Erfahrung also, die weit über das Sportliche hinausgeht.




